Woher der Fisch geschwommen kam

5. März 2013, 18:28
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Um den Ursprung von Fischen bestimmen zu können, analysieren Wissenschafter der Boku Wien den Gehörstein des Tieres - Er wächst, solange der Fisch lebt, in ihm ist sein gesamte Lebenslauf gespeichert

Thomas Prohaskas Datenbank wächst und wächst. Die Wachauer Marille, der Marchfelder Spargel, das steirische Kürbiskernöl und Kaffeebohnen aus Hawaii sind darin bereits erfasst. Nun ist mit dem "Alpenlachs", einem speziell gezüchteten Seesaibling, auch erstmals ein höheres Lebewesen dazugekommen.

Was all diese Lebensmittel in der Datenbank gemeinsam haben? Prohaska, technischer Chemiker an der Universität für Bodenkultur, kann bei jedem von ihnen ihre Herkunft bis aufs Feld oder das Wasserbecken genau zurückverfolgen. Dank eines "chemischen Fingerabdrucks" lässt sich überprüfen, ob drin ist, was draufsteht. Der Wissenschafter macht sich dabei zunutze, dass Tiere und Pflanzen die chemische Information der Umgebung speichern, in der sie gelebt haben. Sie nehmen über ihre Nahrung und das Wasser Elemente aus dem Boden auf und bauen sie in ihre Zellen ein - und diese Elemente haben an jedem Ort der Welt eine ganz bestimmte Zusammensetzung. Wer sie analysiert, der weiß, von wo es stammt.

Prohaska konzentriert sich bei seinen Untersuchungen auf ein Element, dass die meisten Menschen nur von Atombomben und Reaktorunfällen kennen, das Strontium. Als radioaktives Isotop Strontium 90 kommt es nur nach atomaren Katastrophen vor, in allen anderen, nicht strahlenden Ausprägungen ist es überall in der Natur und daher auch in allen Lebewesen vorhanden. Anhand des jeweils spezifischen Verhältnisses von Strontium 86 zu Strontium 87 kann Prohaska so sagen, wo eine Pflanze gewachsen ist oder ein Tier gelebt hat. Finanziert wurde die Entwicklung durch den Wissenschaftsfonds FWF und das Geld des "Start"-Preises, den Prohaska 2004 erhielt.

Verschwundene Verkäufer

Mit der Analyse konnte er bereits nachweisen, welches "steirische Kernöl" aus China kommt und welcher "Marchfelder Spargel" in Ungarn gezogen wurde. Und manchmal braucht es keine Tests, sondern es reicht die bloße Aussicht auf Kontrolle, um Betrug zu stoppen: Als er vor einigen Jahren mit der Arbeit begann, fuhr er mit seinen Mitarbeitern ins Marchfeld und informierte die Spargelstandbesitzer über die geplanten Tests. Als die Wissenschafter am nächsten Tag wiederkamen, um die Proben zu nehmen, tauchten einige Verkäufer nicht mehr auf.

So genau die Methode sein kann, sie hat auch ihre Grenzen: Bei Fleisch ist sie nur wirklich zuverlässig, wenn man das ganze Tier zum Testen hat. Bei Fertiggerichten braucht es freilich weitere Forschungen, um sie zu verfeinern. Zwar findet sich Strontium auch im Filet, weil sich Muskelgewebe aber schnell erneuert, gibt das Element nur darüber Auskunft, wo das Tier seine letzten Wochen verbracht hat - aber nicht, wo es geboren oder aufgewachsen ist.

Um das sicher zu bestimmen, brauchen die Forscher das, was sie das "Archiv der Kindheit" nennen: Zahnschmelz. In ihm lagert sich das ganze Leben lang Strontium ab - er eignet sich daher auch, um etwa Wanderrouten von Steinzeitmenschen zu bestimmen.

Für Fische hat Prohaska gemeinsam mit dem Fischökologen Andreas Zitek eine Herkunftsbestimmung entwickelt, die eine anatomische Besonderheit der Tiere nutzt: den vergleichsweise großen Gehörstein. Er ist das Gleichgewichtsorgan des Fischs und wächst, solange der Fisch lebt, immer weiter in konzentrischen Kreisen - ähnlich wie Ringe eines Baums. Weil er sich nicht wie anderes organisches Material erneuert, ist in ihm der gesamte Lebenslauf des Fisches gespeichert.

Die Forscher können daher sagen, wo das Ei gelegt wurde, wo der Fisch aufwuchs und wo er seine letzten Stunden verbrachte.

Nachdem mit dem Alpenlachs das erste Tier in die Datenbank aufgenommen wurde, sollen weitere, vor allem österreichische folgen: Der Waldviertler Karpfen etwa steht auf Prohaskas Wunschliste. Je umfangreicher die Datenbank mit den chemischen Fingerabdrücken, desto mehr Lebensmittel können rückverfolgt werden. Der aktuelle Pferdefleisch-Skandal könnte das Interesse an seiner Arbeit steigern - und die Datenbank noch schneller wachsen lassen. (Tobias Müller, DER STANDARD, 06.03.2013)

  • Der Alpenlachs ist das erste höhere Lebewesen, bei dem die Isotopenbestimmung gelang.
    foto: archiv

    Der Alpenlachs ist das erste höhere Lebewesen, bei dem die Isotopenbestimmung gelang.

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