Zeitzeugen-Interviews auf W24: Die Vertriebenen der Vorstadt

3. März 2013, 20:07
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Interviews der Holocaust-Überlebenden werden ungekürzt unter die Leute gebracht

Das Erste waren Zettel, auf denen stand, dass sich Juden nicht mehr auf öffentliche Bänke setzen dürften: "Streng verboten!" Sie hörte eine Mutter zu ihrem Kind sagen: "Komm her! Spiel dich nicht mit dem Judenkind." Sie habe gefragt: "Mutti, bin ich nicht so wie alle Kinder?" Sie weinte und wollte zu den anderen. Und dann kam der Tag, an dem in Schönbrunn angeschlagen war, dass "Juden und Hunden" der "Eintritt verboten" sei.

Vom Ausgeschlossensein, vom Hass, der ihr als unschuldigem Kind entgegenschlug, erzählt eine ältere Dame, die vor ihrer Bücherwand sitzt. Ihr Strom der Erinnerung, wie die Interviews übertitelt sind, die ab Montag in Wiens Stadtfernsehsender W24 an insgesamt 150 Tagen ausgestrahlt werden, macht eine Stimmung greifbar, die in nüchternen Geschichtsdaten verlorengeht. Die Berichte der betagten Menschen, die vor langer Zeit in der Wiener Vorstadt, in Rudolfsheim-Fünfhaus lebten, handeln auch von Lebensrettern, vom Verstecken und von Flucht. Manchmal in holprigem, konserviertem Deutsch, oft in sachlichem Ernst und hin und wieder mit jenem abgeklärten Lächeln, das von der jahrzehntelangen Distanz zum Erzählten zeugt. Gesammelt wurden die Erinnerungen im Zuge des 2006 ins Leben gerufenen Projekts Herklotzgasse 21 (www.herklotzgasse21.at).

75 Jahre sind seit dem "Anschluss" vergangen, und die Zeitzeugen-Dokumente, die eine "Geschichte von unten" erzählen, werden immer seltener aus den Archiven geholt. Dass die Interviews der Holocaust-Überlebenden ungekürzt in dem Kommunalsender unter die Leute gebracht werden, kann man W24 nur zugutehalten. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 4.3.2013)

Montags bis freitags, 20 Uhr

  • Die Herklotzgasse 21, heute.
    foto: herklotzgasse 21

    Die Herklotzgasse 21, heute.

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