"Meine Straße, meine Stadt, mein Wien"

4. März 2013, 14:27
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Zorica Rakić schildert, wie sie Jugendlichen das Rappen beibringt, was das Wort "Bitch" für sie bedeutet und weshalb Gangsta-Rap so populär ist

In keinem Musikgenre klaffen Selbst- und Fremdwahrnehmung so auseinander wie in der Rap-Musik: Soundtrack des einfachen Volkes oder bedingungslose Geldmacherei? Derbe Sprache oder doch ein verbaler Balanceakt der zwischen den Zeilen passiert? Entscheidend sind dabei der Zugang und die Sprache an sich. Eine, die es wissen muss, ist Zorica Rakić. Die in Wien lebende Kinder- und Jugendbetreuerin ist seit 23 Jahren in der Sozialarbeit tätig. Neben ihrer Funktion als Betreuerin beschäftigt sich die Doktorin der Soziologie und Musikwissenschaften mit dem Wesen von Jugendkulturen, insbesondere mit der Hip-Hop- und Rap-Szene. Über Jahre hinweg hat sie junge Rapper auf Schritt und Tritt begleitet, ihnen zugehört und Ratschläge gegeben - sie ernst genommen. Rap-Musik entspringe heute keineswegs nur mehr aus benachteiligten Schichten, sagt Rakić im Gespräch mit daStandard.at.

daStandard.at: In dem Buch "Jugendkultur in der Krise" haben Sie sich mit "Lebens- und Identitätskonzepten von Jugendlichen am Beispiel des Rap" befasst. Was ist dabei typisch?

Rakić: Ein wichtiger Zugang erschließt sich rund um die Phase des Heranwachsens. Die Rap-Lyrik ist für die Herausbildung der "Ich-Identität", der eigenen Geschlechterrolle, die persönliche Weiterentwicklung, Entfaltung und Selbstbestätigung von besonderer Bedeutung. Damit wird die Identität im Rap verbal konstruiert. Besonders in Bezug auf Wien liegt die Vermutung nahe, dass der Rap hier die Funktion eines Indikators der städtischen Integration übernommen hat - also: "Meine Straße, meine Stadt, mein Wien."

daStandard.at: Sie haben schon für ihre Dissertation im Jahr 2010 ausführliche Gespräche mit angehenden Wiener Rappern geführt. Worum ging es Ihnen dabei?

Rakić: Ich habe in der Arbeit die heutige Situation der Wiener Rap-Szene erforscht und dafür 31 Jugendliche und vier männliche Betreuer aus drei schulischen und außerschulischen Institutionen befragt. Die Jugendlichen, alle zwischen 14 und 20 Jahre alt, standen jedoch nicht stellvertretend für die gesamte Wiener Rap-Szene und waren auch keine Profimusiker. Ein interessantes Ergebnis war, dass die befragten Rapper nicht ausschließlich aus Arbeiterfamilien stammten, wie man es im ersten Moment vermuten könnte. Ein gutes Drittel ihrer Väter waren höhere Angestellte, Beamte, größere Selbstständige und Akademiker.

daStandard.at: Sie haben  fünf Jahren lang mit einem Workshop jungen Menschen eine Plattform geboten, um Musik zu machen, insbesondere Rap-Musik. Welches Ziel verfolgte dieses Projekt?

Rakić: Ich wollte vor allen Dingen, dass sich die Jugendlichen an einer musikalischen Struktur orientieren, wenn sie anfangen, selbst Musik zu machen. Wenn du als angehender Künstler ein Musikstück erschaffst, dann musst du, ganz gleich in welchem Genre, mit einem Konzept arbeiten. Darunter verstehe ich: Wie soll sich mein Lied anhören, welchen Beat verwende ich zu welchem Rap-Stil? Viele Kinder und Jugendliche haben diese Systematik anfangs nicht verstanden. Das Wichtigste dabei war jedenfalls, prozesshaft zu arbeiten.

