Studie: Chinas Zensoren pausieren für Abendnachrichten

6. März 2013, 17:32
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Studie der Rice University gibt Einblick in Überwachungspraxis

Die steigende Anzahl der Internetnutzer zwingt Chinas Zensurbehörden, neue Wege für die Überwachung der anschwellenden Kommunikationsflut zu finden. Alleine die nationale Twitter-Alternative Weibo verzeichnet mittlerweile 300 Millionen Nutzer.

Diese verfassen nunmehr 70.000 Nachrichten pro Minute, mehr als 1.000 pro Sekunde. Wie genau die Zensoren die Herausforderung meistern – Verfasser regierungskritischer Nachrichten müssen mit Strafverfolgung rechnen – ist nicht bekannt. Eine Studie der texanischen Rice University soll nun mehr Licht ins Dunkle bringen.

13 Prozent der Nachrichten verschwanden

Über einen Zeitraum von 15 Tagen verfolgte man zu diesem Zweck die Botschaften von 3.500 Weibo-Usern in Echtzeit mit. Auf diese Weise wollte man Informationen über die Taktiken und Mechanismen des Zensurapparates gewinnen.

Insgesamt 13 Prozent aller erfassten Postings waren am Ende des Beobachtungszeitraums verschwunden. Auch für Außenstehende ist gut ersichtlich, welche davon der Nutzer selbst gelöscht hat, und welche von einem Dritten entfernt wurden. In letzterem Falle stößt man nämlich auf eine eindeutige "Zugriff verweigert"-Meldung, wie MIT Technology Review schreibt.

90 Prozent der Eingriffe binnen eines Tages

Fünf Prozent dieser "Systemlöschungen" geschahen innerhalb von acht Minuten nach ihrer Veröffentlichung. Der größte Anteil der Entfernungen geschieht im Zeitraum von fünf bis zehn Minuten. Insgesamt 30 Prozent aller Zensoreingriffe geschehen innerhalb einer halben Stunde. Neun von zehn innerhalb eines Tages.

China könnte über 4.000 Zensoren beschäftigen

Das legt nahe, dass Weibo in Echtzeit von menschlichen Mitarbeitern überwacht wird. Diese dürften sich mit hoher Wahrscheinlichkeit mit zusätzlichen Warnsystemen behelfen, die beispielsweise bestimmte Schlagwörter filtern und auf entsprechende Nachrichten aufmerksam machen. Bei der Eingabe mancher Begriffe verweigert Weibo den Versand der Nachricht auch schon im Vorhinein.

Um ausreichende Überwachung zu gewährleisten, müssten zu jedem Zeitpunkt 1.200 Bedienstete tätig sein. Unter der Annahme, dass in Acht-Stunden-Schichten gearbeitet wird, stehen demnach mindestens 4.200 Zensoren auf der Payroll der Regierung.

Nachrichtenpause

Beobachtet wurden auch die Löschungen im Tagesverlauf. Auch hier ergaben sich Hinweise auf "Handarbeit". So scheint das Monitoring in der Nacht wesentlich schwächer ausgeprägt zu sein, dafür muss jeden Morgen ein entsprechender Rückstau an verdächtigen Kurzbotschaften bewältigt werden, was sich durch einen rapiden Löschungsanstieg bemerkbar macht.

Ebenfalls auffällig ist ein Einbruch der Löschfrequenz um sieben Uhr Abends. Der Grund könnte ein sehr einfacher sein. Zu dieser Zeit beginnen im Fernsehen nämlich die Abendnachrichten.

Das Forscherteam rund um Dan Wallach will die Überwachung des Zensurapparates nun ausweiten. Als nächstes gilt es herauszufinden, nach welchen Kriterien zu löschende Inhalte priorisiert werden. (red, derStandard.at, 06.03.2013)

  • Über 4.000 Menschen dürften im Dienste der chinesischen Regierung die Kommunikation auf Weibo überwachen.
    foto: derstandard.at/pichler

    Über 4.000 Menschen dürften im Dienste der chinesischen Regierung die Kommunikation auf Weibo überwachen.

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