Damascus will nicht mehr trocken sein

4. März 2013, 14:17
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Prohibition ist in den USA lange Geschichte, aber nicht überall. Eine Kleinstadt verabschiedete sich jüngst von der "Tradition"

Die Prohibition ist in den USA schon lange Geschichte. Schon lange? Nicht überall. Die Kleinstadt Damascus im Bundesstaat Maryland hat sich erst jüngst dazu entschieden, es der großen Mehrheit gleichzutun. Im November sprachen sich laut "Süddeutscher Zeitung" 66 Prozent der 15.000 Bürger dafür aus, dass Bier und Wein auch in den örtlichen Lokalen ausgeschenkt werden dürfen.

Landesweit war schon 1933 wieder abgeschafft worden, was 1917 - einem Veto des damaligen Präsidenten Woodrow Wilson zum Trotz - in Gesetzesform gegossen, 1919 ratifiziert und ein Jahr später in Kraft getreten war. Das "edle Experiment" sollte dem Alkoholmissbrauch zu Leibe rücken. Bier, Wein, Schnaps und damit verbundene Laster, das war vielen zu jenen Zeiten viel zu viel, ein Alkoholverbot schon lange heiß diskutiertes Thema. Schon im Jahre 1851 war im Bundesstaat Maine Alkohol verboten worden.

Zu Hause trinken

In Damascus - eine Autostunde nördlich der Hauptstadt Washington - verzichtete man seit 1880 auf den Alkoholverkauf. Wer zum Essen ein Glas Wein oder Bier genießen wollte, dinierte bis zuletzt in einem Restaurant in einer Nachbarstadt. Oder man hielt sich an die örtlichen Gepflogenheiten: Etliche Erwachsene hätten sich daran gewöhnt, zuerst zu Hause Alkohol zu trinken und erst danach Essen zu gehen, sagte eine Kellnerin der "Süddeutschen Zeitung". Gestört habe sie die Standhaftigkeit in Sachen Alkoholverbot dennoch nicht: "Die Prohibition machte diesen Ort einzigartig."

Im Rest des Landes hat man auf diese Singularität schon lange verzichtet. Das landesweite Verbot des Verkaufs, der Herstellung und des Transports von Alkohol durch den 18. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten hielt wohl nicht ganz, was es versprach. Getrunken wurde schon anno dazumal trotz des Verbots. Was blühte, waren vor allem der Schwarzmarkt und die damit verbundene Kriminalität. In die Gegenrichtung ging es für die Produzenten: Der Niedergang des Weinbaus und der Weinkellereien war nur eine Frage der Zeit. Wenig erbaulich war die Zeit für Konsumenten, die sich den Genuss nicht verderben lassen wollten: So mancher Fusel vergiftete, statt zu illuminieren.

Charakter konservieren

1929 geriet die Front "wider den Alkohol" ins Wanken. Die Wirtschaftskrise 1929 machte es möglich, dass das Argument, Prohibition sei wirtschaftlich vernünftig, an Gewicht verlor. Die demokratische Partei machte für die Wahlen im Jahre 1932 die Aufhebung zu einem ihrer wichtigsten Punkte im Wahlprogramm. Im Jahre 1933 schließlich endete die staatliche Prohibition. Wie gesagt, nicht überall, denn am Ende entschieden die Bürger in einer Abstimmung, ob sie der staatlichen Erlaubnis Richtung Lockerung folgen wollten.

In Damascus wollten sie es nicht. Nicht damals und nicht bei wiederholten Befragungen später. Das Alkoholverbot hätte geholfen, den ruhigen Charakter der Kleinstadt zu konservieren, sagten die Befürworter. Doch zunehmend bahnten sich auch andere Stimmen den Weg in die Öffentlichkeit. "Damascus ist eine nette kleine Stadt, aber sie braucht Wachstum", sagte etwa ein Zuwanderer der "Baltimore Sun". Verjüngung konnte er sich vor allem für die örtliche Gastronomie vorstellen. Den Sinneswandel schreibt die "Süddeutsche" vor allem den Zuwanderern zu. Wer in Washington oder Baltimore arbeitete, empfand das Alkoholverbot als Anachronismus. Doch auch Urgesteine fanden zunehmend, Damascus' Widerständigkeit sei überholt. Ob nun vermehrt lockere Sitten und/oder stärkeres Wirtschaftswachstum einziehen, bleibt noch abzuwarten. (rb, derStandard.at, 4.3.2013)

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sueddeutsche.de: Bier gewinnt

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    Ein kühles Bier gibt es nun auch in Damascus.

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