Die Gefühlswelt der Löffelpuppe

3. März 2013, 17:50
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"Lezioni di tenebra" von Lucia Ronchetti bei der Salzburger Biennale

Salzburg - Man sitzt im Republic mitten in der Musik, ist also umrahmt von Sängern und zweigeteiltem Orchester. Über den Besuchern der Salzburger Biennale lauert jedoch die eigentliche Besonderheit: Zahlreiche Seile hängen da, um den Figuren von Lezioni di tenebra, einem Werk von Lucia Ronchetti, Flügel zu verleihen.

Es sind eigenartige Puppengeschöpfe: Sie bestehen aus Löffeln, Schneebesen und Sieben, an denen Händchen und Köpfchen baumeln (Figuren: Mirella Weingarten und Sabine Hilscher). Und sie bewegen sich - von Sängerhand gezogen - an Seilen entlang, um sich mitunter ineinander zu verfangen. Und: Für eine Weile sind sie eine echte Attraktion der opernhaften Gefühlsverwirrung, die auf Giasone, einer Oper von Francesco Cavalli, basiert.

Ronchetti hat Teile dieser barocken Oper übernommen, um selbige als Sprungbrett zum eigenen Stilkosmos einzusetzen. Zunächst hat sie dabei die Liebeswirren um Medea, Egeo, Giasone und Isifile reduziert, indem sie alle Rollen auf Sopran (Katia Guedes als Medea, Egeo und Demo) und Countertenor (Daniel Gloger als Giasone, Oreste und Isifile) konzentriert.

Um die Gefühlswelt der Figuren transparent zu machen, weitet sie hingegen das Ausdruckrepertoire aus - auch durch unkonventionelle Spielformen: Da klopft ein Orchesterkollege der Sopranistin mit der Hand auf den unteren Hals, um den Tönen spezielle Vibratowirkung zu verleihen. Da ackern plötzlich vier Instrumentalisten geräuschvoll an einem einzigen Cello, um emphatische Musikverdichtungen zu erzielen. Und es kippt der Gesang des Countertenors bisweilen ins Sprechgesangliche oder Exaltierte, um das innere Drama einer Figur einzufangen.

Seltsam jedoch: Sowohl die Regie (Matthias Rebstock) wie auch die Musik, solide umgesetzt vom Vocalconsort Berlin und dem Parco della Musica Contemporanea Ensemble (unter Tonino Battista), entfalten nur punktuell starke Unmittelbarkeit.

Ein kontinuierlich wirkender musikdramatischer Fluss wollte sich hingegen nicht einstellen. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, 4. 3. 2013)


7. 3., nächste szenische Biennale-Produktion: Helmut Oehrings "Kalkwerk"

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