Brot für die Welt - und fürs Geld

4. März 2013, 09:56
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Spekulation mit Lebensmitteln ist keine neue Erfindung. Seit kurzem wird sie für den Hunger in der Welt verantwortlich gemacht

Von allem wollen sie sich eine Scheibe abschneiden, die Spekulanten. Auch vom Brot. Der Weg von der Hochfinanz zum eigenen Frühstückstisch und Brotkörberl ist gepflastert mit guten Vorsätzen und schlechtem Gewissen, mit  berechtigter Risikoabsicherung und der Jagd nach mehr Gewinn.

Spekulieren ist keine Erfindung der Neuzeit. Schon in der Bibel kann man nachlesen, wie Spekulieren mit Lebensmitteln in seiner ursprünglichen Form funktioniert. Genau genommen, erzählt die Geschichte von Joseph, dem Pharao und den Träumen die Geschichte der Marktbeobachtung. Kurz zusammengefasst liest sich das in der Bibel so: Joseph war im Gefängnis, dort erwarb er sich den Ruf eines geschickten Traumdeuters. Als der Pharao von sieben fetten Kühen und sieben mageren träumte, erklärte Joseph dem Monarchen, dass sieben fetten Jahre in der Ernte sieben sehr schlechte folgen würden, auf Überfluss die Hungersnot. Joseph sammelte also die Kornvorräte des Landes in den guten Jahren und verkaufte sie in den schlechten an das Volk.

Foto: EPA/Sergei Supinsky

Alter Hut

Das Prinzip der Termingeschäfte ist damals wie heute gängige Praxis. Wenn ein Bauer einen Müller findet, der ihm für die anstehende Ernte einen fixen Preis zusagt, riskieren beide Beteiligte ein bisschen etwas. Könnte der Bauer zum Liefertermin auch einen höheren Preis erzielen, so bleibt ihm zumindest die Sicherheit, dass ihm die gesamte Ernte abgekauft wurde. Ist der Preis zum Liefertermin niedriger als vereinbart, zahlt der Müller zwar drauf, muss sich aber keine Gedanken darüber machen, ob er eh genug Getreide bekommt.

Beide Beteiligte haben etwas davon, sie kriegen Planungssicherheit. Spekulation auf Rohstoffe hat mit klassischem Termingeschäft nicht mehr viel zu tun. Denn weder Bauer noch Müller sind die traditionellen Akteure an der Börse, hier sichert sich ein findiger Banker durch eine Wette einen Gewinn. Über die Finanzmärkte entkoppelte sich das Termingeschäft auch vom physisch vorhandenen Getreide. Spekulanten kaufen nicht echten Weizen oder Mais, sie handeln nur mehr mit den Geschäften mit Weizen und Mais.

Grundsätzlich ist Spekulieren nur die Hoffnung auf einen Mehrwert aus einer zukünftigen Entwicklung, ähnlich wie im Wettbüro. Die einfachste Variante: Ich kaufe ein Gut und hoffe, dass es in Zukunft teurer wird, und ich es mit einem Gewinn weiterverkaufen kann. Steigt der Preis nicht, habe ich Pech gehabt. So weit, so einfach. Je komplexer der Finanzmarkt und seine Instrumente wurden, desto ausgefallener wurden die Möglichkeiten für Spekulanten.

Krisen-Spuren

Die Finanzkrise hinterlässt auch bei der Spekulation auf Lebensmittel ihre Spuren. So heizte die Krise, die seit 2007 die Weltwirtschaft in Atem hält, die Spekulation auf Nahrungsmittel an, weil das Wetten auf Sachwerte, also Dinge, die es wirklich gibt, wieder en vogue wurde. Auf der anderen Seite gerieten vor allem Banken und Investmenthäuser vermehrt in die Kritik, wenn sie eben mit Lebensmittel spekulierten. Denn – so der Vorwurf – das sei Spekulieren auf das Leben der Ärmsten und Armen.

