"Moskauer Prozesse": Im Belagerungszustand

4. März 2013, 18:16
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Milo Raus Stück im Sacharow-Zentrum lieferte einen Befund zur Lage Russlands. Eine Razzia der Ausländerbehörde und die Belagerung durch "Kosaken" halfen dabei

Philosoph Michail Ryklin hat Tränen in den Augen. Im Moskauer Sacharow-Museum fällt es ihm sichtlich schwer, über "Achtung Religion!" zu sprechen - diese Ausstellung war hier 2003 gezeigt worden. Denn Ryklins Gattin, die feinsinnige Künstlerin Anna Altschuk, hatte sich damals an dieser Ausstellung zu Religion und zeitgenössischer Kunst beteiligt und war danach völlig unerwartet von der Moskauer Staatsanwaltschaft wegen "Schürens von religiösem Hass" angeklagt worden. Zwei Verantwortliche des Museums wurden verurteilt, Altschuk ging frei. Ihr mutmaßlicher Freitod Jahre später wird dennoch mit dem Gerichtsverfahren in Verbindung gebracht.

"Achtung Religion!" sei dabei, erzählt Ryklin, doch nur eine ganz gewöhnliche Ausstellung gewesen - die Zerstörung von Exponaten durch einen Schlägertrupp und eine politische Kampagne gegen die Ausstellungsmacher hätten alle völlig überrascht. Und der folgende Prozess habe sich durch antisemitische Übergriffe aus dem Publikum ausgezeichnet, sagt der Philosoph: "Alle Versuche, diese Atmosphäre hier wiederzugeben, sind zum Scheitern verurteilt."

Der Schweizer Theaterregisseur Milo Rau und sein "Internationales Institut für politischen Mord" versuchten es dennoch. In einem großangelegten Reenactment reinszinierte Rau in zehn Stunden Dokumenttheater drei Gerichtsverfahren gegen zeitgenössische Kunst - die Prozesse gegen die Ausstellungen "Achtung Religion!" (2003) und "Verbotene Kunst 2006" (2007) sowie gegen Pussy Riots Aktion "Gottesmutter, verjage Putin!" (2012) haben das kulturelle Klima maßgeblich verändert.

Wie sehr, zeigte sich auch am Sonntag: Während der "Verhandlungen" zu Pussy Riot wurde die Aufführung durch eine Razzia der Migrationsbehörde unterbrochen, die ausgerechnet Milo Raus Visum überprüfen wollte. Anschließend tauchten Sonderpolizisten und in ihrem Gefolge "Kosaken", russische Wehrbauern, auf. Letztere drohten mit einem Sturm des Museums, der erst durch Verhandlungen abgewandt werden konnte. "Wir wollen nicht, dass über diese kleinen Huren (Pussy Riot, Anm.) gesprochen wird", empörte sich der Häuptling der "Kosaken". "Und warum sind diese ausländischen Journalisten hier? Um Russland erneut zu beschmutzen?"

Ungeachtet dieses Einbruchs der Realität boten Raus "Moskauer Prozesse" - der Titel spielt auf stalinistische Schauprozesse an - einen dichten Einblick in ein wichtiges Kapitel der russischen Kunstgeschichte. Und mehr als das: Die Kunsthistorikerin Jekaterina Djogot, in der Produktion die führende Expertin der Verteidigung, erinnerte daran, dass die Frage nach Schuld oder Unschuld für die inkriminierten Künstler hier gar eine zivilisatorische Frage sei, ob nämlich Russland ein Teil Europas sei oder nicht. Maxim Schewtschenko, TV-Moderator, talentierter Kreml-Propagandist und im Stück Experte der Anklage, erklärte die Künstler hingegen zu einer Avantgarde, die mit amerikanischer Unterstützung einen "Liberalfaschismus" errichten wolle. Eigenen Angaben zufolge ist Schewtschenko übrigens eng mit FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache befreundet.

Vor diesen Schlussplädoyer waren zwei Dutzend Zeugen vernommen worden, darunter sowohl jene russisch-orthodoxen "Gläubigen", die "Achtung Religion!" zerstört und Pussy-Riot-Anhänger attackiert hatten, als auch das bedingt entlassene Pussy-Riot-Mitglied Jekaterina Samuzewitsch. Hinzu kamen der prominente Galerist Marat Gelman und Künstler wie der Rechtsradikale Alexej Beljajew-Gintowt, der Pussy Riot nahezu als Aktion in einem "Cyberkrieg" und im Zusammenhang mit Flottenbewegungen der NATO sieht. Der Aktionskünstler Anatoli Osmolowski interpretierte den inkriminierten Auftritt von Pussy Riot hingegen als Beginn eines Dialogs: "Sie haben eine Eiterblase aufgestochen. Das ist unangenehm, aber alles wird gut werden."

Wie schwierig dieser Dialog ist, illustrierte auch das "Urteil". Zwar konnte eine Mehrheit der "Geschworenen" keinen Vorsatz der angeklagten Künstler entdecken - formal ein Freispruch. Gleichzeitig qualifizierten drei Geschworene die inkriminierten Kunstprojekte selbst als Verhetzung, drei verneinten diese Frage. Raus Experiment hat funktioniert: Die Geschworenen verhielten sich genau wie die russische Gesellschaft. Die ist derzeit äußert gespalten. (Herwig G. Höller, DER STANDARD, Langfassung, 5.3.2013)

  • Drohender Museumssturm: Russische Wehrbauern, sogenannte Kosaken, in Moskau.
    foto: herwig. g. höller

    Drohender Museumssturm: Russische Wehrbauern, sogenannte Kosaken, in Moskau.

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