Ägypten und die USA: Verkehrte Welt

Kommentar3. März 2013, 19:17
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Es ist unbestreitbar, dass sich die USA stabile Verhältnisse für Ägypten wünschen

In Kairo verbrennen Demonstranten Bilder von US-Außenminister John Kerry, der seinen ersten Besuch in Ägypten absolviert: Aber keine Islamisten sind da zugange, die den USA ihr Bündnis mit Israel oder einen Kreuzzug gegen den Islam vorhalten. Auf Plakaten steht "Kerry ist ein Muslimbruder". Die Anti-US-Demonstranten sind Gegner der Regierung von Mohammed Morsi.

Im Nahen Osten sollte man immer eine Verschwörungstheorie zur Hand haben, um politische Fakten zu erklären, denn eine normale Geschichte überzeugt kaum jemanden. Diese Haltung reflektiert nichts anderes als Ohnmacht, das Gefühl der Menschen, nie selbst das Schicksal in der Hand gehabt zu haben. Und demnach haben nun also die USA die Muslimbrüder an die Macht gebracht.

Es ist unbestreitbar, dass sich die USA stabile Verhältnisse für Ägypten wünschen: Ohne Kredit des Internationalen Währungsfonds, den viele in der Opposition bekämpfen - da sind sich Linke und Salafisten einig -, sieht die unmittelbare Zukunft düster aus. Ägypten liegt wirtschaftlich zwei Jahre nach der Revolution am Boden. Jede Kritik der Opposition an der erratisch agierenden Muslimbrüderregierung ist berechtigt, aber niemandem ist damit gedient, wenn der Karren vollends in den Dreck gefahren wird. Die totale Boykottpolitik der Opposition läuft darauf hinaus. Die nächste Revolution - die der Slums - wird aber auch sie hinwegfegen, nicht nur die Muslimbrüder. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 4.3.2013)

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