Kreuzritter, Zionisten und Zoroastrier: Jihad in Syrien

Blog4. März 2013, 18:50
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Einblick in das jihadistische Denken über den Krieg in Syrien

Cole Bunzel aus Princeton haben wir einen faszinierenden und verstörenden Einblick in das jihadistische Denken über den Krieg in Syrien zu verdanken: Für "Jihadica" hat er ein Dokument übersetzt, das das Ergebnis eines Al-Kaida-Brainstormings über Syrien enthält, mit strategischen Überlegungen, aber auch "Empfehlungen". Die erste ist übrigens "Geduld und noch einmal Geduld", die zweite, das Ziel nie aus den Augen zu verlieren, das da wäre: die Annihilation der Alawiten und die Etablierung von Gottes Gesetz in Syrien, als Vorstufe zur Errichtung eines Kalifates auf der ganzen Welt.

So weit, so wenig überraschend. Die Details sind aber sehr spannend. So kraus das Dokument ist, so wenig idealisierend ist es in dem Sinn, dass die Jihadisten meinen würden, die Eroberung Syriens sei eine leichte und schnelle Sache. Im Gegenteil - mit dem Sturz des Regimes von Bashar al-Assad werde der eigentliche Kampf erst beginnen, prognostizieren sie. Diese Einschätzung hat ihre Entsprechung in der Sorge von westlichen Beobachtern - und vieler Syrer und Syrerinnen - für die Zeit danach.

Zwei "rote Linien" gibt es für die Jihadisten, über "die man nicht debattieren kann". Die erste ist der islamische Staat und die zweite die Nichtanerkennung der "Sykes-Picot-Grenzen". Mark Sykes und Georges Picot waren bekanntlich jene Diplomaten aus Großbritannien und aus Frankreich, die 1916 das geheime "Asia-Minor"-Abkommen schlossen, in dem die Briten und Franzosen ihre Einflusszonen im Nahen Osten für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg festschrieben (und das die dem haschemitischen Scherifen von Mekka, Hussein bin Ali, gegebenen britischen Versprechen für die Errichtung eines unabhängigen arabischen Reiches brach). Die Jihadisten sehen die Länder in der Region als einen einzigen Raum: Bilad al-Sham, Großsyrien. Ganz typisch für diese Nichtanerkennung der kolonialen Grenzen ist auch die Bezeichnung, die das Dokument für den König von Jordanien – ein Nachkomme vom oben erwähnten Scherif Hussein, der ja von der Familie Saud aus Mekka vertrieben wurde - wählt: der "Klient und Sohn der Kreuzfahrer in Jordanien". Jordanien ist ja als Land ein Produkt dieser Neuordnung nach dem Weltkrieg.

Schiiten und Heiden

Auszulöschen sind die Alawiten, der große und mächtige Feind ist jedoch die "Zionisten-Kreuzritter-Zoroastrier"-Allianz: also Israel, der Westen - und der Iran, der anderen jihadistischen Dokumenten meist  als der "safawidische" bezeichnet wird (die Safawiden, 1501 bis 1722, führten in Persien die Schia als Staatsreligion ein). Die Einstufung von Schiiten als Ungläubige kommt auch in dem Ausdruck Hizb al-Lat für Hizb Allah, also für die libanesische schiitische Hizbollah zum Ausdruck: Al-Lat war eine vorislamische heidnische Gottheit.

Die Kreuzfahrer werden nach dem Sturz Assads in Syrien intervenieren, um "den Frieden zu sichern", "die Juden (gemeint ist Israel, Anm.) zu schützen" oder auch, um der "armen und unschuldigen Alawiten-Gemeinschaft" zu Hilfe zu eilen. Zu diesem Zwecke werde man Syrien teilen und die alawitische Sekte werde als "Nagel im Hals der Sunniten in Großsyrien" erhalten werden. Das ist dann der wirkliche Kampf.

"Säkulare Islamisten"

Überraschend ist die Vehemenz, mit der sich das Dokument gegen "die Islamisten" wendet, nämlich die "säkularen Islamisten" oder "säkularen Pseudo-Muslime". Damit sind vor allem die Muslimbrüder gemeint, die von der "internationalen Verschwörung" gefördert werden. Sie sollen an die Macht gebracht werden und die Drecksarbeit für die ungläubigen Mächte erledigen, indem sie die Jihadisten bekämpfen. Auf der Seite der "säkularen Islamisten" steht auch die (alles Zitate) Muslimbruderschaftsregierung in der Türkei, der Kreuzrittersohn in Jordanien und seine Muslimbruderfreunde, die libanesische Hizbollah, die Safawidenregierung im Irak (gemeint ist, dass die Regierung Maliki vom Iran abhängig ist), die Heuchler im Hijaz (gemeint ist das saudi-arabische Königshaus), die Muslimbrüderregierung in Ägypten und andere.

Das Dokument zeigt sich auch sehr medienbewusst: Der "lügende" Fernsehkanal Al Jazeera führe einen Krieg gegen die Jihadisten, auch indem er deren Kriegserfolge in Syrien regelmäßig der "Free Syrian Army" zuschreibe. Dem müsse man mit einer Informationskampagne entgegentreten. Das Dokument nennt auch ausdrücklich die Jabhat al-Nusra, die Nusra-Front, als Arm der Al-Kaida in Syrien. Der Autor fügt auch eine "persönliche" Notiz an: Er selbst sei gegen Angriffe auf "das, was man Israel nennt". Das würde den Kreis der Feinde nur erweitern. Nur wenn Israel direkt zugunsten der Alawiten eingreife oder in einer späteren Phase "die Entschlossenheit der Mujahidin (also der Jihadisten, Anm.) testen werde", dann werde einem nichts anderes übrig bleiben. (Gudrun Harrer, derStandard.at, 4.3.2013)

  • Kämpfer der Nusra-Front in Syrien.
    foto: ap

    Kämpfer der Nusra-Front in Syrien.

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