Fiakergulasch, Fächergurkerl

5. März 2013, 17:22
81 Postings

Sterne sehen im Weinhaus: Harald Fidler versucht's beim Hochmayer in Simmering - Und wo weinen Sie?

Es gibt Lücken in Raum und Zeit, die haben eine feste Adresse. Simmeringer Hauptstraße 42 zum Beispiel. Und feste Öffnungszeiten, obwohl das jetzt schon widersprüchlich klingt. Und zwar sehr feste: Dienstag bis Freitag 9 bis 21 Uhr, Samstag 9 bis 13 Uhr, und aus. Wann komm ich da schon zeitgerecht nach Simmering, um eine Lücke in Raum und Zeit zu besichtigen?

Saturday Night never

Jedenfalls nicht am Samstagabend, wenn zum Beispiel ein Wahlsimmeringer Geburtstag zu feiern ist. Aber dafür gibt es ja das Stern. Ein Wirtshaus mit klassischem Selcheffekt für die Oberbekleidung, erfreulichem Hang zu gasthausbewährten Innereien, unter junger Führung aber mit einem mehr als ordentlichen Weinangebot und voller kulinarischem Tatendrang von Bruckfleisch und eigener Wurstproduktion bis in die weite Welt.

Ja, eben auch Jakobsmuschel und so gibts im Stern. Muss ich im Wirtshaus nicht haben, aber wie in Landgasthäusern will man wohl auch in Simmering etwas Weltläufigeres bieten. Und ich hab mich ja auch über die formidablen Gugumuck-Schnecken gefreut und fand die Nieren schon sehr okay, die Zwiebel zur gerösteten Leber waren an dem Abend vielleicht ein bisschen lang geröstet. 

Raumzeitlücke now

Jetzt zum Beispiel. Die Wahlsimmeringerin (welch ein Wort, welch eine Frau!) ist in der Stadt, ein Dienstag, ein früher Abend - und das Weinhaus Hochmayer hat tatsächlich offen. Jetzt müssen wir nur noch schaffen, einander klarzumachen, dass ich hinten im Nichtraucher sitze (SMS: Sitze hinten), hinter der milchigen Schwingtür hohen Alters, und sie davor, wo Scharen von Frühabendachtlern den ganzen Raum mit ihrem Rauch milchig eintrüben (SMS kurz darauf: Bin da). Wir einigen uns, doch auf etwas Authentizität und etwas mehr Selcherlebnis zu verzichten.

Für sein Gulasch wird das Weinhaus Hochmayer gelobt, sechs Varianten stehen hier zu Wahl - aber kann man in Zeiten wie diesen etwas anderes nehmen als Fiakergulasch? So als zarte Anspielung auf das Fleischdebattenthema der vergangenen Wochen? Kann man nicht, jedenfalls ich nicht. Nicht, weil ich im Fiakergulasch tatsächlich Pferd erhofft hätte. Aber gibt es eine für Raum- und Zeitlücken schlüssigere Deko als das Fächergurkerl?

Hausgemacht

Das Gulasch, ich sag's gleich, ein wirklich unerwartet eleganter, von dichtem, aber keineswegs aufdringlich papriziertem Saft umspülter, langfasriger und weicher, saftiger, aber flachsen- wie fettklumpenfreier Traum, so wunderbar, dass es auch Pferd sein könnte. Ich glaube dennoch an formidables Hornvieh. Fragen hab ich mich dann aber nicht mehr getraut. Schon meine wie gewohnt ahnungslose Einstiegsfrage, ob der gar so vorbildliche Serviettenknödel denn tatsächlich im Weinhause fabriziert wurde, stieß auf höfliches, aber doch etwas unwirsches: "Hier wird alles hausgemacht." Da wollte ich nicht auch noch die Pferde scheu machen.

