Biobluff statt zurück zum Ursprung

7. März 2013, 10:55
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Bio ohne Schmäh, auch das geht. Bauern und Pioniere, die fast alles anders machen als in der Großproduktion für die Konzerne

Es geht auch anders: Wer Bio kauft und dabei an ökologisch und nachhaltig denkt, ist nicht auf die Bio-Industrie angewiesen, stellt Sachbuch-Autor Clemens G. Arvay in seinem neuen Buch "Friss oder stirb" klar. Vom Öko-Boom profitieren seiner Ansicht nach überwiegend die konventionelle Industrie und der konventionelle Handel und nicht "ernsthafte ökologische Vorreiter". Der Agrarbiologe suchte Öko-Pioniere in Deutschland, Österreich und Großbritannien auf, die sich dem Wachstumszwang verweigern.

Arvays Interesse gilt den Strukturen und Zwängen der Lebensmittelindustrie: Wieviel Bio hinter den Produkten der Bio-Industrie und den Bio-Handelsmarken der Konzerne steckt, interessiert den Pflanzenwissenschafter. "Der große Bioschmäh" hieß sein im Vorjahr vorgelegtes Buch. Arvay hat sich vorgenommen, die Konsumenten und Konsumentinnen zu enttäuschen.

Romantische Almen, vogelfreie Kühe auf grünen Bergwiesen und emsig pickende Henderln vor sonnendurchfluteten Stadln traf Arvay auf seiner Reise durch Österreichs Bio-Großproduktion kaum. Was sich in der Realität abspiele, sei weit weg von der Konsumentenerwartung und den Behauptungen durch die Konzerne, moniert Arvay.

Im Bild: Biolegehennen in einem Jungtierstall.


Damit eines klar ist: Nicht die Bioidee ist für Arvay schlecht, sondern die Vereinnahmung durch Großkonzerne. Der britische Pflanzengenetiker Ben Gable (im Bild) formuliert es so: "Obwohl es schrecklich ist, wie Supermarktkonzerne ihre Bio-Produkte unter grünem Mäntelchen anpreisen (...), sollten wir froh sein, dass sie inzwischen auch Erzeugnisse anbieten, die etwas besser als die konventionellen sind." Gable sieht auch das Gute: Durch den Bio-Boom sei biologische Landwirtschaft zu einem Thema geworden. Jetzt gelte es, die Menschen von Alternativen zum Supermarkt zu überzeugen.

In West-Wales trägt er auf seine Weise dazu bei. Mit seinem Saatgutunternehmen Real Seed kümmert Gable sich in Zusammenarbeit mit Bauern um die Weiterentwicklung alter Sorten. Bauern und Züchter könnten und sollten ihre Abhängigkeit von den Hybrid-Samen der Saatgutriesen verringern, ist man überzeugt.

Abhängigkeit von Großkonzernen identifizieren so manche Akteure als ein Hauptproblem: Damit verbunden sei ein Zwang zum Wachsen oder Weichen. Für die bäuerlichen Produzenten bleibe da allenfalls ein Gnadenbrot. Alternativlos sind diese Strukturen nicht.


Auf seiner Reise durch Europa fand Arvay zahlreiche vorbildlich wirtschaftende, ökologische Betriebe und landwirtschaftliche Projekte, die fast alles anders machen, als in der Großproduktion für Supermärkte und Diskonter. Was Arvay bei Letzteren sah, ist eher ernüchternd: Der "Bio-Massenmarkt" liege viel näher am konventionellen Markt als beim ökologischen Nischenmarkt. Vom ethischen Umgang mit Lebewesen oder einem ökologischen Kreislaufgedanken bleibe da wenig übrig. "Wenn die Unterschiede zwischen Bio und Konventionell im Wesentlichen Futtermittel und Betriebsmittel betreffen, ist das zu wenig. Tiere müssen artgerecht behandelt werden, damit sie gesund sind",  ist Ethnobotaniker und Kulturanthropologe Wolf-Dieter Storl überzeugt.

Davon ist die biologische Großproduktion (mit Auswüchsen wie der Federnkannibalismus im Bild) nach Arvays Recherchen weit entfernt. Ein Besuch beim Erzeugerzusammenschluss Fürstenhof, einem der größten Produktions- und Vermarktungsunternehmen für Bio-Eier in Deutschland in Mecklenburg-Vorpommern lief – glaubt man dem  Autor - skurril ab. Gewährt wurde ihm ein Blick in einen Betriebsstandort, der zu dieser Zeit mit 18.000 Bio-Hennen "unterbesetzt" war. Die Tore der restlichen Produktionshallen blieben verschlossen.


Empfangen wurde er unter anderem von einem mit Schlagstock ausgerüsteten Chef. Die Begründung: Man sei von einem Filmteam gelinkt worden.

