Die Begabten lernen klingellos

6. März 2013, 09:53
112 Postings

An der Sir-Karl-Popper-Schule in Wien lernen die Schüler bis zu 60 Stunden die Woche - und zwar freiwillig

Wien - Als Schüler ist man es gewohnt, durch das Klingeln der Schulglocke in die Pause entlassen zu werden. In der Sir-Karl-Popper-Schule am Wiedner Gürtel in Wien wartet man jedoch vergeblich auf diesen befreienden Ton. Hier richten sich Schüler wie auch Lehrer ausschließlich nach der Uhr - eine Schulglocke gibt es nämlich gar nicht.

Das Schild am Eingang weist die öffentliche Schule als "Schulversuch für (Hoch-)Begabte" aus. Begabt müssen die Schüler wirklich sein: Um aufgenommen zu werden, müssen die Bewerber einen international erprobten psychologischen Test bestehen, der ein differenziertes Intelligenzprofil erstellt.

Max Smirzitz, Sabine Hallamasek, Peter Gamillscheg und Katrin Fallmann haben diesen Test bestanden. Sie besuchen die siebente Klasse der Sir-Karl-Popper-Schule und haben uns Einblick in ihren Schulalltag gegeben.

So komplex der Aufnahmetest auch sein mag, es wird für die Schüler nicht leichter: Jeden Tag haben sie Nachmittagsunterricht, oft sogar bis sieben Uhr am Abend oder länger, verteilt auf eine Sechs-Tage-Woche. Sehr ehrgeizige Schüler kommen dabei auf ein unglaubliches Lernpensum von 60 Wochenstunden. Freiwillig, wohlgemerkt - denn den Stundenplan können sich die Schüler selbst zusammenstellen. Allzu viele freiwillige "Überstunden" seien aber nicht vorteilhaft, erklärt Schuldirektor Edwin Scheiber.

Der Unterricht ist auf einem vergleichsweise komplizierten Modulsystem aufgebaut: Ab der sechsten Klasse haben die Schüler zwischen sogenannten Basismodulen und themenorientierten Wahlmodulen zu wählen. Bei Basismodulen handelt es sich um die üblichen Fächer wie Deutsch, Mathematik oder Geschichte. Die Wahlmodule hingegen spezialisieren sich auf einen bestimmten Themenbereich eines Faches, vergleichbar mit einer Vorlesung an der Universität. So ist es etwa möglich, ein Fach vollkommen abzuwählen, solange die vorgegebene Anzahl an Wochenstunden insgesamt erreicht wird.

Labs statt Klassen

Außerdem gibt es in der dritten Woche jedes Semesters Blockmodule. Das heißt, ein Schüler wählt ein spezielles Fach aus, das er eine Woche lang ausschließlich besucht, sich dann aber für das ganze restliche Semester erspart. So kann man beispielsweise den Biounterricht innerhalb einer Woche abhaken.

Eine weitere Besonderheit der Sir-Karl-Popper-Schule sind die Labs: Für jedes Fach gibt es einen Raum, in dem immer ein Lehrer anwesend ist, auch wenn gerade kein Unterricht abgehalten wird. Der Lehrer steht dort für Fragen und Ratschläge zur Verfügung.

Das Modul- und Lab-System hat aber eine Schwäche: die fehlende Klassengemeinschaft. Durch die Aufteilung nach Fächern sitzen die Schüler einer Klasse ab dem sechsten Jahr so gut wie nie im selben Raum. "Wir werden aber in der fünften Klasse schon so zusammengeschweißt, dass wir den Kontakt nicht verlieren", betont Sabine Hallamasek. Obwohl viele Schüler ursprünglich gegen das Lab-System waren, wurde es dennoch eingeführt. Die Schule probiere einfach alles aus und schaue dann, ob es funktioniert, meint Schüler Peter Gamillscheg

Dennoch hätten die Schüler im Rahmen des "Popper-Forums" ungewöhnlich viel Mitbestimmungsrecht. Das Forum ist eine Diskussionsrunde zwischen allen Schülern und Lehrern, bei der aktuelle Angelegenheiten besprochen werden.

Mitbestimmung haben die Schüler der Sir-Karl-Popper-Schule auch im Zuge des "Contracting", also der Vereinbarung über die Notengebung. Dabei besprechen die Schüler mit den Lehrern am Anfang des Jahres, wie die Noten prozentuell aufgeteilt werden und wie viel Einfluss die Schularbeiten haben.

Die von den meisten Schülern gefürchteten Schularbeiten sind in der Begabtenschule aber ein eigenes Kapitel: Stattfinden können sie zwar, müssen aber nicht - je nachdem, ob Schüler und Lehrer sie für sinnvoll betrachten.

Unentschuldigte Abwesenheit

Auf freiwilliges Engagement wird besonderen Wert gelegt: So haben die Schüler die Möglichkeit im Rahmen der Ringvorlesungen, einer öffentlich zugänglichen Veranstaltung, ihr Wissen zu einem bestimmten Thema zu beweisen und eine Vorlesung abzuhalten. Dieses freiwillige Engagement verbessert die Note im dementsprechenden Fach.

"Das Coolste" in ihrer Schule, so erzählen uns unsere Begleiter, sei die 70-Prozent-Regel. Diese besagt, dass ein Schüler in einem Fach mindestens 70 Prozent anwesend sein muss, um benotet zu werden. Unterschreitet er diese Prozentzahl nicht, so kann er kommen und gehen, wann immer er will. Verblüfft haben sie geschaut, als wir erzählt haben, dass bei uns das Limit zur Benotung bei 50 Prozent liegt - allerdings immer mit Entschuldigung.

Wenige Schularbeiten, unentschuldigte Abwesenheit: Das klingt für einen Schüler eines "normalen" Gymnasiums recht locker. Der Schein trügt aber, denn zu lernen hat man an der Sir-Karl-Popper-Schule sicherlich genug. Doch trotz der vielen Zeit, die die Hochbegabten in der Schule verbringen, seien sie "anderen Gymnasien nicht weit voraus", meint zumindest Sabine Hallamasek. (Philipp Koch, Sarah Lehner, DER STANDARD, 6.3.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Wenig Zwang, viel freiwilliges Engagement und Mitbestimmungsrecht: Für die hochbegabten Schüler der Sir-KarlPopper-Schule gelten andere Regeln.

Share if you care.