Sprachförderung: Knapp 1.800 Wiener Kinder nächstes Jahr in Vorschule

6. März 2013, 13:58
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Leichte Steigerung gegenüber Vorjahr - Rot-Grün für mindestens zweites verpflichtendes Kindergartenjahr

Wien - Knapp 1.800 Kinder werden im kommenden Schuljahr in Wien aufgrund mangelnder Schulreife eine Vorschulklasse besuchen. Das sind rund zehn Prozent der Kinder, die in den vergangenen Wochen die Schuleinschreibung hinter sich gebracht haben und ein leichter Anstieg gegenüber dem laufenden Schuljahr (1.658). "Diese leichte Steigerung ergibt sich dadurch, dass wir insgesamt auch mehr schulpflichtige Kinder haben und andererseits die Direktoren genauer schauen, ob sie dem Kind nicht ein Jahr länger Zeit geben", so Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SPÖ).

"Eigentlich sinkt die Zahl der Vorschulkinder durch den verpflichtenden Kindergarten", meinte Brandsteidl. Dieser Effekt werde allerdings durch die steigende Zahl der schulpflichtigen Kinder überlagert. Deshalb gebe es sowohl eine leichte Steigerung bei der Zahl der Taferlklassler (plus zwei Prozent) als auch bei der Zahl der Vorschüler (plus sieben Prozent).

Brandsteidl gegen eigene Vorschulklassen für Kinder mit Sprachprobleme

In Wien wurde bereits 2008 die Losung ausgegeben, dass kein Kind in der 1. Klasse Volksschule sitzen soll, das nicht Deutsch beherrscht. Schon rund ein Jahr vor dem Volksschul-Eintrittstermin werden die Kinder in der Schule auf ihre Sprachkenntnisse hin untersucht. Kinder mit Sprachproblemen können während des verpflichtenden Kindergartenjahrs gefördert werden. Wird bei der Schuleinschreibung noch immer Förderbedarf festgestellt, kommen sie in eine Vorschulklasse.

Die Diskussion um eigene Vorschulklassen für Kinder mit Sprachproblemen kann Brandsteidl aus der Praxis der Schuleinschreibung nicht nachvollziehen. Die Schulreife setze sich aus sozialen, emotionalen, kognitiven, sprachlichen und motorischen Kompetenzen zusammen. Wer als nicht schulreif eingestuft werde, weise im Regelfall Schwächen in mehreren dieser Bereich auf. "Das Kind, das perfekt gefördert ist und nur nicht Deutsch kann, kommt so gut wie nicht vor. Es würde aber dann als außerordentlicher Schüler in eine erste Klasse und nicht in die Vorschule kommen."

"Klassisches Beispiel für die Einstufung in die Vorschule sind Kinder, die eine Linie mit dem Stift nicht nachfahren können oder keine Schere halten und damit einen Fisch ausschneiden können: Die haben den Fisch filetiert", so Brandsteidl. "Viele können eine Treppe auch nicht abwechselnd mit dem linken und dem rechten Fuß hinaufgehen, sondern ziehen immer einen Fuß nach." Wer in eine Vorschulklasse eingestuft werde, könne nach Ansicht der Direktoren auch nicht wie derzeit schon gesetzlich möglich die ersten beiden Schulstufen in einer integrativen Klasse in drei Jahren absolvieren.

131 Vorschulklassen in Wien

Mit der Muttersprache oder der Umgangssprache daheim habe das meist nichts zu tun, wobei sich diese gar nicht so leicht festlegen lasse: "Viele sprechen daheim mit den Geschwistern deutsch und mit den Eltern eine andere Sprache", so Brandsteidl.

Für die Bildungssprecherin der Wiener Grünen, Martina Wurzer, sind Deutsch-Kenntnisse kein Schulreifekriterium: "Es gibt bessere Methoden, Mehrsprachigkeit zu fördern." Vorschulklassen sieht sie "eher als Notlösung in einem unbefriedigenden Schulsystem". Die Lösung wäre es, den Kindern mehr Zeit für ihre Entwicklung zu geben - eben etwa durch die Möglichkeit, die ersten beiden Volksschulklassen in drei Jahren zu absolvieren oder durch Mehrstufenklassen.

Sowohl Brandsteidl als auch Wurzer wünschen sich mehr Förderung im Kindergarten sowie mindestens ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr. Außerdem müssten die Kindergartenpädagoginnen in die Schulreifeentscheidung einbezogen werden. Derzeit sei es leider so, dass Informationen über Stärken und Schwächen der Kinder nicht weitergegeben würden. "Brennpunktschulen", an denen sich soziale Probleme häufen, wiederum sollten mit mehr budgetären Mitteln ausgestaltet werden.

Insgesamt wird es im kommenden Schuljahr 131 Vorschulklassen in Wien geben - die meisten davon erwartungsgemäß in den großen Flächenbezirken Donaustadt (19), Floridsdorf (18) und Favoriten (15), gar keine in der Inneren Stadt, Wieden und der Josefstadt. (APA, 6.3.2013)

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