"Er war ein Suchender"

Interview3. März 2013, 18:20
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Mit einer Bilderauswahl erinnert Autorin Julya Rabinowich im Jüdischen Museum Wien an ihren Vater Boris Rabinovich

Wien - Er, der Vater, sprach in Bildern. Sie, die Tochter, malt in Worten. Er war der Maler Boris Rabinovich, sie ist die Schriftstellerin Julya Rabinowich. Ihr 2008 mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichneter Debütroman Spaltkopf über die Entwurzelung einer jüdischen Familie, deren Zerfall und Neudefinition war geprägt von seinem Werk. Für ihre Hommage an den 1988 verstorbenen Vater wählte sie Werke aus dem ersten und letzten Arbeitszyklus: Alpha und Omega. Grauschattige Experimente in Licht und Dunkel, altmeisterliche Tuschearbeiten, (Selbst-) Porträts, als deren Vorbild unschwer Rembrandt zu erkennen ist; Maskenbilder, hinter denen sich Menschen verstecken - oder nichts. Schwarzes Loch. Lüge. Variationen zu Jedermann: zu abstrakten, gesichtslosen Kugeln verschnürte Köpfe auf Papier, seine in Bronze gegossenen Spaltköpfe. Dazwischen ein Spaltkopf-Textfragment der Tochter und ihre Collage Manuskripte brennen nicht.

In der Sowjetunion hatte der Vater als Industriedesigner unter anderem den Maschineninnenraum des Assuan-Staudamms konzipiert. Und, spätberufen, an der Kunstakademie studiert, wo er seine Frau, die Malerin Nina Werzhbinskaja, kennenlernte. Aber erst nach der Emigration nach Wien wandte er sich ausschließlich der Kunst zu.

STANDARD: Ihr Vater hieß Rabinovich, Sie heißen Rabinowich. Ist die unterschiedliche Schreibweise ein Übertragungs- oder schlicht ein Schreibfehler?

Rabinowich: Es war sein Künstlername. Aber weil er sich von der Familie nicht allzu weit entfernen wollte, änderte er nur einen Buchstaben. Ich fand das immer ein bisschen schräg.

STANDARD: Sind diese fast altmeisterlichen Arbeiten typisch für Ihren Vater?

Rabinowich: Ja, er war eher einer, der zurücksah und sich lieber mit der Vergangenheit auseinandersetzte. Alte Dinge und Orte inspirierten ihn, in der modernen Welt konnte er sich kaum zurechtfinden. Vor ihr verschloss er lieber die Augen.

STANDARD: Sie haben an der Angewandten bei Attersee studiert. Warum wurde nichts aus Ihren malerischen Ambitionen?

Rabinowich: Meine Familie wollte nur Künstler produzieren. Vater Maler, Mutter Malerin. Ich habe versucht auszuscheren, doch das war recht schwierig für einen jungen Menschen. In einem Akt der Abnabelung begann ich ein Dolmetschstudium, das war ungefähr so schlimm, wie wenn ein Banker erfährt, dass sein Sohn Künstler wird. Danach ging ich auf die Angewandte. Aber ich fühlte mich irgendwie verpflichtet, hinter meinen Eltern zurückzubleiben, sie nicht zu überholen, zu beschämen, zu erniedrigen. Das haben sie mir nicht oktroyiert, ich selber habe mich gebremst. Jetzt, nach dieser Ausstellung, gilt diese Bremse nicht mehr. Ich habe mich mit dieser Ausstellung befreit. Während der Arbeit daran überkamen mich geradezu Schwälle der Inspiration.

STANDARD: Und Schreiben?

Rabinowich: Mein nächster Roman hat viel mit Kunst zu tun, deshalb passen diese Ausstellung und die Arbeit an und mit den eigenen Bildern so gut in diese Zeit. Einer der Hauptstränge beschäftigt sich mit der Kunstszene, dem Kunstmarkt, den unterschiedlichen Auffassungen von moderner und nicht moderner Malerei, Konflikten in diesen Bereichen.

STANDARD: Apropos Konflikte: Ihre Mutter, Nina Werzhbinskaja-Rabinowich, ist ebenfalls Malerin. Gab es deshalb Differenzen, Eifersüchteleien im Elternhaus?

Rabinowich: Sie hatten sehr unterschiedliche Auffassungen, für ein Kind ist das voller Fallen. Die Konflikte, die sich eröffneten, waren auch hübsch! Fand man die Mutter besser als den Vater, war der Vater gekränkt, fand man den Vater besser, war die Mutter beleidigt. Und wollte man etwas anderes machen als die beiden, waren beide gekränkt. Er war ein Suchender, sie ist eine Findende. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 4.3.2013)


Julya Rabinowich wurde 1970 in Leningrad geboren. 1977 emigrierte die Familie nach Wien. Die Schriftstellerin, Malerin und Dolmetscherin schrieb Theaterstücke und drei Romane: "Spaltkopf", "Herznovelle" und zuletzt "Die Erdfresserin" (alle Deuticke-Verlag). Im STANDARD-Album verfasst sie eine wöchentliche Kolumne.

Link
Jüdisches Museum Wien

  • "Jedermann"-Kopf in Bronze als Vorbild für den Roman "Spaltkopf" der Tochter.
    foto: archiv rabinovich

    "Jedermann"-Kopf in Bronze als Vorbild für den Roman "Spaltkopf" der Tochter.

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