Giambattista Valli: "Die schönen Mädchen gehören zu mir"

Interview8. März 2013, 16:16
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Gerade erst hat er seine vierte Haute-Couture-Kollektion vorgestellt, dennoch gilt Giambattista Valli bereits jetzt als das wichtigste neue Couture-Haus der Modeszene

Cordula Reyer traf den italienischen Designer in Paris und sprach mit ihm über Designeranzüge, das aussterbende Schneiderhandwerk und die sogenannten Valli-Girls.

Ein Stimmengewirr aus Französisch, Italienisch und Englisch. Journalisten und Fotografen umstellen Giambattista Valli, der gerade seine vierte Haute-Couture- Schau in den prunkvollen Räumen der italienischen Botschaft in Paris präsentierte. Den Designer, klein und zierlich von Statur, sieht man in dem Gewusel kaum. Die Menge teilt sich erst, als Gräfin Georgina Brandolini und deren Tochter Bianca Brandolini D'Adda auftauchen. Bianca, eine Schönheit, die man aus der Dolce-&-Gabbana-Werbung kennt, fällt dem 45-jährigen Römer zärtlich um den Hals, um ihm ein paar Dinge ins Ohr zu flüstern, bevor sie von ihrer Mutter zur Seite geschoben wird. Diese nimmt Giambattista Valli wie einen kleinen Buben am Kinn und sagt wohlwollend und mit tiefen Blick: "Bellissima!" Valli strahlt. Ihr Lob ist ihm wichtig, war sie doch für Jahrzehnte Valentinos Muse und gehört - ebenso wie ihre Tochter und deren Freundinnen - zu den sogenannten "Valli-Girls", zu jenen jungen Royals und It-Girls also, die an Vallis Erfolg maßgeblich beteiligt sind. Giambattista Valli ist das wichtigste neue Haute-Couture-Haus der Modeszene.

Zwei Tage später geht es in seinem Showroom ähnlich familiär zu. Dieser befindet sich in einem eleganten Gebäude aus dem 17. Jahrhundert, das einst von dem italienischen Komponisten Jean-Baptiste Lully bewohnt wurde. Die Kundschaft betrachtet und bestellt Couture-Teile, die wie Kunststücke einzeln platziert sind oder von einem Model diskret vorgeführt werden. Da hängen Träume in "rose poudré", die aufwändig bestickt und mit kleinen Federn versehen sind, Roben mit perfekten Korsagen, voluminösen Tüllröcken und Volants. Kleider wie Märchen. Giambattista Valli, ganz in Schwarz gekleidet, bittet seine Assistentin um grünen Tee und plaudert entspannt los. Lediglich die dunklen Schatten unter seinen Augen lassen erkennen, dass er in den letzten Wochen wenig Schlaf bekam.

STANDARD: Das ist Ihre vierte Haute-Couture-Kollektion und Ihre dritte Kollektion als "Grand Couturier". Wie erlangt man so einen ehrenhaften Titel?

Giambattista Valli: Zuerst muss man überhaupt einmal als Gast dazu eingeladen werden, während der Haute-Couture-Woche seine Kollektion zu zeigen. In meinem Fall von den Couture-Häusern Dior und Yves Saint Laurent. Um Vollmitglied zu werden, mein eigenes Haus "Haute Couture" und mich selbst "Couturier" nennen zu dürfen, musste ich einige Voraussetzungen erfüllen, da der Begriff juristisch geschützt ist: ein Maßatelier hier in Paris, mit mindestens 15 Vollzeitangestellten und eine 35-teilige Kollektion verschiedener Modelle, die von Hand gearbeitet, also Unikate sind. Auch der Hauptsitz des Unternehmens muss hier in Paris sein. Es hat sicher geholfen, dass ich sieben Jahre Kreativdirektor des Hauses Ungaro war, bevor ich mein eigenes Modelabel gründete. Damals konnte ich beweisen, wie viel ich von Haute-Couture verstehe.

STANDARD: Der Titel ist in den letzten Jahren nur wenigen Designern verliehen worden.

Valli: Haute Couture ist, zumindest in Frankreich, ein wichtiger Teil der Kultur. In Italien interessiert man sich mehr für Fußball als für Mode. In Frankreich hingegen wird sie als Kunstform betrachtet. Sie wird als "metier", als "art" bezeichnet und ist kulturell geschützt. Ich nehme Mode ernst, deshalb lebe ich auch in Paris.

