"Er hat allein mit seiner Präsenz provoziert"

4. März 2013, 17:33
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Provokateur, Alkoholiker, Künstler, Partner: Im Wordrap erinnert sich die Fotografin Elfie Semotan an ihren verstorbenen Ehemann Martin Kippenberger

Die Stichworte in alphabetischer Reihenfolge lieferte Andrea Schurian.

Wien - Dreimal habe man sich getroffen, zweimal davon zufällig. Dann, 1996, heirateten die schöne österreichische Modefotografin und der biestige deutsche Künstler. Drei Tage lang feierten Elfie Semotan und der zwölf Jahre jüngere Martin Kippenberger in Wien und St. Martin im Burgenland.

Eineinhalb Jahre später starb Kippenberger. Er wurde nur 44 Jahre alt und Elfie Semotan zum zweiten Mal Witwe. Ihr erster Mann und Vater ihrer beiden Söhne, der österreichische Maler Kurt Kocherscheidt, war 1992 an Herzversagen gestorben. Beide Künstler sind derzeit in Deutschland ziemlich präsent: Ab 24. März wird im Josef-Albers-Museum in Bottrop eine Kocherscheidt-Ausstellung gezeigt, ab 4. September eine bei Essl in Klosterneuburg.

In Berlin ehrt man derzeit Kippenberger, der am 25. Februar 60 Jahre alt geworden wäre, mit einer Retrospektive (siehe Kritik). Und Elfie Semotan, die ab 13. Juli selbst in der Kunsthalle Krems unter anderem Porträts ihrer berühmten Weggefährten zeigt, erinnert sich an ihn und:

ALKOHOL: Er hat bekanntlich viel getrunken, ja. Das hat mich auch beunruhigt, aber ich sah auch, dass er versuchte, es einzuschränken. Er wollte ja 74 Jahre alt werden. Aber er war, auch wenn er getrunken hatte, ein brillanter Redner und Denker. Er war nie ein betrunkener Dummkopf oder ein dummer Trinker.

AKTUELLE AUSSTELLUNG: Er wurde als Mensch einbezogen. Fast in jedem Raum ist ein Foto von ihm, als Kind, mit Freunden, seinen Schwestern. Sie ist so aufgebaut, dass Martin als Person permanent gegenwärtig ist. Genau das haben die Menschen früher gehasst an ihm, er hat sie ja allein mit seiner Präsenz provoziert. Diese Ausstellung ist natürlich etwas Besonderes, weil sie in Berlin stattfindet, wo er lange gelebt hat, als er jung war. Hier hat er viel gemacht, getanzt, gesungen, provoziert. Ich glaube, die Berliner können ihn jetzt annehmen, beginnen, stolz auf ihn zu sein. Obwohl ich bei der Eröffnung auch recht griesgrämige Gesichter gesehen habe.

EHE: Ich glaube, er war gern verheiratet. Er wollte sich nach einem rastlosen Leben erden. Natürlich war die Ehe mit ihm manchmal anstrengend - wie jedes Zusammenleben. Aber dann auch wieder nicht. Ich hab mich vor seinen Attacken, wenn sie gegen mich gerichtet waren - was selten vorkam -, nicht gefürchtet. Es war ein Spiel, auf das man sich einlassen konnte und sollte. Und es war kein schlechtes Spiel, ich habe auch manchmal gewonnen.

EITELKEIT: Auf den ersten Blick war er sehr eitel, er warf sich auch immer in Posen, wenn er fotografiert wurde. Aber ich kenne viele, die eitler waren. Er hatte Distanz zu seiner Eitelkeit, er wusste um sie, hat mit ihr gespielt.

HUMOR: Jede Menge! Aber nicht im üblichen Sinn. All seine Sprüche: Das war mehr eine Lebenseinstellung als Humor.

KUNST: Das wirklich Aufregende ist seine Vielseitigkeit. Ich liebe seine großartigen Texte! Niemand sollte mehr Texte verwenden - außer vielleicht Richard Prince bei seinen Witzbildern. Ich liebe auch seine feinen Zeichnungen auf Hotelpapier, die er während seiner Reisen und in fast jedem Kaffeehaus anfertigte. Und natürlich liebe ich seine Malerei, die - so hingeworfen sie auch manchmal scheint - sehr poetisch ist.

MACHO: Ihn als Macho zu bezeichnen ist wirklich falsch! Man nahm alles, was er verspottete, für bare Münze und legte es gegen ihn aus.

POLITICAL CORRECTNESS: Darüber hat er sich lustig gemacht. Aber nicht, weil er Menschen oder Minderheiten nicht respektierte, sondern weil genau diese PC in der täglichen Anwendung und Politik seltsame Blüten treibt, die mit dem ursprünglichen Sinn, Menschen Achtung zu verschaffen, nichts mehr zu tun hat.

PROVOKATEUR: Natürlich war er ein Provokateur - wenn die Situation danach war. Er wollte in einer Gesellschaft umrühren, die einfach gemütlich vor sich hindümpeln wollte. Ihn störte Trägheit in jeder Hinsicht. Er hatte sich vorgenommen, ausschließlich die Wahrheit zu sagen. Und er sprach die Leute auf genau das an, was sie krampfhaft verbergen oder nicht wissen wollten. Er legte das System des Kunstbetriebs offen. Damit ging er den Leuten auf die Nerven. Einmal wurde er in Berlin vor einem Nachtlokal von ein paar Typen, die er auch kannte, zusammengeschlagen. Dieses Erlebnis hat er zu Kunst verarbeitet und auf das Bild, auf dem man ihn mit blutiger Nase sah, geschrieben: " Dialog mit der Jugend". Er wehrte sich und reagierte, auch mit Humor.

TODESAHNUNG: Künstlern wird oft unterstellt, dass sie manisch malen, weil sie ihren frühen Tod ahnen. Aber das wilde Leben hat Martin - wie andere Künstler auch - geführt, weil er besonders intensiv leben, nicht, weil er sterben wollte. Das allerdings führt manchmal schneller zum Tod als gewollt.

TRASHKÖNIG: Das war sein Kommentar, in jeder Form, zu der Gesellschaft, in der wir leben. ( Andrea Schurian, DER STANDARD, 5.3.2013)

Elfie Semotan (71) startete Ende der 1960er-Jahre ihre internationale Karriere als Fotografin. 2011 erhielt sie das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst.

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  • Elfie Semotan, international erfolgreiche Fotografin.
    foto: standard/christian fischer

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