Vom Hausen, Wohnen und Logieren

5. März 2013, 18:37
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Das Wohnen ist ein konstanter, jedoch kaum erforschter Topos in der Literatur - Der Germanist Thomas Wegmann will der Behausung eine eigene Literaturgeschichte vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute widmen

"Und man hat niemanden und nichts und fährt in der Welt herum mit einem Koffer und mit einer Bücherkiste und eigentlich ohne Neugierde. Was für ein Leben ist das eigentlich: ohne Haus, ohne ererbte Dinge, ohne Hunde."

Es ist der in vielerlei Hinsicht "unbehauste" Malte Laurids Brigge, den Rainer Maria Rilke über den Verlust der behaglichen bürgerlichen Sicherheiten mit ihren traditionsbewussten Häusern klagen lässt. Als diese literarische Figur 1910 im Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge ins Licht der Öffentlichkeit tritt, sind die massiven technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlich-kulturellen Umbrüche in Richtung Moderne in vollem Gang: Industrialisierung, Urbanisierung und die damit verbundenen Migrationsbewegungen bringen neue Lebensformen hervor, die auch die Formen des Wohnens grundlegend verändern.

Die Idee vom "ganzen Haus", in dem neben der Großfamilie auch Arbeitskräfte eine wirtschaftliche und emotionale Einheit bilden, entsteht Mitte des 19. Jahrhunderts als Gegenutopie zu diesen oft als bedrohlich empfundenen Veränderungen. Doch dieses Haus und mit ihm die alte Gesellschaftsform ist dem Untergang geweiht, wie in der zeitgenössischen Literatur nachzulesen ist. "Wie viele andere Autoren dieser Zeit erzählt auch Thomas Mann in den Buddenbrooks vom Verfall eines solchen genealogisch und ökonomisch formatierten Hauses", erklärt Thomas Wegmann, seit kurzem Vorstand des Germanistikinstituts an der Uni Innsbruck.

Sein Fokus auf die Literatur der Zwischenkriegszeit und den Themenkomplex Literatur und Ökonomie habe ihn auch zum damals heiß diskutierten Thema des Wohnens geführt, berichtet der Germanist. So stellte beispielsweise Walter Benjamin dem von ihm so bezeichneten " wohnsüchtigen" 19. Jahrhundert das noch junge 20. entgegen, das "mit seiner Porosität, Transparenz, seinem Freilicht- und Freiluftwesen dem Wohnen in altem Sinne ein Ende" machte.

Von ihm stammt auch die Bezeichnung vom "Wohnen als Transitivum", das, auf die Spitze getrieben, zum großen literarischen Topos der Zwischenkriegszeit wurde: das Leben im Hotel. "Ich bin ein Hotelbürger, ein Hotelpatriot", schrieb Joseph Roth und schwärmte davon, im Hotel " heimisch, aber nicht zu Hause" sein zu können. Auch Anton Kuh besang die provisorische Heimat des Hotels: "Das Hotelzimmer schwindelt dir nichts vor. Es ist ein Durchgangsraum für Passanten und Schicksale."

Das neue Jahrhundert mit seinen tiefgreifenden Umwälzungen sollte auch einen neuen Menschen hervorbringen. Und dieser, erläutert der Germanist, passte ganz und gar nicht mehr zu den überkommenen Vorstellungen vom " ganzen Haus". Nicht nur viele Literaten der Neuen Sachlichkeit setzten sich in ihren Texten intensiv mit neuen Wohnformen auseinander, sondern auch Architekten und Architekturtheoretiker. "Wir wollen befreit sein vom Haus mit seinem Ewigkeitswert (...), vom Haus mit seinen dicken Mauern (...), vom Haus als Monument, vom Haus, das uns durch seinen Unterhalt versklavt", schrieb etwa der Schweizer Architekturhistoriker Sigfried Giedion 1929.

Zum expliziten literarischen Thema werde das Wohnen, so Wegmann, im 1932 erschienenen Roman Herrn Brechers Fiasko von Martin Kessel. In einer Passage bearbeitet der Protagonist einen Werbetext für neue Wohnungen, in dem es heißt: "Wir leben nicht mehr gesellschaftlich gebunden und darum weniger konventionell, mehr auf individuelle Lebensgestaltung als auf gesellschaftliche Geltung bedacht. (...) Deshalb (...) betrachten wir auch unsere Wohnungen nicht mehr als Objekt gesellschaftlicher Repräsentation, sondern als ein Gebrauchsgerät, dessen Wert nach seiner Leistung abgeschätzt wird."

Gefühlsballast abwerfen

Die Ideen, die in diesem typischen Text der Neuen Sachlichkeit beschrieben werden, finden sich auch in den Programmen etlicher Architekten. So empfahl etwa Bruno Traut, der als Vertreter des "Neuen Bauens" der Bauhausarchitektur nahestand, beim Wohnen den " Gefühlsballast" in Form von überflüssigem Zierrat abzuwerfen - "denn in der Freiheit vom Wust entwickelt sich die Persönlichkeit erst völlig". Eine Erkenntnis, die in letzter Zeit in Lebenshilfeliteratur unter dem Motto "Simplify your life" wieder zu neuen Ehren gekommen ist.

Die Utopie vom "ganzen Haus" wurde also mit einem radikalen Gegenentwurf des Funktionalen, Technischen und Sanitären in der architektonischen Moderne konfrontiert. In der Literatur werden diese oft überzogenen Programme des Neuen Wohnens mitunter ironisch gebrochen. Als Robert Musils Mann ohne Eigenschaften sein Haus renovieren will, muss er sich für einen Stil entscheiden und erteilt dabei den Predigern des Neuen Wohnens einen Seitenhieb: "Was sollte er wählen? Der moderne Mensch wird in der Klinik geboren und stirbt in der Klinik: also soll er auch wie in einer Klinik wohnen! - Diese Forderung hatte soeben ein führender Baukünstler aufgestellt (...)."

Noch ist die Literaturgeschichte des Hausens im Bau: Thomas Wegemann arbeitet an der Fortsetzung - die bis zur aktuellen Immobilienkrise reichen soll. (Doris Griesser, DER STANDARD, 06.03.2013)

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    Armin Müller-Stahl und Iris Berben im Remake der "Buddenbrooks" (2008). Thomas Mann erzählt in seinem Roman auch vom Verfall der Idee des Hauses als wirtschaftliche und emotionale Einheit.

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