Die Fürstenhof-Eier sind unter den Bio-Labels der Supermärkte und Diskonter überall in Deutschland erhältlich. Im Durchschnitt beherbergt jeder der zehn Fürstenhof-Standorte 40.000 Bio-Legehennen. Der sich "ursprünglich" nennende Handel schwindelt sich für den Autor die Wirklichkeit zu Werbezwecken zu Recht. Bio sei "ein gigantischer Bluff gegenüber den Verbrauchern." Eine Art Hühnerhölle mit Biosiegel, vollgestopft mit gestressten Legehennen, viele von ihnen nackt, so beschreibt Arvay die von ihm wahrgenommene Realität in einem niedersächsischen Betrieb.

Die vorgeschriebene riesige grüne Auslauffläche draußen: Fast "vogelfrei". Warum sich der überwiegende Teil der Hühner zu jeder Zeit im dunklen Stall befindet? Grund sei das so genannte "Auslaufproblem". Den Agrarforschern wohlbekannt, so Arvay. Hartnäckig würden von den Lebensmittelkonzernen und Bio-Verbänden die vier Quadratmeter – bei manchen Verbänden sind es sogar zehn Quadratmeter - Freifläche betont, die jeder Henne zur Verfügung stünden.

Im Bild: Biologische Hähnchenmast in Österreich.


Das Problem: Die Auslaufoption könne bei intensiver biologischer Haltung kaum so gestaltet werden, dass die Hühner die Wiese auch nutzen. Die Herden seien einfach zu groß, die dichten Haltungsbedingungen führen zu Stress und Chaos.

Niedersachsen hat aber auch anderes zu bieten wie ein Besuch bei Biolandwirt Carsten Bauck zeigt. Er produziert nicht weit von Lüneburg Getreide, Feldgemüse, Rind- und Schweinefleisch, Puten- und Hähnchenfleisch und daraus verarbeitete Produkte. Der Bauer hat viel zu tun, für den Besucher gibt es mit der Einladung sich umzusehen, den Zentralschlüssel. "Mit dem kommen Sie in alle Geflügelställe hinein." Der Hof ist vom Bioverband Demeter zertifiziert. Kein einziges der Produkte landet in den Regalen von Supermärkten oder Diskontern. Verkauft wird ab Hof sowie über Bioläden.

Das Federvieh ist in mobilen Ställen (siehe Bild) mit Einheiten von einigen hundert Tieren untergebracht. Die Einzelställe sind auf Kufen gebaut, sodass der Landwirt sie mit seinem Traktor regelmäßig auf der Wiese bewegen kann. Die Tiere haben weniger Stress, geschlachtet wird auf dem Hof. Bauck ist davon überzeugt, dass es kein Problem gibt, wenn es den Tieren ermöglicht wird, arteigene Verhaltensmuster auszuleben.


Was der Bauer dem Besucher auf die Frage "ist Bio immer gut und konventionell immer schlecht" mitgibt, ist Folgendes: "Ich kenne hervorragende konventionelle Betriebe und so richtig schlechte Öko-Betriebe."

Dass auch in guten Öko-Betrieben nicht alles in Butter ist, verschweigt auch Bauck nicht: "Sowohl in der konventionellen als auch in der ökologischen Tierhaltung arbeiten wir fast ausschließlich mit intensiver Genetik, die auf ökonomische Bedürfnisse ausgelegt und gerade in Ökobetrieben fehl am Platz ist." Bauck möchte statt der Designhühner - leistungsstarke Züchtungen der Agrarindustrie -  zurück zu reinerbigen Zweinutzungshühnern, um sich von der Abhängigkeit zu befreien.

Bei Hühnern beherrscht eine Handvoll multinationaler Agrarkonzerne den Zuchtmarkt. Der Lohmann-Konzern etwa bedient mit seinen Hochleistungshybriden die konventionelle und die biologische Landwirtschaft in Europa und anderswo auf der Welt in Sachen Legehenne. Bei Masthühnern gehört die Firma Hubbard – Teil des weltumspannenden Pharmakonzerns Groupe Grimaud - zu den Marktführern. Nur der Konzern, der die Tiere "designt" kennt das genetische Ausgangsmaterial und kann sie "reproduzieren".

Im Bild: Zweinutzungshühner auf einem Biohof in Bayern.


Zweifachnutzung – etwa bei Hühnern – ist bei diesen Tieren nicht möglich. Bei Legehennen geht es um die Legeleistung, bei Masthühnern und Puten um das schnelle Wachstum und den raschen Ansatz von Fleisch. Dadurch kommt es zwangsläufig auch bei Bio zur industriellen Vernichtung der männlichen Brüder der Legehennen, weil die weder Eier legen noch genetisch zur Mast geeignet sind.

Welches Designerhuhn im Stall steht, entscheidet bei den Großbetrieben das jeweilige Geflügel-Vermarktungsunternehmen, das die Landwirte unter Vertrag nimmt und die Ware an Supermärkte und Diskonter verkauft. "Echte" reinerbige Rassen verschwinden zunehmend, auch wenn Hybriden nach Einschätzung von Bauck anfälliger für Krankheiten sind und oft Antibiotika brauchen. Solche sind deswegen auch im Bio-Bereich erlaubt. Bauck will aus dem Geschäft mit der Pute aussteigen. Seiner Meinung nach machen es die Rahmenbedingungen des Marktes derzeit nicht möglich, Puten ökologisch und artgerecht zu halten. "Wir mussten in fünf Jahren Bio-Putenhaltung sechs Mal Antibiotika einsetzen und die Häufigkeit des Einsatzes steigt." Sein Rat: "Leute, esst keine Pute."

