"Ohne Rotstift und Vokabelheft"

Reportage5. März 2013, 15:56
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Ab sofort können Interessierte in Margareten jede Woche in ungezwungener Atmosphäre die Sprachenvielfalt Wiens kennenlernen

"Es ist wie ein Pool voller interessanter Sprachen, die Menschen springen einfach hinein", fasst eine Besucherin das Kontaktepool-Sprachencafé in einem Ecklokal in Wien-Margareten zusammen. Im September 2012 fand das Projekt des Vereins Station Wien im Rahmen der "Langen Nacht der Sprachen" zum ersten Mal statt. Bereits damals war es ein großer Erfolg. "Wir hatten nicht genug Sessel", erinnert sich die Initiatorin Barbara Niklas.

Die Idee dahinter ist so einfach wie effizient: Pro Tisch gibt es einen Moderator oder eine Moderatorin, die Interessierten ihre Sprache näherbringt. "Wir wollen den Menschen die Möglichkeit geben, in einer gemütlichen Atmosphäre ihre eigenen Sprache zu sprechen und neue kennenzulernen", erklärt Niklas. Dabei geht es nicht darum, Sprachunterricht zu geben, sondern Smalltalk zu führen und Erfahrungen auszutauschen.

Die Sprachenvielfalt ist beeindruckend: Arabisch, Chinesisch und Polnisch sind nur einige, die zum Angebot gehören. Auch ungewöhnliche Sprachen wie Esperanto sind vertreten. Das Publikum ist ebenso bunt: "Von jungen Müttern bis Pensionisten: Alle sind hier", sagt Niklas. "Gerade das macht den Charme dieser Veranstaltung aus."

"Viszlát!"

"καλησπέρα! Guten Abend!" Charis Angelidis begrüßt die BesucherInnen am Griechisch-Tisch. "In Österreich ist Griechisch für viele eine exotische Sprache", sagt er. "Bei solchen Projekten verschwinden die Vorurteile, das Fremde gibt es hier nicht", fasst er die Stimmung der Veranstaltung zusammen. "Für einige ist es eine seltene Chance, das andere zu treffen."

Dass dafür im Alltag oft das Interesse fehlt, erzählt Maria Schimmerle. Die Studentin leitet heute zum ersten Mal einen Ungarisch-Tisch. "Ich bin überrascht vom Interesse an mir und meiner Sprache. Denn ich mache oft eher die gegenteilige Erfahrung", sagt sie. "Ich werde es auf jeden Fall noch einmal machen."

Mit einem "Viszlát!" verabschiedet Schimmerle einen Besucher, der Richtung Deutsch-Tisch geht - dem am besten besuchten Tisch des Abends. Dort sitzt Gabriele Perl, die diesen bereits zum zweiten Mal leitet. Den Zulauf erklärt sie sich so: "Viele haben im Alltag nicht oft Gelegenheit, auf Deutsch ins Gespräch zu kommen." Ihre BesucherInnen kommen aus der Slowakei, dem Irak, aus Algerien, der Türkei und dem Iran. Was sie verbindet? "Alle haben gute Deutschkenntnisse", sagt Perl. "Allein der Wunsch nach dem Austausch zieht sie hierher."

Kleiner Urlaub

Diesen Wunsch hatte auch Sophie Gingembre, bevor sie sich entschied, einen Französisch-Tisch zu leiten. Die gebürtige Wienerin, deren Vater Franzose ist, ist begeistert von dem Konzept: "Hier kann man ohne Rotstift und Vokabelheft lernen." Für sie ist der Besuch außerdem wie ein kleiner Urlaub: "Fremde Länder sind nur wenige Meter entfernt."

Der Erfolg gibt dem Verein Station Wien recht. Die Räume sind überfüllt, die Nachfrage enorm. "So ein Angebot hat schon lange gefehlt. Hier werden alle Sprachen als Bereicherung angesehen, was sonst eher nicht der Fall ist", sagt Niklas. "Das Lernen der deutschen Sprache wird leider immer absolut gesetzt, und dabei vergisst man auf die vielfältigen Muttersprachen." Das Ziel des Projekts? "Den Menschen zu zeigen, dass es in Österreich nicht nur Deutsch, sondern viele andere Sprachen daneben gibt."

Diese Erkenntnis ist an diesem Abend selbstverständlich. "Sie sind Wienerin?", fragt ein Besucher im Gespräch. "Das trifft man hier selten." (Jelena Gučanin, daStandard.at, 5.3.2013)

Ab 6. März findet das Sprachencafé jeden Mittwoch von 17 bis 20 Uhr statt (Ferienzeiten ausgenommen)
Station Wien
Einsiedlerplatz 5 (Eingang Gießaufgasse)
1050 Wien

  • Beim Kontaktepool-Sprachencafé kann man ab 6. März neue Sprachen kennenlernen und eigene Sprachentische moderieren.
    foto: station wien

    Beim Kontaktepool-Sprachencafé kann man ab 6. März neue Sprachen kennenlernen und eigene Sprachentische moderieren.

  • Initiatorin Barbara Niklas: "Das Lernen der deutschen Sprache wird leider immer absolut gesetzt, und dabei vergisst man auf die vielfältigen Muttersprachen."
    foto: jelena gučanin

    Initiatorin Barbara Niklas: "Das Lernen der deutschen Sprache wird leider immer absolut gesetzt, und dabei vergisst man auf die vielfältigen Muttersprachen."

  • Am Griechisch-Tisch wird auch griechisches Scrabble gespielt.
    foto: jelena gučanin

    Am Griechisch-Tisch wird auch griechisches Scrabble gespielt.

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