"Ohne Kultur können wir uns gleich erschießen!"

Interview6. März 2013, 18:37
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Oscar-Gewinner Michael Haneke und Minister Karlheinz Töchterle über die Kunst als Handwerk, die Klischees der Politik und das Fehlen guter Komödien

UNISTANDARD: Wollten Sie eigentlich je Filmemacher oder Künstler werden, Herr Töchterle?

Töchterle: Muss ich jetzt tief in meiner Vergangenheit graben? Ich habe seit Jahrzehnten eine große Affinität zur dramatischen Kunst - und das Einzige, worüber ich manchmal nachdenke, ist, ob ich es schaffte oder wagte, selbst ein Drama zu schreiben. Ich vermisse zum Beispiel gute Komödien.

UNISTANDARD: Da ist Herr Haneke ja genau die richtige Adresse ...

Haneke: (lacht) Ja! Aber die Komödien vermisse ich ja auch. Die zu machen ist das Schwierigste. Ich habe nur einmal im Leben ein Stück von Eugène Labiche inszeniert - und das war mein einzig wirklicher Misserfolg. Deshalb sag ich meinen Studenten immer, wenn sie eine Begabung fürs Komische haben, mache ich mir über ihre Zukunft keine Sorgen. Eine Komödie, die wirklich witzig und geistreich ist, muss man mit der Lupe suchen.

UNISTANDARD: Herr Töchterle, wie denken Sie denn persönlich über die Filmkunst? Was kann der Film, was andere Künste nicht können?

Töchterle: Das sage ich jetzt nicht, weil Herr Haneke dasitzt ...

Haneke: Ich kann ja rausgehen!

Töchterle: Nein, ich kann es umso leichter sagen, weil Sie dasitzen. Ich bin davon überzeugt, dass der Film das umfassendste moderne Kunstwerk ist - er bietet eine Überfülle an Möglichkeiten, und manchen Künstlern gelingt es, diese auch auszuschöpfen. Kein anderes Kunstwerk, auch nicht die Oper, besitzt diese Fülle und vor allem dieses rücksichtslos Moderne der Filmkunst.

Haneke: Mit dem Film stehen einem alle Mittel zur Verfügung - und man hat die einmalige Chance, das Reale zu zeigen. Oder zumindest so zu tun. Jean-Luc Godard hat bekanntlich gesagt, Film sei 24-mal in der Sekunde die Wahrheit. Ich sage: Film ist 24-mal die Lüge. Vielleicht im Dienste der Wahrheit, aber natürlich ist alles, was wir behaupten, ein Artefakt. Und unsere künstlerische wie moralische Verantwortung liegt unter anderem darin, dieses Artefakt transparent zu machen und nicht so zu tun, als wäre es Wirklichkeit.

UNISTANDARD: Warum sprechen Sie dann so gerne vom "richtigen Bild" und vom "realistischen Kino"?

Haneke: "Realistisch" verwende ich immer in Anführungszeichen - und richtiges Bild gibt es keines. Es gibt nur die richtige Form für einen bestimmten Ausdruck.

UNISTANDARD: Herr Töchterle, um diesen "bestimmten Ausdruck" zu treffen, kann Herr Haneke auch zu drastischen Mitteln greifen. Politiker können das nicht, sie sprechen meist in Phrasen und Klischees ...

Töchterle: Sie haben recht, wir bewegen uns oft in der Phrase, und das ist ja wohl auch Teil des Leidens an und in der Politik. Ich persönlich bemühe mich aber, mich möglichst wenig zurückzuhalten. Aber natürlich nehme auch ich ständig Rücksicht - es geht gar nicht anders. Aber ins Klischee und in die Phrase möchte ich zuletzt, und ich bin davon überzeugt, dass man auch ohne sie durchkommen kann.

Haneke: Das Problem der Politik ist, dass ihre Vertreter alle vier Jahre neu gewählt werden - da kann man sich radikale Lösungen nicht leisten. Zwar gibt es nichts Besseres als die Demokratie, aber sie ist halt unheimlich zäh.

UNISTANDARD: Herr Haneke, Sie sind von der Biografie her ja Studienabbrecher - also der Albtraum jedes Wissenschaftsministers ...

Haneke: Das kann man so sagen, ja. Aber ich habe nicht studiert, weil ich irgendwas werden wollte, sondern weil ich dachte, ich finde die Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Ich habe aber bald gemerkt, dass das nicht der Fall ist. Weitergemacht habe ich eher aus Spaß. Im Sinne des Ministers war ich also ein furchtbarer Student.

