Touristiker auf der Suche nach Antiblockiersystem

4. März 2013, 17:16
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Kleine Verbesserungen ja, Innovationssprünge nein

Die Tourismuswirtschaft in Österreich schmort laut Expertenmeinung zu sehr im eigenen Saft. Durch Vernetzung mit anderen Branchen ließen sich die Potenziale besser heben.

 

Wien - Österreich ist ein Volk von Einzelkämpfern, auch und gerade im Tourismus. Was bisher nicht weiter gestört hat, könnte sich in den nächsten Jahren als gravierender Nachteil herausstellen: die Innovationsschwäche des Sektors.

"Es gibt kleine Verbesserungen, aber keine Innovationssprünge wie in der Automobil- oder IT-Industrie", sagte Zukunftsforscher Andreas Reiter dem Standard. "Aus einem Spa wird ein größeres Spa, aus vielen kleinen Zimmern ein Haus mit größeren Suiten. Was fehlt, ist das Einzigartige, eine Art ABS (Antiblockiersystem, Anm.)"

Selbst in tourismusaffinen Bereichen wie der Skiindustrie sei bei Innovationen Flaute. "Seit Einführung des Carver vor 20 Jahren gibt es nichts substanziell Neues, nur mehr vom Gleichen."

Nächste Ausfahrt Ideenfabrik

Eine weitere Innovation, der aus den USA stammende Skywalk, wurde x-fach kopiert. Reiter: "Ein schönes Beispiel, wie man Berge inszenieren und auch für Nichtbergsteiger attraktiv machen kann. Das Problem ist die Wiederholung. Der erste Skywalk im Tiroler Ötztal - wunderbar. Der sechste, siebente oder achte ist nichts Besonderes mehr."

Was in Österreich fehle, sei eine Ideenfabrik. "Innovationen entstehen in Netzwerken, in der Zusammenarbeit mit Branchenfremden und dadurch, dass man Regeln bricht", sagte Reiter. Immer nur Hoteliers mit Seilbahnunternehmern zusammenzuspannen sei zu wenig, noch dazu in einer Zeit, da sich immer mehr Länder um dieselben Gäste reißen.

Am stärksten sei die Vernetzung der Tourismusbranche noch mit der Autoindustrie. Gelungenes Beispiel einer branchenfremden Anleihe sei etwa die von Doppelmayr realisierte "Cabrio-Seilbahn" auf das Stanserhorn in der Zentralschweiz. "Keine radikale Innovation, aber allemal gut für einen Wow-Effekt", beschreibt Reiter das Ding. "Bei Schönwetter geht das Dach auf, der Kopf ist im Freien - ein neuartiges Gefühl."

Ein weiteres Beispiel für die Zusammenarbeit mit der Autoindustrie ist das Hochzillertal, wo seit diesem Winter eine Gondel mit dem Interieur eines 7er-BMW unterwegs ist. Reiter: "Wir haben eine zunehmende Internationalisierung bei den Gästen. Nett und schön muss es sein, sonst kommen sie nicht zu uns. Das allein wird in Zukunft nicht reichen."

Karin Leeb vom Hotel Hochschober auf der Turracher Höhe, einem Leitbetrieb der Region, ist skeptisch. "Innovationen sind kein Garant mehr für wirtschaftlichen Erfolg," sagt sie. Gerade in wirtschaftlich harten Zeiten sei es schwer, innovativ zu sein.

Dabei ist kaum ein anderes Haus so innovativ wie das Hochschober. Seit 1995 gibt es das beheizte Bad im 1760 Meter hoch gelegenen Turracher See, seit 2006 den Chinaturm mit ausgewählten Teespezialitäten. Entlang der Wanderrouten wurden Getränkeschatzkisten eingegraben, die Gäste mit dem Zimmerschlüssel öffnen können. "Leeb: Das Echo war toll. Aber deswegen ist kein Gast zusätzlich gekommen." (Günther Strobl, DER STANDARD, 5.3.2013)

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