Im Workshop ging es dann konkret darum, die eigene Richtung zu finden. Immer wichtig war dabei, Qualität vor Quantität zu stellen. Die Jugendlichen sollten auch darüber nachdenken: Passt der Beat zum Text, oder kann man hier und da noch etwas ändern? Das größte Problem in den Workshops war aber, dass viele Jugendliche gekommen waren, um "nur" aufzunehmen - das Rundherum hat sie anfangs wenig interessiert.

daStandard.at: Wie haben die Jugendlichen auf Ihre Ratschläge zum Rappen reagiert?

Rakić: Anfangs gab es Reibungen und Diskussionen, die aber keineswegs negativ waren, sondern wesentlich zur musikalischen Entwicklung beigetragen haben. Mir ging es von Anfang an mehr um die Form als um den Inhalt. Dazu gehörten: Rhythmus, Melodie, Motive, aber auch Text und Aussprache. Im Speziellen ging es um den musikalischen Reifeprozess, der für das eigene Stück unabdingbar war. Diese Zeitspanne konnte auch drei  bis vier Monate andauern.

daStandard.at: Mit welchen Erwartungen kamen die rappenden Jugendlichen zu Ihnen?

Rakić: Die jüngeren Rapper versuchten sich im Rap, weil sie sich dadurch auch schnellen kommerziellen Erfolg versprachen - ganz so wie ihre Vorbilder aus dem Fernsehen und dem Internet. Die 18- bis 19-Jährigen waren viel realistischer: Oftmals haben sie mir erzählt, dass mit Rap in Wien beziehungsweise Österreich nur sehr wenig zu holen ist - da es keine große mediale Plattform dafür gibt und außerdem einen überschaubaren, schwach geförderten Kulturbereich. Was ich als kritisierenswert empfunden habe: dass nur die wenigsten Jugendlichen, die Sprechgesang praktizierten, ihre Funktion als Kritiker gesellschaftlicher Missstände wahrgenommen haben.

daStandard.at: Wie haben Sie als Frau auf die oft männlichen Jung-Rapper gewirkt? Gerade im Hip-Hop fallen ja gerne Schlagwörter wie "Schlampe", "Hure" und "Bitch".

Rakić: Meine Präsenz als Frau hat einerseits passive Widerstände ausgelöst, aber anderseits auch zu einer gewissen Achtsamkeit gegenüber Frauen bei betreuten Jugendlichen geführt. Ich habe mich aber nie direkt von den Texten angesprochen gefühlt. Man darf nicht vergessen: Gerade das Wort "Bitch" oder "Hure" wird im Rap unterschiedlich verwendet. Damit sind nicht unbedingt nur alle Frauen als sexualisierte Objekte gemeint.

Viele männliche Rapper bezeichnen sich zum Beispiel gegenseitig als "Bitch". Dabei steht das Wort auch für eigene Glaubwürdigkeit: Ist man "käuflich" oder bleibt man "echt"? Denn einerseits möchte kein Rapper käuflich oder beeinflussbar wirken und sein, andererseits erscheinen viele in der Tat als käuflich, weil sie Teil einer großen, auf Gewinn ausgerichteten Musikindustrie sind. Dann kommt es auf die Differenzierungen und die Eigendefinition von "käuflich" an.

Einmal hat ein Zwölfjähriger vor den anderen seinen Text vorgetragen: "Yo, Yo, Yo, ich steck ihn dir in den Po." Da habe ich als Pädagogin, die ausdrücklich mit Kindern zu tun hat, gemerkt, dass sich dahinter auch viele neugierige Fragen verbergen können. Wenn man etwas derartiges zur Sprache bringt und alle anderen im Raum darüber lachen, erscheint man natürlich als cool und mutig. Es kann aber auch eine neugierige Auseinandersetzung mit Sexualität an sich sein - was in diesem Alter nichts Ungewöhnliches ist.

daStandard.at: In den letzten zehn Jahren hat sich besonders im kommerziell erfolgreichen Rap in deutscher Sprache eine Tendenz zum Gangsta-Rap entwickelt. Zahlreiche Jugendliche folgen dieser Richtung - auch wenn sie selbst Rap-Musik machen wollen. Konnten Sie das auch bei den von Ihnen betreuten Jugendlichen beobachten?

