Hugo Chávez: Der Abgang eines Sonnenkönigs

5. März 2013, 23:07
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Chávez machte Polarisierung zur Strategie und Politik zum Spektakel

Er war ein Stehaufmännchen. Jemand, der Niederlagen in Siege verwandelte. Ein geborener Volkstribun, der Menschen und Medien für sich vereinnahmen konnte. Als Hugo Chávez erster Putschversuch im Februar 1992 niedergeschlagen wurde, kapitulierte er vor laufenden Kameras: "Wir sind gescheitert. Vorerst." Den gleichen Satz nutzte er im Dezember 2007 nach der einzigen Niederlage in den Urnen, die er in seinen 14 Jahren Regierungszeit erlitten hat. Damals lehnte die Bevölkerung die von ihm vorgeschlagene Verfassungsänderung, die ihm eine unbegrenzte Wiederwahl erlaubte, mit knapper Mehrheit ab. "Vorerst", prangte einige Tage nach der schmerzhaften Niederlage auf leuchtend roten Plakatwänden in der Hauptstadt Caracas.

Zwei Jahre später legte Chávez das Projekt erneut vor - unter eklatantem Verstoss gegen die Verfassung - und siegte. Genutzt hat es ihm wenig. Besiegt hat ihn letztlich nicht die Verfassung, und nicht die Opposition, sondern sein eigenes Naturell. Sein Starrsinn, seine Leichtsinnigkeit, sein Glaube, mit übermenschlichen Kräften gesegnet zu sein. Doch gegen den Krebs, der sich heimtückisch in seine Hüfte frass, war auch er machtlos. Am 5. März erlag er 58jährig seiner Krankheit.

Bescheidene Verhältnisse

Geboren am 28. Juli 1954 in dem Dorf Sabaneta im Bundesstaat Barinas als zweites von sechs Kindern wuchs Hugo Chávez in bescheidenen Verhältnissen auf. Seine Eltern waren Lehrer und schickten wegen wirtschaftlicher Engpässe den kleinen Hugo bald zur Großmutter mütterlicherseits. Sein ganzes Leben lang besaß er zu seiner Oma ein innigeres Verhältnis als zu seiner eigenen Mutter. Chávez war schon von klein auf umtriebig, spielte Baseball, interessierte sich für Malerei, Musik und Theater und war Messdiener. Nach dem Abitur schlug er 17jährig die militärische Laufbahn ein, wo er es dank seines Fleißes bis zum Oberstleutnant  brachte. Er heiratete und zeugte drei Kinder.

Zusammen mit anderen jungen Offizieren gründete er 1982 die Bolivarische Revolutionsbewegung, die nationalistisches Gedankengut pflegte. Sozialistische Ideen flossen durch seinen älteren Bruder Adán, einen überzeugten Kommunisten, und durch seine Affäre mit der deutschstämmigen Historikerin Herma Marksmann ein. Die Wende kam 1989 in den Unruhen des "Caracazo", als die Streitkräfte hunderte von Demonstranten massakrierten, was Chávez und seine Kampfgenossen missbilligten und sie in ihrem Vorhaben bestärkte, das Land auf neue Füße stellen zu müssen.

Putsch gegen Pérez

1992 sahen die jungen Offiziere ihre Stunde gekommen und putschten gegen den demokratisch gewählten, wegen eines Sparprogramms aber unpopulären Präsidenten Carlos Andrés Pérez. Die Putschisten scheiterten, und Chávez kam ins Gefängnis – nur um sechs Jahre später im Triumphzug und demokratisch gewählt in den Präsidentenpalast von Miraflores einzuziehen.

Dem charismatischen Präsidenten schien alles zu gelingen: seine eilig aus dem Boden gestampfte Bewegung fegte die etablierten Parteien hinweg, der von ihm einberufene Verfassungskonvent arbeitete ein neues, Chávez wie auf den Leib geschneidertes Grundgesetz aus, das von der Bevölkerung mit großer Mehrheit angenommen wurde. Die Gefolgschaft der Armen erkaufte er sich mit Sozialprogrammen und Posten in der staatlichen Verwaltung. Den Putschversuch der Opposition überstand er ebenso wie den Streik der Erdölindustrie - dem wirtschaftlichen Standbein des Staates. Nach jeder Niederlage ging er drastischer gegen seine Gegner vor, die er als "Oligarchen" oder "Reiter der Apokalypse" beschimpfte. Er schloss den oppositionellen Sender RCTV und verhaftete Regimegegner.

Die USA waren für ihn das teuflische Imperium, das ihm nach dem Leben trachtete. Auch mit der konservativen Kirchenhierarchie überwarf er sich, obwohl die Bibel zusammen mit dem Vaterlandsbefreier Simon Bolivar zu seinen wichtigsten Referenzen gehörte. Die Armen sahen in den populistischen Mestizen einen Heilsbringer nach vielen Jahren korrupter Vetternwirtschaft und den personifizierten Rächer für Jahrzehnte der Marginalisierung durch eine sozial unsensible Oberschicht.