Im Bild: Big-6-Hybridputen in einem der größten Produktions- und Vermarktungsunternehmen für Bio-Eier und Bio-Geflügel in Deutschland.


Dass sich artgerechte Produktion auch ökonomisch ausgehen kann, zeigt auch ein Besuch bei Bio-Bauer Daniel Hobericht in East Sussex in England. Der Biobauer kultiviert auf seinem 20 Hektar großen Hof Äpfel, Birnen und Beerenobst. Außerdem leben hier bis zu 2.500 Bio-Legehennen in mobilen Stalleinheiten, von denen die größte 475 Tiere beherbergt. Das Trickreiche an Daniel Hoberichts Art, Bio-Eier zu produzieren, ist, dass die Ställe in die Obstanlage integriert sind.

Die Hennen fühlen sich unter dem Schutz der Bäume ganz daheim. "Der Großteil ist das ganze Jahr über unter freiem Himmel", bestätigte der Bauer. Der Hühnerkot vom Federvieh wird auf der gesamten Anbaufläche des Obstes verteilt, den Obst- und Beerenkulturen kommt das zugute. Außerdem versorgen sich die Hühner auf ihren Streifzügen mit Futter, über ein Drittel der Nahrung finden sie in der Natur. Doch auch in Hoberichts vorbildlicher Hühnerhaltung gibt es einen Wermutstropfen.

Auch auf seinem Hof leben Legehennen der Hybridlinie Lohmann Brown Classic. Selbst wenn es die Hennen am Hof gut haben: Die Aufzucht und das Ausbrüten der Küken geschieht unter industriellen Bedingungen. Für jede vom Landwirt bezogene Lohmann-Henne muss ein männliches Küken am Tag seiner Geburt sterben.

Im Bild: Geflügel in Bolreichts Stall.


Das Erbe der Landwirtschaft ist durch Konzerninteressen bedroht, lautet Arvays Botschaft. Die Biobauern werden verschwinden, wenn sich die Konsumenten dagegen nicht wehren. "Wir Bauern brauchen die Konsumenten", bestätigt Biogemüsebauer Jean-Philippe Genetier. Er baut in Niedersachsen verschiedenste Speisekürbisse, Zucchini, Tomaten- und Paprikasorten, Auberginen, Erdäpfel, Salate, Spinat und vieles mehr an. Genetier greift ausschließlich auf alte Sorten zurück, von denen er das Saatgut von Jahr zu Jahr weitervermehrt: Einerseits um die Kulturpflanzenvielfalt zu bewahren und andererseits um von der Agrarindustrie unabhängig zu sein.

Leben könne man auch als Kleingemüsebauer, wenn es gelinge, Alternativen zu Großhandel zu finden. "Die Verbraucher haben eine politische Rolle. Kaufen sie im Supermarkt, ist das wie eine politische Wahl. Man gibt dann der Agrarindustrie die Stimme."

Alternativen gibt es mittlerweile einige. Immer geht es dabei um zentrale, kleinteilige Strukturen. Der Idee, mit solch Strukturen könne man die Welt nicht ernähren, kann nicht einer der Ökobauern etwas abgewinnen: "Gut geführte kleine Farmen sind immer und überall in der Welt ertragreicher pro Hektar als große, industrielle Betriebe", sagt etwa Peter Segger, Biofarmer aus Wales.

Schwarze Zahlen schreibt auch Bio-Rinderbauer Ernst Hermann Maier: Er fand eine Lösung für ein besonders leidiges Kapitel der modernen Agrarindustrie: Die Schlachtung von Tieren – ob konventionell oder bio erfolgt fast ausschließlich auf industriellen Schlachthöfen – entsprechende Tiertransporte inklusive. Bei Maier werden die Tiere nicht nur ordentlich gehalten, er hat auch eine mobile Schlachtbox entwickelt. Geschlachtet wird damit direkt am Bauernhof.

Was die EU-Verordnung 853/2004 (Hygienevorschriften für Lebensmittel tierischen Ursprungs) betrifft, die dafür verantwortlich gemacht wird, dass viele kleine Schlachtbetriebe schlossen, so hat Maier dazu auch eine Meinung: "Die Leute haben sich nicht ausreichend zur Wehr gesetzt. Als man unseren Schlachtbetrieb schließen wollte, musste ich lachen. Liebe Leute, ihr werdet doch nicht im Ernst glauben, dass ich nach 23 Jahren meine Rinder wieder zum Schlachthof transportiere, habe ich gesagt". Maiers Schlachtbetrieb gibt es noch heute, ganz EU-konform. Alternativen zum Supermarkt wie Bauern - und Bioläden, Bio-Kistenzustellung, Lebensmittelkooperativen (Food-Coops), Einkaufsgenossenschaften finden sich in Arvays Buch: Friss oder stirb, Ecowon Verlag. (rb, derStandard.at, 7.3.2013)
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