Rakić: Viele Jugendliche, die ich betreut habe, benutzen einen an Gangsta-Rap angelehnten Wortschatz und Stil. Stichwort: Gangsta-Rap als Metapher. Wenn sich die Jugendlichen in Parks oder auf den Straßen ihrer Nachbarschaft bewegen, dann steht das für das "wahre Leben". Hier könnte man sich kritisch fragen, wie man wahres Leben definiert und was für jeden Einzelnen dazugehört.

Andererseits entsprang der Gangsta-Rap bekanntlich aus extremen sozialen Ungleichheiten der amerikanischen Ghettos, die es heute in Europa, oftmals entschärft, durchaus auch gibt. In Amerika ging es vor allem um das "Black and white"-Gefälle, in Europa und auch in Österreich um die Inländer/Ausländer-Thematik. Daher entwickelt sich besonders der Gangsta-Rap zu einem Instrument der Selbstaufmerksamkeit: Wir Rapper als monetär Benachteiligte und gesellschaftlich Außenstehende, die auf wenig Akzeptanz gestoßen sind, machen auf den Missstand in unserer Umgebung aufmerksam - oftmals auch als Sprachrohr einer Generation.

daStandard.at: Ist der Begriff "Ghetto" auch vor diesem Hintergrund zu begreifen?

Rakić: Das "Ghetto" in den deutschen Rap-Texten steht vielmehr für eine Metapher. Eine Art Ausgrenzung und gleichzeitige Selbstabgrenzung. Es steht stellvertretend für Missstände, bei denen man die gesellschaftlichen Grenzen zwar nicht offen erkennen kann, sie jedoch für bestimmte Gruppen der Gesellschaft spürbar verschlossen bleiben. Und davon handeln auch viele Rap-Texte. Es ist aber ein wechselseitiger Prozess der Abgrenzung – sie findet daher als Reaktion beziehungsweise auch beidseitig statt.

daStandard.at: Eine Hauptkritik an Teilen von Hip-Hop und Rap sind der offene Sexismus und teilweise auch die Homophobie in den Texten. Wie beobachten Sie diesen Disput?

Rakić: Für mich sind das Stilelemente der Provokation. Ich erzeuge wissentlich einen Skandal, um große mediale Aufmerksamkeit zu erreichen. Jetzt in diesem Interview sprechen wir wieder darüber. Gleichzeitig stelle ich mir die Frage: Weshalb werden von manchen Rappern bestimmte gesellschaftliche Minderheitengruppen offen kritisiert, wenngleich diese Rapper vermutlich selbst Teil einer sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppe sind?

Vielen Jugendlichen gefällt es trotzdem: Sie bewundern die Andersartigkeit und Unangepasstheit dieser Rapper, denn die würden sich kein Blatt vor den Mund nehmen, bekomme ich oftmals zu hören. Es gibt aber ebenso viele Jugendliche, die solche Texte für unsinnig und bedeutungslos halten. (Toumaj Khakpour, daStandard.at, 4.3.2013)

Barbara Falkinger, Zorica Rakic, Michael Rittberger (Hg.)
Jugendkultur in der Krise?
Schulheft 3/12, 147
124 Seiten, 14 Euro

  • "Besonders in Bezug auf Wien liegt die Vermutung nahe, dass der Rap hier die Funktion eines Indikators der städtischen Integration übernommen hat - also: 'Meine Straße, meine Stadt, mein Wien'", sagt ...

    "Besonders in Bezug auf Wien liegt die Vermutung nahe, dass der Rap hier die Funktion eines Indikators der städtischen Integration übernommen hat - also: 'Meine Straße, meine Stadt, mein Wien'", sagt ...

  • ... Jugendbetreuerin und Musikwissenschaftlerin Zorica Rakić.
    foto: toumaj khakpour

    ... Jugendbetreuerin und Musikwissenschaftlerin Zorica Rakić.

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