STANDARD: Vor zehn Jahren gab es nur mehr zwölf Couturiers, heute wächst die Zahl. Unter ihnen Jean Paul Gaultier und Maison Martin Margiela. Beide bringt man nicht unbedingt mit Haute Couture in Verbindung.

Valli: Das ein wenig verstaubte Image von Haute Couture hat sich gewandelt. Früher war sie ein Maßschneidesalon, für eine gewisse Schicht, für ein paar hundert Leute. Heute gibt es eine kulturgeschichtliche Seite dazu. Die Haute Couture ist die DNA der Mode. Wir sind eine neue Generation von Designern, denen es ein Anliegen ist, sie weiterzuführen. Wir wollen diesen Luxus wieder in unsere Kollektionen einbeziehen.

STANDARD: Entspricht diese Art von Luxus überhaupt noch dem heutigen Zeitgeist?

Valli: Haute Couture ist ein aussterbendes Handwerk. Die Ateliers müssen geschützt werden. Es gibt nicht mehr viele Schneider und Schneiderinnen, die so detailliert arbeiten können und das Wissen haben, in einer ganz bestimmten Weise zu sticken, zu drapieren oder Federn zu färben. Diese Geheimnisse sind der Humus der Mode. Ich danke den Frauen, die Haute Couture wie eine Kunstform sehen, da sie durch diese Frauen weiterleben kann.

STANDARD: Inwiefern ist sie zu einer Kunstform geworden?

Valli: So wie man auf eine Kunstmesse geht, um einzigartige Kunstwerke zu kaufen, so kaufen Frauen heute einzigartige Kleidungsstücke. Was bedeutet Luxus? Nicht unbedingt etwas, das teuer ist, sondern etwas, das einzigartig, rar und fantastisch gearbeitet ist. Ich sage ihnen etwas: Eines meiner Kleider hier ist nicht so teuer wie eine der industriell hergestellten Taschen, die man um die Ecke bei meinen Nachbarn (in der Rue Saint Honoré, Anm.) bekommt.

STANDARD: Die Preise der Kleider sind fünf-  bis sechsstellig. Kann ein Modehaus damit überhaupt Profit machen, oder dient Haute-Couture heute lediglich dem Image?

Valli: Würde ich nicht Profit machen, wäre ich bankrott (zeigt auf seine Umgebung). Es schaut nicht danach aus, oder?

STANDARD: Wer sind die Kundinnen dieser erlesenen Kleidungsstücke?

Valli: Sie sind aus dem Mittleren Osten, China, Russland, aber auch Europa, USA und Südamerika. Ich habe Kundinnen in jeder Altersstufe. Schon immer ging es mir nicht darum, dass ich etwas Hübsches kreiere, sondern es war mir wichtig, mit meinen Kleidungsstücken eine Botschaft zu überbringen.

STANDARD: Welche Botschaft?

Valli: 2004 hörte ich auf, bei Ungaro als Designer zu arbeiten. Ich begab mich auf die Suche nach alten, vergessenen Materialien, wie Gaze, Razimir und Doublecrêpe, die seit den fünfziger und sechziger Jahren nicht mehr verwendet wurden. Sie waren fast verschwunden. Die meisten fand ich in Italien wieder und brachte sie in Form einer modern konstruierten Mode auf den Laufsteg zurück.

STANDARD: Ihre ersten Kollektionen mit ihren ausgefallenen Proportionen wurden zum Teil als "Glöckner von Notre Dame"- Formen verspottet.

Valli: Ja, manche haben es einfach nicht kapiert. Für mich war es eine Art Hommage an Balanciaga. Das Lächerliche daran ist, dass jener Journalist, der meine Kollektion so stark kritisierte, heute über meine "wunderschöne Signatur-Silhouette" schreibt.

STANDARD: Es hat Sie nicht verunsichert?

Valli: Überhaupt nicht. Es war neu. Manchen gefällt es sofort, manche brauchen eine Zeit. Offensichtlich haben sich meine neuen Formen und Proportionen schon durchgesetzt. Es ist so einfach, etwas zu kritisieren, was einem fremd ist. Ich finde, es ist ein gutes Zeichen, wenn einen etwas verstört. Was verstört, spricht zu dir.

STANDARD: Sie haben einen exklusiven Fan-Club, die "Valli-Girls". Eine bessere Werbung kann man sich gar nicht wünschen, oder?

