Abriss der Berliner Mauer: Die Mauer muss bleiben

Kommentar4. März 2013, 18:17
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Den letzten Mauerrest in Berlin für eine Fußgängerbrücke und ein paar Luxuswohnungen zu opfern ist schlicht und einfach eine Schande

Es klingt wie ein Treppenwitz der Geschichte. 1989 gingen hunderttausende Berliner auf die Straße und forderten: "Die Mauer muss weg!" Mehr als zwei Jahrzehnte später stehen viele an den Resten des Bauwerks und kämpfen dafür, dass es erhalten bleibt.

Dazwischen liegen nicht nur der Fall des Eisernen Vorhangs, die Wiedervereinigung Deutschlands und unzählige Schwierigkeiten im deutsch-deutschen Zusammenwachsen, sondern auch das Versagen der Erinnerungskultur in Berlin. Schon klar, dass nach dem 9. November 1989 kaum jemand an den Erhalt der Mauer dachte. Das verhasste Bauwerk, das 28 Jahre lang die Stadt geteilt hatte, sollte möglichst schnell aus dem Blickfeld verschwinden.

Das Resultat: Es gibt heute nur noch wenige Orte in Berlin, an denen man etwas sehen kann: zwar nicht die Mauer in ihrer perfiden Machart, inklusive Stacheldraht, Wachtürmen und Auslauf für scharfe Hunde - aber immerhin ein 1,3 Kilometer langes Stück (East Side Gallery).

Dieses ist nicht bloß ein Tourismusmagnet, sondern erinnert an eine Zeit, die Berlin, Deutschland und die ganze Welt geprägt hat. Es ist - wenn auch buntbekleckst - ein Mahnmal gegen Diktatur und Unterdrückung; eines, das nicht irgendwo in einem Museum steht, sondern mitten in der Stadt. Den letzten Mauerrest in Berlin für eine Fußgängerbrücke und ein paar Luxuswohnungen zu opfern ist schlicht und einfach eine Schande. (Birgit Baumann, DER STANDARD, 5.3.2013)

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