Nichts wie weg vom Glück

3. März 2013, 17:39
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Wyrypajews "Illusionen", Kanes "Gier"

Wien - Über Geschichten von vollendeter Liebe, von purer Erfüllung befindet das Theater für gewöhnlich nur in Komödienform. Ist das doch alles zu schön, um wahr zu sein. Zum Beispiel unter dem Titel Illusionen, geschrieben 2011 von Iwan Wyrypajew. Zwei seit über fünfzig Jahren glücklich verheiratete Paare schmelzen da am Lebensabend vor Dankbarkeit füreinander dahin. Am Sterbebett hebt der 82-jährige Danny zu einem großen romantischen Liebesbekenntnis an seine Frau Sandra an. Und auch das zweite Paar kann sich seiner Zuneigung nicht erwehren (bis später dann doch noch einiges anders kommt).

Das Gegenteil davon, die Panik auslösende Einsamkeit, das Gefühl absoluter Verlassenheit und Ausweglosigkeit, die Seelenqual, weil Liebe und Nähe nicht glücken, das war das Forschungsfeld der britischen Dramatikerin Sarah Kane (1971-1999). In den 1990er-Jahren schrieb sie darüber die schwärzesten Dramen. Darunter etwa Gier, eine vierstimmige Schmerzensfuge, die nun in einer Doppelpremiere am Schauspielhaus wie ein düsteres Spiegelbild an Wyrypajews Komödie angehängt wurde.

Der Gedanke, die beiden Stücke an einem Abend mit den jeweils gleichen vier Schauspielern (Melanie Kretschmann, Steffen Höld, Thiemo Strutzenberger und Barbara Horvath) miteinander korrespondieren zu lassen, hat sich im Verlauf des insgesamt über drei Stunden dauernden Abends verselbstständigt. Die Idee ist nicht abwegig, bestehen doch beide Stücke aus Dialogen, die - auf unterschiedliche Weise - ins Leere gehen. Allerdings die Umsetzung lief aus dem Ruder.

Für Gier hatten schließlich weder Schauspieler noch Publikum und auch nicht Regisseurin Felicitas Brucker mehr Kraft. Deutliche Textschwächen erschwerten beiderseits die Konzentration, sodass am Ende Sarah Kanes Tragödie um nicht viel weniger heiter wirkte als die ohnehin auch nur mäßig witzige Komödie von Iwan Wyrypajew. Kane war damit verschenkt und auch als nachgereichter Subtext zu den Liebesgeschichten der Glückspensionisten nicht mehr tauglich.

Es bleiben nach diesem Premierendoppel also nur Wyrypajews Illusionen stehen: Sie entwickeln sich wie Zaubertricks in einer Manege mit blauem Fadenvorhang (Bühne/Kostüme: Nadia Fistarol). Die Liebesgeständnisse gehen mit Ernüchterungen einher. Denn Dannys geliebte Gattin Sandra war Zeit ihres Lebens in Albert verliebt, Margarets Ehemann; dieser erkennt seinerseits auch in ihr die noch viel richtigere Mrs. Right (was er später revidiert) und treibt seine Frau in den Selbstmord.

Sie alle hier hätten das große Glück, nur trauen sie ihm nicht. Diese lapidare Tatsache und die fatale Folge schürft das Ensemble allmählich frei. Der Verweis auf Kane blieb aber uneingelöst. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, 4. 3. 2013)

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