Valli: (lacht) Ja, die schönen Mädchen gehören zu mir! Sie sind meine größte Unterstützung. Ich bin nicht Teil der großen Modekonzerne, die einen finanziell aushalten, auch zahle ich keine Stars dafür, bei meinen Shows zu sitzen. Aber es ist nun mal wichtig, wer meine Kleider trägt und wer bei meinen Schauen in der ersten Reihe sitzt.

STANDARD: Und wie sah Ihre erste Reihe aus, als Sie im Frühling 2005 Ihre erste Kollektion zeigten?

Valli: Da saßen Bianca Brandolini, Coco Niarchos, Tatiana Santo Domingo, Margherita Missoni und Charlotte Casiraghi. Sie waren damals 17, 18, 19 Jahre alt. Charlotte war Praktikantin, als ich für das Haus Ungaro designte, und so lernte ich die Mädchen, ihre Freundinnen, kennen. Sie wissen, was ihnen gefällt. Niemals würden sie sich dafür bezahlen lassen, in der ersten Reihe zu sitzen.

STANDARD: Was unterscheidet Sie von traditionellen Haute-Couture-Häusern?

Valli: Wenn jemand zum Kreativdirektor eines renommierten Couture-Hauses ernannt wird, dann steht ihm ein Atelier von Genies zu Verfügung. Die besten Schneiderinnen und Kleinkünstler arbeiten dort seit Jahrzehnten. Da ich mir mein Atelier selbst aufbaute, musste ich die besten Schneiderinnen und Stickerinnen zuerst einmal finden; das war wie eine Stecknadel im Heuhaufen zu suchen.

STANDARD: Haute Couture wird oft nur mehr dazu verwendet, hauseigene Parfums zu pushen. Sie selbst haben keines. Wieso das?

Valli: Ich möchte zuallererst für meine Silhouetten, nicht für einen Duft bekannt sein.

STANDARD: Sie gehören zu einer neuen Generation von Designern, die nicht unter dem Schutz der großen Konzerne stehen, sondern führen Ihr Label seit acht Jahren alleine. Wie unabhängig sind Sie?

Valli: ch besitze meinen Namen und meine Firma zu hundert Prozent. Es ist mir wichtig, ein Beispiel für die nächste Generation von Designern zu sein und ihnen zu zeigen, dass Eigenständigkeit möglich ist.

STANDARD: Die Schauen der Haute Couture sind geradezu perfekt vor dem Zeitpunkt der Oscar-Verleihung. Ein Zufall?

Valli: Ich habe genug von diesem Hype ... wer zieht welchen Star an? Natürlich war es fantastisch, dass mich Jessica Biel bat, ihr Hochzeitskleid zu designen, aber man darf das alles nicht überbewerten.

STANDARD: Viele Couture-Häuser haben in den letzten Jahren keine Kollektionen mehr gezeigt. Worauf führen Sie das zurück?

Valli: Da gibt es verschiedene Gründe. Hermès ist nicht wirklich Haute Couture, Balmain verändert gerade das Image des Hauses, und bei Ungaro, glaube ich, ist es ein ökonomisches Problem.

STANDARD: Tragen Sie selber Designerkleidung?

Valli:Ich habe noch zahlreiche Stücke von Helmut Lang und trage gerne Comme des Garçons. Das hier (zieht sein Sakko aus) ist von meinem Schneider aus Neapel: Schauen Sie, wie wunderbar es gearbeitet ist. Cesare Attolini - er ist der Beste auf der Welt. Hat man einmal einen seiner Anzüge angehabt, kann man keinen Designeranzug mehr tragen. (Cordula Reyer, Rondo, DER STANDARD, 8.3.2013)

Giambattista Valli, geboren 1966 in Rom, arbeitete für Capucci, Fendi und Krizia, bevor er 1997 zu Ungaro nach Paris ging. 2001 wurde er Designchef bei Ungaro, 2005 schließlich gründete er sein eigenes Label. Vor zwei Jahren zeigte er seine erste Haute-Couture-Linie. Nebenbei entwirft er auch Monclers Gamme-Rouge-Linie.

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    Seinem Heimatland hat der Römer Giambattista Valli schon länger den Rücken gekehrt. Er wohnt in Paris: "In Frankreich wird Haute Couture als Kunstform betrachtet."

    Giambattista Valli mit Jessica Biel.

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    Ein Entwurf aus Vallis jüngster Couture-Kollektion.

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