"Auch kleine Herde entdecken können"

Interview5. März 2013, 20:11
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Ab Donnerstag tagen 20.000 Radiologen in Wien - Gabriel Krestin, Präsident des europäischen Kongresses, gab Karin Pollack Einblicke in Innovationen, Aufgaben und Limits bildgebender Verfahren

STANDARD: Wie wichtig ist der European Congress of Radiology (ECR)?

Krestin: Der ECR ist der weltweit zweitgrößte Kongress für Radiologie, etwas kleiner als der in Chicago. Der ECR findet seit 1990 in Wien statt, es kommen daher auch viele Kollegen aus den osteuropäischen Ländern. Heuer erwarten wir über 20.000 Teilnehmer.

STANDARD: Also keine Spur von Krise in dieser medizinischen Sparte?

Krestin: Im Gegenteil, wir haben um vier Prozent mehr Anmeldungen als im letzten Jahr, die Anzahl der Firmenvertreter, die an der Industrieausstellung teilnehmen, könnte eventuell zurückgehen.

STANDARD: Wie erklären Sie sich das hohe Interesse?

Krestin: Die Entwicklungen in unserem Fachbereich sind wirklich rasant, sowohl in technischer Hinsicht als auch, was die medizinischen Einsatzbereiche der Radiologie betrifft. Diese beiden Faktoren spielen zusammen. Für Röntgenologen ist es unerlässlich, sich permanent zu informieren. Dieser Kongress ist eine exzellente Möglichkeit für Weiterbildung. Wer nicht am Ball bleibt, kommt nicht mehr mit.

STANDARD: Welche Entwicklungen meinen Sie konkret?

Krestin: Zum einen ist die moderne Bildgebung wichtig in der Früherkennung von Erkrankungen, zum anderen spielen die neuen Verfahren aber auch bei der Überwachung von Behandlungen eine zunehmend wichtige Rolle, wir können feststellen, ob etwa eine Krebstherapie bei einem Patienten auch tatsächlich wirkt.

STANDARD: Bei welchen Krankheiten genau spielt Bildgebung eine vornehmliche Rolle?

Krestin: Die Onkologie habe ich schon erwähnt. Vor 30 Jahren wurden mit Bildgebung hauptsächlich Diagnosen gestellt, mittlerweile sind 60 bis 70 Prozent unserer Arbeit Therapiekontrolle. Wir können bei Krebsbehandlungen mit unseren Verfahren sehr schnell erkennen, ob teure Medikamente wirksam sind.

STANDARD: Also personalisierte Medizin ...

Krestin: Genau, die traditionelle Taxonomie, also die Einordnung von Krankheiten, löst sich zunehmend auf. Wir sehen viele verschiedene Arten von Brustkrebs. Die Bildgebung zeigt, dass es unterschiedliche Erkrankungen sind, die lediglich aufgrund ihrer Lokalisation vergleichbar sind, sich aber ganz unterschiedlich entwickeln und unterschiedlich auf Behandlung reagieren.

STANDARD: Welche Rolle hat die Bildgebung bei kardiovaskulären Erkrankungen?

Krestin: Hier hat sie vor allem eine prognostische Rolle, wir können Risikos hinsichtlich Herzinfarkt oder Schlaganfall einschätzen. Mit entsprechenden Algorithmen können wir Krankheitsentwicklungen vorhersagen und Patienten eine Therapie empfehlen. Aber auch im Monitoring von Patienten mit Gefäßerkrankungen spielt die Bildgebung eine wichtige Rolle.

STANDARD: Geraten Sie damit nicht den Internisten ins Gehege?

Krestin: Wir sind keine Fotografen, wie manche glauben. Wir interpretieren Bilder, arbeiten in multidisziplinären Teams und werden dabei zunehmend zu Beratern von Patienten in wichtigen Therapieentscheidungen.

STANDARD: Ihr Fachbereich ist hinsichtlich der Maschinen sehr kostenintensiv. Können sich alle Spitäler diese Innovationen leisten?

Krestin: Die Preise für die Geräte sind über die Jahre relativ konstant, ein Computertomograf kostet rund eine Million Euro. Die neuen Geräte sind viel schneller, weniger belastend für Patienten und liefern mehr Information. Die Maschinen bringen dem Gesundheitssystem Vorteile.

STANDARD: Was gehört heute zum State of the Art eines Spitals?