Töchterle: Das würde ich bezweifeln. Als ich in Innsbruck als Rektor begonnen habe, habe ich mich an einer Arbeitsgruppe beteiligt, die die Gründe von Drop-outs eruierte. Ich war damals der Meinung, dass man Drop-outs nicht als reines Negativum sehen darf: Die Zeit an der Universität kann immer wertvoll sein - auch ohne Abschluss. Zwar bin ich als Minister der Öffentlichkeit schuldig, darauf zu achten, dass wir die Gelder effizient einsetzen. Dennoch möchte ich nicht, dass die Studenten mit Scheuklappen durch die Universität laufen - dazu stehe ich noch immer.

UNISTANDARD: Inwiefern ist für Sie beide die Uni ein Ort kreativer, schöpferischer Arbeit?

Töchterle: Ich denke, dass der Unterschied zwischen der Wissenschaft und der Kunst so groß nicht ist. Auch in der Wissenschaft kann ich nur vorankommen, wenn ich kreativ bin. Und auch der Künstler schöpft kaum je aus dem Nichts, auch er muss am Puls der künstlerischen Entwicklung sein, um Neues zu schaffen. Die Kunst sah man schon in der Antike im Spannungsverhältnis zwischen der Begabung des Künstlers und seiner handwerklichen Fähigkeit. Seit der Geniezeit im 18. Jahrhundert hat jene den Siegeszug angetrete, und so meint man fälschlicherweise oft, alles sei Inspiration und Handwerkliches unwichtig.

Haneke: Ich sage meinen Studenten immer, dass sie nicht bei mir sind, um Genies zu werden, sondern um ein Handwerk zu erlernen. Das ist sehr komplex und involviert technische, organisatorische und sogenannte künstlerische Tätigkeiten. Das Handwerk ist etwas maßlos Unterschätztes, vor allem in der Regie. Regisseur ist ein besonderer Blufferberuf - wenn einer ein entsprechend großes Maul hat, merkt man oft erst viel zu spät, dass er nichts kann. Das ist eine Verachtung der Rezipienten! Wenn die Kunst ihren Namen verdient, muss sie kommunikatibel sein, sie braucht ein Du, das sie meint. Ansonsten ist sie bloß Masturbation. Unsere Verantwortung, wenn wir für die Filmakademie Studenten auswählen, ist daher sehr groß: Die Begabten fallen nicht wie Sterne vom Himmel, und es ist die bittere Realität, dass wir für das vorhandene Jobangebot zu viele Künstler ausbilden. Gerade deshalb dürfen wir nicht damit aufhören - Kultur ist ein Luxus, aber ohne sie können wir uns gleich erschießen! (Tanja Traxler/Dominik Zechner, DER STANDARD, 7.3.2013)

Michael Haneke (70) ist seit 2002 Uni-Professor für Regie an der Filmakademie der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst. Nach der Schule hat er in Wien Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaften studiert – und das Studium für ein Jobangebot beim Fernsehen in Deutschland abgebrochen. Nach zahlreichen renommierten Auszeichnungen für seine Filme wie zwei Goldenen Palmen in Cannes und zwei Golden Globes erhielt er im Februar seinen  ersten Oscar (Bester Fremdsprachiger Film). Er ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.

Karlheinz Töchterle (63) ist seit April 2011 parteifreier Wissenschaftsminister auf Vorschlag der ÖVP. Zuvor war der promovierte Altphilologe Rektor der Universität Innsbruck. Intellektuell beheimatet ist der gebürtige Tiroler in der Konstanzer Schule der Rezeptionsästhetik. Vor seinem Ruf an die Universität Innsbruck führten ihn Gastprofessuren an die Unis Graz und München. Politisch machte Töchterle in der Tiroler Landespolitik durch sein ökologisches Engagement auf sich aufmerksam. Er ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Kindern.

  • "Die Kunst braucht ein Du, das sie meint", sagt Michael Haneke (li.) im Gespräch mit Karlheinz Töchterle an seiner Uni für Musik und darstellende Kunst.
    foto: standard/corn

    "Die Kunst braucht ein Du, das sie meint", sagt Michael Haneke (li.) im Gespräch mit Karlheinz Töchterle an seiner Uni für Musik und darstellende Kunst.

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