David Bowie: Auch die Haltung wird bewertet

6. März 2013, 17:25
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Lange Zeit ließ er nichts Neues von sich hören. Doch mit dem Album "The Next Day" und einer großen Designausstellung in London untermauert er seinen Status als visionärer Selbstvermarkter und Selbstinszenierer

Wien - Nach zehn Jahren kaum unterbrochenen Schweigens veröffentlichte David Bowie anlässlich seines 66. Geburtstags am 8. Jänner völlig unerwartet den neuen Song Where Are We Now?. Die nostalgische Ballade über seine berühmten Berliner Jahre wurde gratis ins Netz gestellt und damit das diese Woche offiziell veröffentlichte Comebackalbum angekündigt. Der Coup zeigt, dass Bowie als alter Meister der Selbstvermarktung sowie frühzeitiger Internetprofi schon immer hervorragend zu verkaufen wusste.

Der Mann muss seit seinem Börsengang in den heute nostalgisch belächelten Start-up-Jahren vor fast zwei Jahrzehnten eigentlich keine Musik mehr verkaufen, um sich zu ernähren. Und wenn, dann dürften mindestens so viele Käufer auf die Jubiläumseditionen 40 Jahre alter Alben wie derzeit Aladdin Sane zurückgreifen - wie sie jetzt noch vor ihrem offiziellen Erscheinen die neuen Songs von The Next Day vorab im Stream auf Bowies Homepage hören konnten. Auch in der Pirate Bay erfreut sich The Next Day längst großer Beliebtheit.

Zu all den von Bowie selbstverständlich auch auf Facebook verursachten roten Bäckchen legte er den Veröffentlichungstermin den drei Handvoll Liedern, die während der letzten Jahre streng geheim daheim in New York entstanden waren, mit einer Londoner Großausstellung zusammen.

Ab 23. März wird im Victoria-and-Albert-Museum die bis dato größte Designschau Großbritanniens Bowies Einfluss auf die Mode und Künste sichten. Bei allen etwaigen Geschmacksdiskussionen gilt eines als sicher: Bowie ist der einflussreichste Solokünstler des Pop - und er wird dies auch bleiben. Er ist deshalb derzeit mit Titelgeschichten in allen relevanten Hochglanzmagazinen auch im Zeitschriftenhandel bestens aufgestellt. Das alles soll nur zeigen, dass es bei seiner Kunst auch um Musik geht, aber dringlicher um das Gesamtbild.

Zum Glück will der alte Stilstaubsauger, der seine Rollen immer dadurch entwickelte, dass er sich bei ausgelagerten Innovatoren bediente, heute nicht mehr bei lustigen neueren Stilen wie Dub-step und Post-Dubstep oder Kwaito und Dream Pop andocken.

Wie schon das Cover von The Next Day zeigt, geht es darum, in alten Konstruktionsplänen auf Spurensuche zu gehen, um sowohl den heutigen Altersstandort zu bestimmen als auch heiter-melancholisch Rückschau zu halten. Das alte Cover seines legendären Berlin-Albums Heroes wurde mit einem grauen Block überdeckt, der Titel Heroes mit schwarzem Filzstift durchgestrichen.

Geister der Vergangenheit

Der erste Eindruck mit der berührenden Altersballade Where Are We Now? täuschte gewaltig. Zwar spielt Bowie auch im aktuellen Video zum Song The Stars Are Out Tonight mit Geistern der Vergangenheit. Sie suchen ihn nicht nur mit alten Bildern aus dem untergegangenen Berlin der Mauerjahre heim, sondern auch in Gestalt von Bowie-Replikanten wie dem androgynen kroatischen Supermodel Andrej Pejic oder Doppelgängerin Tilda Swinton.

Auch in Songs wie Love Is Lost, I'd Rather Be High oder dem Titelsong selbst wird zur Freude der treuen Anhängerschaft heftig aus dem Werkkatalog zitiert. Das reicht vom alten, nun ausgeblichenen Boogie seiner Glam-Jahre und diversen Sixties-Reminiszenzen über weißpulvrigen Funk bis zu Noise-Referenzen an Boys Keep Swinging oder Scary Monsters im Song How Does The Grass Grow?.

Eigentlich aber haben wir es bei The Next Day mit würdevoll angegrautem, zeitlosem Midtemporock zu tun. Manchmal knacksen die Knochen. Auf Tournee will Bowie nicht mehr gehen. "Wave goodbye to a life without pain", singt der Mann mit gebrochener, aber immer noch passabler Stimme. Was für ein Schelm. (Christian Schachinger, DER STANDARD, 7.3.2013)

  • "The Stars Are Out Tonight": Bei David Bowie und Tilda Swinton hängt der Haussegen schief. Das sind die Mühen des Alters, schelmisch besungen auf dem neuen Album "The Next Day".
    foto: sony/floria sigismondi

    "The Stars Are Out Tonight": Bei David Bowie und Tilda Swinton hängt der Haussegen schief. Das sind die Mühen des Alters, schelmisch besungen auf dem neuen Album "The Next Day".

  • David Bowie bei einem Konzertauftritt in Hamburg 2003. Auf Tournee will er nicht mehr gehen.
    foto: epa/maurizio gambarini

    David Bowie bei einem Konzertauftritt in Hamburg 2003. Auf Tournee will er nicht mehr gehen.

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