Krestin: Ohne CT und MR funktioniert ein Krankenhaus heute nicht, diese beiden bildgebenden Verfahren gehören zu den wichtigsten Erfindungen der Medizintechnik, ganz ohne Zweifel. Die Zukunft der Bildgebung liegt allerdings sicherlich in den hybriden bildgebenden Methoden.

STANDARD: Was konkret?

Krestin: Etabliert hat sich PET-CT. Mittels eines Tracers gewinnt man molekulare oder metabolische Informationen, die mithilfe der CT dann anatomisch zugeordnet werden können. PET-CT kann die Ausbreitung von vielen Krebserkrankungen erfassen oder das Monitoring unter der Behandlung ermöglichen. Mit neuen Tracern bzw. Medikamenten werden sich neue Einsichten auch bei anderen Erkrankungen wie etwa Alzheimer ergeben. Was die hybride Methode des MR-PET betrifft, da bin ich vorläufig eher skeptisch.

STANDARD: Warum skeptisch?

Krestin: Da wird momentan seitens der Industrie viel Reklame gemacht, doch ich will ehrlich sein, wir müssen die Studien abwarten, die zeigen werden, wie viel besser MR-PET als PET-CT ist. Wir können uns vorstellen, dass sich in bestimmten Körperbereichen, etwa im Halsbereich, im Gehirn (Tumore), oder für bestimmte Fragestellungen im Herzen MRT-PET bewähren wird. Wir wissen es aber noch nicht.

STANDARD: Sind die Verfahren, wenn sie wiederholt gemacht werden, für Patienten nicht riskant?

Krestin: Ultraschall und MR arbeiten nicht mit Röntgenstrahlen und sind deshalb auch für Kinder vollkommen unbedenklich . Nicht ganz harmlos sind Röntgenstrahlen etwa in CTs, ihr Einsatz muss genau überlegt werden.

STANDARD: Ist das nicht für Screening-Programme ein Thema?

Krestin: Schon, aber im Screening wird meist mit sehr niedrigen Dosen gearbeitet. Wer von Wien nach New York fliegt, kriegt die gleiche natürliche Strahlendosis wie bei einer Mammografie ab. Bewusstsein ist gut, aber Panikmache nicht angebracht.

STANDARD: Warum gibt es bei Screenings immer noch so viel falsch-positive Befunde?

Krestin: Radiologen gehen auf Nummer sicher, wir wollen auch kleine Herde entdecken. MR wäre für Brustkrebs-Screening genauer, ist aber unbezahlbar.

STANDARD: Was halten Sie von Ganzkörper-Screenings?

Krestin: Absolut gar nichts, das ist reine Geschäftemacherei und bringt mehr Schaden als Nutzen.

STANDARD: Wo liegen die Limits in Ihrem Fachbereich?

Krestin: In der räumlichen Auflösung der Bilder, wir können leider noch keine mikroskopischen Veränderungen erkennen. Das wäre wichtig, um zum Beispiel Krebszellen in sehr frühen Stadien zu identifizieren. Gerade für die Prognose ist das wichtig. Ich denke, dass für den personalisierten Ansatz in der Medizin neben der genetischen Information auch die personalisierte Bildgebung eine wichtige Rolle spielen wird. (Karin Pollack, DER STANDARD, 06.03.2013)

=> Wissen: Bilder vom Innenleben


Gabriel Krestin ist Präsident der Europäischen Radiologievereinigung (ESR) und Professor für Radiologie an der Erasmus-Universität in Rotterdam. Der in Rumänien geborene Krestin ist in Deutschland aufgewachsen, hat in Köln Medizin studiert und in Zürich und Stanford gearbeitet.

  • Hybride Bildgebung: von Krebs befallene Lymphknoten zwischen Brustbein und Hauptschlagader - links vor, rechts nach Chemotherapie. Die beiden oberen Bilder sind CT-Aufnahmen, die unten PET-Bilder, die die Stoffwechselaktivität zeigen.
    foto: m. mayerhöfer / pet-ct-zentrum med-uni wien

    Hybride Bildgebung: von Krebs befallene Lymphknoten zwischen Brustbein und Hauptschlagader - links vor, rechts nach Chemotherapie. Die beiden oberen Bilder sind CT-Aufnahmen, die unten PET-Bilder, die die Stoffwechselaktivität zeigen.

  • Gabriel Krestin: "Mit moderner Bildgebung stellen wir fest, ob Krebstherapien wirken oder nicht."
    foto: privat

    Gabriel Krestin: "Mit moderner Bildgebung stellen wir fest, ob Krebstherapien wirken oder nicht."

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