Strategie der Polarisierung

Chávez entpuppte sich als gewiefter Politiker und geborener Alleinunterhalter. Er machte aus der Polarisierung eine Strategie und aus der Politik ein Spektakel. Bis zu acht Stunden dauerten seine sonntägliche TV-Show "Alo Presidente", in der er nicht nur das Regierungsprogramm erläuterte, Minister zurechtstutzte oder Bauten einweihte, sondern auch sang, tanzte, Witze erzählte und das Volk herzte. Er war der Shooting Star der internationalen Linken, die in Scharen nach Caracas pilgerte. Doch im Innersten blieb Chávez stets ein Militär und misstraute allen Zivilisten. Er ernannte Militärs zu Ministern, machte sie zu Gouverneuren und sogar zu Theaterintendenten; am wohlsten fühlte er sich in Uniform. Kompromiss und Ausgleich waren seine Stärke nicht. Er teilte die Welt in Freund und Feind ein, und die Feinheiten der Politik wollte er nie verstehen. Sie waren für ihn Überbleibsel einer korrupten Parteienherrschaft.

Verstaatlichungen und Korruption

Auch von der Wirtschaft hatte er merkwürdige Vorstellungen, die das Land nur dank des immensen Erdölreichtums und der hohen Erdölpreise der vergangenen Jahre überstand. Verstaatlichungen und Devisenkontrollen verschreckten Investoren und trieben einst florierende Unternehmen in den Ruin, Preiskontrollen führten zu Versorgungsengpässen, Korruption und Schattenwirtschaft florierten. Die Unabhängigkeit der Justiz und Sicherheitskräfte wurde durch bedingungslose Loyalität zum Regime ersetzt. Die Übergriffe seiner bewaffneten Schlägertruppen tolerierte Chávez ebenso wie die Geschäfte seiner Generäle mit der Drogenmafia. Die Kriminalität kannte keine Schranken mehr, Caracas verwandelte sich in eine der gefährlichsten Städte Lateinamerikas. Gleichzeitig subventionierte Chávez seine linken Verbündeten in Kuba, Nicaragua, Bolivien und der Karibik mit Milliarden verbilligter Erdöllieferungen.

Freundschaft mit Fidel Castro

Immer enger wurde sein Verhältnis zu seinem politischen Ziehvater, dem kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro. Zuletzt vertraute er nur noch den Kubanern, denen er trotz des prekären Zustands ihrer Medizin seine Krebsbehandlung anvertraute. Er konzentrierte immer mehr Macht im Präsidentenpalast. Im Machtrausch überwarf er sich mit einigen seiner Kampfgenossen von einst, und auch mit seiner zweiten Ehefrau Marisabel, die nach einem Nervenzusammenbruch mit der gemeinsamen Tochter auszog. 

So blieb er Alleinherrscher, aber einen Nachfolger oder funktionierende Institutionen, die seinen "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" fortführen könnten, konnten in seinem Schatten nicht gedeihen. Fidel Castro mahnte ihn: "Ich kann beruhigt sterben, ich habe alles vorbereitet, aber du nicht." Im Dezember 2012 hatte Chávez dann seinen Stellvertreter Nicolas Maduro als Wunschnachfolger bezeichnet. Anfang Jänner sollte Chávez für eine neue siebenjährige Amtszeit angelobt werden, diese Angelobung wurde auf unbegrenzten Zeit verschoben.

Sein Tod dürfte für Venezuela unruhige Zeiten bedeuten. Was vom Erbe des venezolanischen Sonnenkönigs übrig bleiben wird?" Darüber gibt es wie immer geteilte Meinungen in Venezuela. Die Emanzipation von den USA und die Wiederbelebung der lateinamerikanischen Integration, sagen die chavistas. Auch wenn das freilich rhetorisch ist. Bis zuletzt blieben die USA der wichtigste Abnehmer venezolanischen Erdöls, und bei der lateinamerikanischen Integration hat längst Brasilien den Protagonismus übernommen. Die Emanzipation und Politisierung der Armen, sagt der Meinungsforscher Oscar Schemel.

Ob dies jedoch den Tod des Idols übersteht? Ein weiterer gescheiterter Traum, ein Haufen Narcogeneräle und eine neue Bourgeoisie, ebenso korrupt wie die alte, sagt der eingefleischte Kritiker Carlos Alberto Montaner. "Ebenso wie sein Vorbild Bolívar hat Chávez im Meer gepflügt." (Sandra Weiss aus Caracas, DER STANDARD, 6.3.2013)

  • 15. Februar 2013. Das letzte offizielle Foto von Chávez mit seinen Töchtern Rosa Virginia (re.) und Maria Gabriela.
    foto: epa/ministry of communications

    15. Februar 2013. Das letzte offizielle Foto von Chávez mit seinen Töchtern Rosa Virginia (re.) und Maria Gabriela.

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    11. Oktober 2011: Von der Krebserkrankung gezeichnet.

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    In den letzten Monaten kursierten unterschiedlichste Gerüchte über Chávez' Erkrankung. Seine im Jänner geplante Angelobung wurde auf unbestimmte Zeit verschoben, das verunsicherte die Bevölkerung. Bild: Oppositionsanhänger verlangen detaillierte Infos zum Zustand des Präsidenten. Gerüchte, wonach sich die Regierung und das Militär des Landes entzweit hätten, kursierten.

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    Chávez in der Gefängniszelle. Er war von 1992 bis 1994 in Haft. Nach zwei Jahren wurde er gemeinsam mit den anderen Offizieren des Putsches von Präsident Rafael Caldera begnadigt.

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    1972. Chavez war an der Militärakademie im Baseball-Team.

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    Hugo Chavez (re.) mit seinem Bruder Adan. Hugo war das zweite von sechs Kindern.

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