"Wir werden astronomisches Neuland betreten"

Interview5. März 2013, 18:19
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In der chilenischen Wüste wird am 13. März das weltgrößte Observatorium eröffnet

Das Atacama Large Millimeter/submillimeter Array soll zeigen, wie Sterne entstehen und wo unser kosmischer Ursprung ist, sagt einer der Projektmanager, der Astronom Wolfgang Wild. Peter Illetschko fragte.

* * *

STANDARD: Wie unterscheidet sich das Observatorium Alma von anderen großen Teleskopanlagen?

Wild: Alma ist eine Radioteleskopanlage, daher kann man damit kalte, nicht sichtbare Objekte im Universum beobachten. Das sind zum Beispiel Gaswolken, die irgendwann, nach Beginn von Kernreaktionen vielleicht zu Sternen, also heißen Objekten werden. Dann verschwinden sie aus dem Sichtfeld von Alma und können mit optischen Teleskopen betrachtet werden. Genau das Gleiche gilt für die Entstehungsphase von Planeten, wenn sich Staubteilchen zusammenklumpen. Ist der Planet einmal entstanden, dann werden wir ihn nicht mehr mit Alma, sondern besser mit den großen optischen Geräten wie dem Very Large Telescope VLT erfassen. Die Teleskopanlagen werden sich ergänzen und den Lebenszyklus eines Objekts abdecken.

STANDARD: Wird mit Alma nur die Tatsache erkannt, dass ein Planetensystem oder ein Stern entsteht, oder auch erforscht, was genau dabei passiert?

Wild: Im Zentrum wird ganz eindeutig die Frage nach den Ursachen stehen. Wir wissen zwar, dass sich Sterne aus Gaswolken entwickeln können, wir wissen aber nicht, warum manche Wolken Sterne produzieren und manche nicht. Wir haben bisher auch nicht genau verstanden, warum unterschiedliche Sternenmassen entstehen. Wir fragen uns auch: Hat jeder Stern so wie die Sonne ein Planetensystem? Und wie groß ist die Chance, dass ein erdähnlicher Planet entsteht? Und wenn wir bei dieser Frage sind, folgt schnell die Frage nach Wasser und natürlich auch nach Leben auf diesem Planeten.

STANDARD: Ist die Frage nach Leben im Universum wirklich so entscheidend?

Wild: Es ist eine Spur, die man verfolgt. Wissenschafter haben mit Alma bereits Glycolaldehyd gefunden. Aus dieser Zuckerverbindung kann die RNA (Ribonukleinsäure), ein wesentlicher Bestandteil der Zelle und des Lebens, entstehen. Würde man nur ein Bakterium finden, dann wäre das eine Sensation. Zwar wird die beobachtende Astronomie kein Bakterium auf irgendeinem Planeten finden, dazu sind selbst unsere Observatorien zu klein. Wir können nur erdähnliche Planeten finden. Wenn es dort einen hohen Sauerstoffgehalt wie in der Erdatmosphäre gibt, ist jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass es Leben gibt, sehr groß. Man kennt nämlich keinen Mechanismus, der so viel Sauerstoff ohne Leben produziert.

STANDARD: Wäre es nicht noch spannender, mehr über dunkle Materie und dunkle Energie, immerhin 95 Prozent des Universums, zu erfahren?

Wild: Es stimmt, dass wir nur fünf Prozent des Universums kennen und von dunkler Materie und dunkler Energie nur theoretische Vorstellungen haben. Unter Umständen wird es auch möglich sein, mit Alma mehr darüber zu erfahren. Das aber ist reine Spekulation. Sicher scheint nur, dass wir mit diesem Observatorium neue Entdeckungen machen werden, die man jetzt noch gar nicht abschätzen kann. Das war nach jedem großen Technologiesprung in der Physik so. Nachdem Galileo Galilei vor 400 Jahren das erste Teleskop in die Hand genommen hatte, sah er, dass einige Sonnensystemplaneten Monde haben. Das hatte er so nicht erwartet. Mit Alma werden wir an den Rand des Universums schauen können, das ist sicher. Was wir sehen werden, davon müssen wir uns überraschen lassen.

STANDARD: Was heißt denn Rand des Universums?

Wild: Mit jedem Teleskop schaut man in die Vergangenheit des Universums. Die Lichtsignale, die wir empfangen, sind vor Millionen von Jahren ausgesendet worden. Mit Alma sehen wir, weil wir ja auch nicht-sichtbare Objekte empfangen, deutlich weiter - bis zum Ende jener Zeit unmittelbar nach dem Urknall, als das Universum undurchsichtig war, weil Strahlung aufgrund seiner Dichte und Hitze nicht weit dringen konnte. Es gab zwar Licht, dieses wurde aber wieder absorbiert. Sie müssen sich das vorstellen wie Nebel. Da gibt es auch Licht, das nicht weit vordringt.

STANDARD: Die Astrophysik kann in diese Sphären niemals eindringen?

Wild: Nein, da werden wir nie vordringen. Wir können nur versuchen, möglichst nahe heranzukommen. Das allein ist schon spannend.

STANDARD: Die Astronomie sucht mit immer mehr Aufwand Antworten auf immer komplexere Fragen. Ende des vergangenen Jahrhunderts kam das Very Large Telescope, jetzt kommt Alma, irgendwann wird das Extremely Large Telescope errichtet, mit einem Spiegel, der fast 40 Meter Durchmesser haben wird. Was kommt danach?

Wild: Im Prinzip muss bei Alma nach den geplanten 66 Antennen kein Ende sein. Man könnte auch hundert, tausend oder sogar zehntausend Antennen vernetzen. Da muss man sich nur zwei Fragen vorher stellen: Haben wir auf diesem Plateau überhaupt so viel Platz? Und vor allem: Können wir uns das leisten? Und wären, wenn ja, die Mittel optimal eingesetzt? Sicher ist nur, dass man immer größere und damit auch teurere Instrumente braucht, weil die Fragen, die man beantworten will, auch immer komplexer sind. Ob es sich langfristig auszahlt und was man damit lernt, ist schwer zu sagen. Man betritt astronomisches Neuland und kann nicht sagen, wo das enden wird. Die Natur hält so viele Rätsel und Überraschungen bereit, dass die menschlichen Möglichkeiten wahrscheinlich das einzige Limit sind. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 06.03.2013)

=> Wissen: Großprojekt am Hochplateau


Wolfgang Wild wurde 1957 in Rosenheim bei München geboren. Er studierte Physik an der Technischen Universität München und promovierte am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik. Wild war unter anderem Stationsleiter eines Radioteleskops in Granada. Seit 2008 ist er wieder in München und für die ESO Projektleiter des neuen Radioteleskopie-Observatoriums.

  • Insgesamt 66 Antennen werden am Chajnantor-Plateau im Norden Chiles platziert und untereinander als Interferometer verknüpft. Die eigens dafür angefertigten deutschen Lastautos Lore und Otto bringen die Antennen, wie in diesem Rendering dargestellt, zu den von den Astronomen gewünschten Positionen.
    foto: eso

    Insgesamt 66 Antennen werden am Chajnantor-Plateau im Norden Chiles platziert und untereinander als Interferometer verknüpft. Die eigens dafür angefertigten deutschen Lastautos Lore und Otto bringen die Antennen, wie in diesem Rendering dargestellt, zu den von den Astronomen gewünschten Positionen.

  • Wolfgang Wild: "Wir werden Entdeckungen machen, die wir jetzt noch gar nicht abschätzen können."
    foto: eso

    Wolfgang Wild: "Wir werden Entdeckungen machen, die wir jetzt noch gar nicht abschätzen können."

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