Berlin muss neu gestrichen werden

4. März 2013, 18:14
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Im Hamburger Bahnhof in Berlin wird bis August das vielschichtige und widersprüchliche Werk Martin Kippenbergers gewürdigt


Als 2004 in Berlin anstelle eines Museums moderner Kunst die Flick Collection eröffnete, hing Martin Kippenbergers Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen an prominenter Stelle. Eines der wichtigsten künstlerischen Manifeste gegen eine Verleugnung historischer Schuld im Zusammenhang der Sammlung eines Mannes, der seinen Reichtum einer Familie verdankt, die dazu auch durch Zwangsarbeit gekommen war: Das erschien wie eine Verhöhnung der deutschen Geschichtspolitik und Vergangenheitsbewältigung.

Inzwischen hat sich Berlin an die Flick Collection im Hamburger Bahnhof gewöhnt. Von Zeit zu Zeit wird die riesige Sammlung von Friedrich Christian Flick, die sich vor allem dessen guter Galeriekontakte verdankt, ein wenig umgeräumt.

Diesem Umstand ist es zuzuschreiben, dass nun anlässlich des 60. Geburtstags von Martin Kippenberger (der 1997 44-jährig starb) die umfänglichen Bestände zu diesem Künstler neu präsentiert werden. Sehr gut ist der Titel der Schau, die in den Rieck-Hallen und in zwei Räumen des Hauptgebäudes zu sehen ist.

Man könnte - mit einem der vielen großartigen Wortspiele Kippenbergers - von einer Respektive sprechen. Während der Künstler auf alle möglichen Situationen reagierte, ist das Werk nun respektheischend und museal angeordnet. Von einer Respektive könnte man auch deswegen sprechen, weil die Schau es nicht mit den großen Unternehmungen der vergangenen zehn Jahre (vor allem des Mumok 2004) aufnehmen will. Respektive heißt dann eben auch: einen zweiten Blick werfen, noch einmal hinschauen, einmal auf etwas anderes schauen.

Unbändiger Witz

Die elf Weißen Bilder, die man sich besser vor dem Gang in die eigentliche Ausstellung ansieht, sind auch deswegen ein stupendes Erlebnis, weil sie kaum reproduzierbar sind: elf "Gemälde", bei denen Leinwand und Wand identisch werden, und auf denen dem Künstler Kippenberger in weißer Kinderschrift bescheinigt wird, dass er sehr gute Arbeiten macht. Vielfältig sind hier die Übergänge zwischen Malerei, Konzeptkunst und Institutionenkritik, wie immer gebrochen durch einen unbändigen Witz.

In den Rieck-Hallen trifft man dann erst einmal auf ein Selbstporträt, auf dem Kippenberger ein Schild um den Hals trägt: Bitte nicht nach Hause schicken. Für einen Künstler wie ihn kann dieser Satz eigentlich nur eine Übersetzung zulassen: Bitte nicht ins Museum überführen. Aber dazu ist nicht nur der Kunstbetrieb zu unerbittlich in seinen Verwertungs- und Kanonisierungslogiken. Dazu gibt es von ihm einfach zu viele gute bis exzellente Werke und Werkkomplexe, wie zum Beispiel seinen Malzyklus Das Floß der Medusa, der hier mit einer fotografischen Serie von Elfie Semotan einen Raum beherrscht.

Beim besten Willen

Einer der Höhepunkte ist ein unbetiteltes Gemälde, in dem Kippenberger sich selbst in übergroßer weißer Unterhose malte, an zwei mickrigen Ballons baumelnd, die ihn unmöglich der Schwerkraft entreißen können. Es könnte auch die kuratorische Antwort auf die erschlaffte Straßenlaterne sein, die Kippenberger mit dem Schriftzug Melancholie auf dem Fridericianum in Kassel kombinierte - ein Beitrag zu einer Documenta, zu der er nicht eingeladen war.

Das Bild Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen wird in dieser Schau von den Kuratoren (Udo Kittelmann, Britta Schmitz, Miriam Halwani) klug mit dem Gemälde Sympathische Kommunistin (1983) konfrontiert: einem farbenfrohen, ambivalent affirmativen Bild einer jungen Frau, die für den welthistorischen Sieg über den Faschismus stand.

Politische Malerei im eigentlichen Sinn war nicht Martin Kippenbergers Ding. Dazu war er zu sehr Künstler - als solchen kann man ihn diesen Sommer (bis 18. 8.) einmal mehr in gebotener Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit kennenlernen. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 5.3.2013)

  • Martin Kippenberger: "Lieber Maler, male mir"
    foto: estate m. kippenberger, galerie gisela capitain, köln

    Martin Kippenberger: "Lieber Maler, male mir"

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