Investoren entgegnen, die Preise würden nicht wegen der Spekulation steigen: Schlechte Ernten, schlechtes Wetter, hohe Nachfrage, das seien die wahren Preistreiber. Indexfonds auf agrarische Rohstoffpreise würden den Markt nur nachbilden, ihn nicht aktiv beeinflussen, so das Argument der Banken und Fonds. Spekulanten profitieren dennoch von steigenden Preisen, weil so auch ihre Gewinne mit den Terminkontrakten steigen.

Foto: REUTERS/Darren Staples

Fakt ist auch: Steigende Lebensmittelpreise – egal, ob getrieben durch Spekulation oder schlechte Ernten und Unwetter – setzen Menschen in Entwicklungsländern massiv zu und drehen die Armutsspirale weiter nach unten. 50 bis 80 Prozent des Einkommens gehen in den ärmsten Ländern der Welt für Nahrungsmittel drauf. In unseren Breiten liegt der Anteil bei um die zehn Prozent. In den Jahren 2007 und 2008 hat sich der Weizenpreis an den internationalen Rohstoffbörsen zeitweise mehr als verdoppelt, auch der Preis für Mais schoss in die Höhe. In zahlreichen Ländern der Dritten Welt führt der rasante Preisanstieg zur Aufständen und Revolten.

Raus aus dem Geschäft

Manche Bank hat sich die Kritik zu Herzen genommen und ist aus dem Geschäft mit Lebensmittel-Kontrakten ausgestiegen. Andere lassen sich ihr Geschäft mit Lebensmitteln nicht nehmen. Die Deutsche Bank zum Beispiel verteidigt bis zuletzt ihr Engagement in Agrar-Termingeschäfte. Man lasse sich nicht an den Pranger stellen, halte weiter an den Rohstoff-Geschäften fest und wolle damit Geld verdienen, hieß es vor wenigen Wochen seitens der Bank. Denn, so das Hauptargument, es gebe keinen Beweis, dass die Spekulation mit Lebensmitteln den Hunger in der Welt vergrößere.

In der Wirtschaftswissenschaft herrscht tatsächlich keine Einigkeit darüber, ob Finanzgeschäfte sich direkt auf den Preis am realen Markt auswirken. So beruft sich gerade die Deutsche Bank auf eine Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (das genaue Ergebnis ist hier nahchzulesen). Dabei wurden 35 Forschungsarbeiten aus den Jahren 2010 bis 2012 untersucht, die ihrerseits den Einfluss der Finanzspekulation auf die Agrarrohstoffmärkte empirisch untersucht hatten.

Das Ergebnis der Studie: Es spricht wenig dafür, dass die Zunahme der Finanzspekulation in den vergangenen Jahren sich langfristig auf den Preis von Agrarrohstoffen auswirkt. Der Schluss, den die Studienautoren daraus ziehen: Es spricht wenig dafür, die Spekulation mit Lebensmitteln zu regulieren, geschweige denn zu verbieten.

Kein Ende in Sicht

Das ist Wasser auf den Mühlen der Spekulanten, bleibt aber auch nicht unbeantwortet: Verbraucherorganisationen wie Foodwatch oder Oxfam werfen den Autoren eine selektive Auswahl der Studien vor. Man blende einfach aus, was man nicht sehen will. Dafür serviert Foodwatch auch gleich ein plakatives Beispiel und zitiert aus einer älteren volkswirtschaftlichen Studie der Deutschen Bank. In dieser wird davor gewarnt, dass solche Spekulationen "für Landwirte und Verbraucher gravierende Folgen haben" könnten und "im Prinzip nicht akzeptabel" seien. Für die Verbraucherorganisation heißt das: Selbt die Banken wissen, dass das Geschäft mit Lebensmitteln nicht völlig unbedenklich ist bzw. niemand weiß mit Sicherheit, dass die Spekulation keine Auswirkung auf den Preis hat.

Dass Investoren ihre Finger vollständig vom Geschäft mit Agrarrohstoffen lassen, das zeichnet sich jedenfalls nicht ab. Und so wird das Brot wohl auch weiter im Körberl der Spekulanten bleiben. (Daniela Rom, derStandard.at, 4.3.2013)

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