Dann lieber noch ein Versöhnungsversuch über das Aushängeprodukt. Die Simmeringerin trank Bier, ich Obi gespritzt. Und dann halt doch ein Probeachtel, bitte. Vom guten, von der Bouteille, zeigt sich auch mein Gegenüber versöhnlich, 2012, Röschitz, eigene Weinberge, sagt der gute Mann, vom örtlichen Gruber bewirtschaftet und verarbeitet, weil dafür hat man nicht auch noch Zeit, wenn man ein Weinhaus führt. Mollig, sonnig, unkompliziert - ich hab definitiv schon schlechteren Veltliner getrunken. Schon gar für zwei Euro das Achtel. Der Heurige schlägt laut Karte mit 1,20 zu Buche, der Grüve einfacherer Bauart mit 1,30, soviel kostet auch der Zweigelt aus Röschitz. Aber die hab ich alle nicht mehr gekostet. Sterne sah ich auch so.

Sterne sehen

Wir öffnen unser Rauchfrei-Separee zum langen Schankraumnebel, verabschieden uns höflich wie vergnügt, ich mach noch schnell ein Foto vom Eingang aus und wer schubst mich da? Der Herr Wirt vom Stern. Auf dem Weg in einen seiner Lieblingswirten. Vom eigenen Betrieb jetzt einmal abgesehen, versteht sich.

Ihr Weinhaus, bitte 

Weil mich das Gulasch aus dem Hochmayer so fröhlich stimmte: Verraten Sie mir das Weinhaus/Tschecherl Ihres Vertrauens, sofern Sie auch das Essen empfehlen können? Ich bin ja gleich in den nächsten Tagen weitergezogen ins Colosseum, auch so eine Raumzeitlücke.

Das Brot der Mayobrötchen schien mir Freitagabend zur Sperrstunde nicht mehr ganz so knackig, aber deshalb gibt es sie da ja auch im Sonderangebot. Und die trotz fortgeschrittener Stunde - kurz vor 19 Uhr - freundlicherweise noch geröstete Blunze war eine ausgesprochen gute wie hilfreiche Unterlage für den Abend. Bei Branntweinern, die sich nur nicht so nennen würden. (Harald Fidler, derStandard.at, 05.03.2013)

Schmecks ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

  • Simmering, schimmering: Weinhaus Hochmayer an einem frühen Abend im Spätwinter.
HochmayerSimmeringer Hauptstraße 421110 Wien01749 17 68
Zwei Hauptspeisen, eine Scheibe nicht allzu spannendes Hausbrot, Obi, Bier, Wein: 26,70 Euro
    foto: harald fidler

    Simmering, schimmering: Weinhaus Hochmayer an einem frühen Abend im Spätwinter.

    Hochmayer
    Simmeringer Hauptstraße 42
    1110 Wien
    01749 17 68

    Zwei Hauptspeisen, eine Scheibe nicht allzu spannendes Hausbrot, Obi, Bier, Wein: 26,70 Euro

  • Ein Herz für...
    foto: harald fidler

    Ein Herz für...

  • Knödel mit Ei zum Beispiel beim Hochmayer, sehr reichlich, sehr gut, schien mir.
    foto: harald fidler

    Knödel mit Ei zum Beispiel beim Hochmayer, sehr reichlich, sehr gut, schien mir.

  • Mein Fiakergulasch, eine Freude.
    foto: harald fidler

    Mein Fiakergulasch, eine Freude.

  • An dieser Stelle hat mich der Wirt vom Stern geschubst, freundlich natürlich, auf dem Weg ins Weinhaus.
    foto: harald fidler

    An dieser Stelle hat mich der Wirt vom Stern geschubst, freundlich natürlich, auf dem Weg ins Weinhaus.

  • Die Schnecken gab's zum Beispiel im Stern, seit 2008 bei Schmeck's immer wieder gelobt - ich kann sie nur empfehlen.
    foto: harald fidler

    Die Schnecken gab's zum Beispiel im Stern, seit 2008 bei Schmeck's immer wieder gelobt - ich kann sie nur empfehlen.

  • Verraten Sie mir das Weinhaus/Tschecherl Ihres Vertrauens? Im Bild: Sehr anständiges Blunzengröstel im Buffet Colosseum (Nussdorferstraße 4, 1090).
    foto: harald fidler

    Verraten Sie mir das Weinhaus/Tschecherl Ihres Vertrauens? Im Bild: Sehr anständiges Blunzengröstel im Buffet Colosseum (Nussdorferstraße 4, 1090).

Share if you care.