Stronachs Glanz und Glorie

Kommentar4. März 2013, 18:44
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Protest, Unzufriedenheit und die mangelnde Strahlkraft der anderen

Politische Konkurrenten und interessierte Beobachter der Wahlen waren mit einem Urteil schnell zur Hand: Sie sprachen den Stronach-Wählern die Intelligenz ab. Diese Einschätzung ist für sich genommen allerdings auch nicht sonderlich intelligent, da sie sowohl die Wähler als auch den Gewählten unterschätzt.

Insgesamt haben an diesem Sonntag mehr als 130.000 Menschen in Niederösterreich und Kärnten für das Team Stronach gestimmt. Das ist ein starkes Votum. Die Retortenpartei, die es ohne Wahlen bereits zu einem Klub im Parlament gebracht hatte, schaffte bei diesen Wahlgängen tatsächlich noch mehr: Auf Anhieb gelingt der Einzug in zwei Landtage, auf Anhieb ist das Team Stronach mit je einem Sitz auch in beiden Landesregierungen vertreten. Das Wahlergebnis in Niederösterreich - immerhin drittstärkste Kraft noch vor der FPÖ und den Grünen - beschert der Neo-Partei auch ein Mandat im Bundesrat. Willkommen im Establishment.

Das ist auch deshalb erstaunlich, weil das Team Stronach noch keinerlei politische Leistung vollbracht hat, weil es nicht einmal ein gültiges Wahlprogramm gibt, das über Phrasen hinausgehen würde, auf das sich seine Funktionäre oder die Wähler berufen könnten. Es bleiben die mehr oder minder hohlen Schlagworte Wahrheit, Transparenz und Fairness - und die Person Frank Stronach.

Die Gründe, Stronach zu wählen, liegen zu einem Teil in seiner Person verborgen, in dem, was er darstellt, was er transportiert und wie er es verkauft. Millionär, eigenes Geld, Tüchtigkeit, Authentizität. Der Mann will etwas, er hat eine Mission. Das kann ansteckend sein, das kann motivieren. Stronachs Strahlkraft liegt aber auch in dem begründet, was die Kandidaten anderer Parteien nicht darstellen, nicht transportieren und nicht zu verkaufen imstande sind. Wichtigste Motive der Stronach-Wähler: Protest und Unzufriedenheit.

Das Nichtvermögen anderer Parteien, die Bedürfnisse vieler Bürger anzusprechen, ist eindeutig die stärkste Triebfeder, Stronach die Stimme zu geben. Seine Wählerschaft setzt sich vorwiegend aus ehemaligen FPÖ- und BZÖ-Anhängern sowie aus früheren Nichtwählern zusammen - der klassische Pool der Protestwähler. Und schon ist Stronach bei einem Wert um die zehn Prozent - aus dem Nichts heraus. Ein solches Ergebnis kann auch für die kommende Nationalratswahl als wahrscheinlich angenommen werden. Das ist keine Katastrophe, aber eine bedenkliche Entwicklung: Stronach kanalisiert das Destruktive in den Menschen. Er selbst wird nicht viel bewegen, aber er treibt die "Altparteien" vor sich her wie einst Jörg Haider.

Der FPÖ von heute gelingt das nicht mehr. Sie hat bei ihren Sympathisanten zu viel an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Das liegt zum einen an den Folgen der Regierungsbeteiligung unter Wolfgang Schüssel und den daraus resultierenden Skandalen, andererseits auch an der Person von Heinz-Christian Strache, dem die Mobilisierungs- und Skandalisierungskraft abhanden gekommen ist. Da wirkt selbst der 80-jährige Stronach frisch dagegen.

Wie es gehen könnte, hat Erwin Pröll vorzelebriert: Er hat die Partei vollkommen im Hintergrund verschwinden lassen und nur noch die eigene Person inszeniert. Ein Rezept, das bei Michael Spindelegger oder Werner Faymann allerdings nicht funktionieren würde: Dazu fehlt es ihnen an Statur - und es handelt sich nicht nur um ein paar Zentimeter. (Michael Völker, DER STANDARD, 5.3.2013)

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