Schlachtfest mit Gänsen

3. März 2013, 17:26
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Mit einer Vielzahl von halbgaren Einfällen bringt Regisseur David Bösch Johann Nestroys Posse "Der Talisman" um ihre satirische Pracht und Schärfe

Wien - Die Gänseschar, der Salome Pockerl (Sarah Viktoria Frick) in Nestroys Der Talisman gebietet, hat es überstanden. Noch ehe der Vorhang im Wiener Akademietheater aufgehen kann, wischt sich die Magd mit dem feuerroten Haar am schlammbespritzten Samt die Hände ab. Auch das Hemdchen der Tierbändigerin starrt vor Schmutz. Von den Gänsen fehlt hingegen jede Spur. Die Gartenlandschaft (Bühne: Patrick Bannwart) besteht im Wesentlichen aus Drahtblumen. Nur dass eben ein ganzer Polsterinhalt Gänsefedern auf die Erde niedergeregnet sein muss.

Das Massaker an Nestroys Federvieh findet in David Böschs betriebslustiger Inszenierung seine Entsprechung. Bösch traut Nestroys Sprachwitz offenbar nicht über den Weg. In der Original-Posse steigt ein Barbiergeselle binnen weniger Stunden die soziale Stufenleiter ganz nach oben. Er hat nichts als eine ihm zufällig überreichte Perücke, die sein feuerrotes Haar verdeckt. Titus' (Johannes Krisch) wahres Verdienst ist aber seine satirische Sprachkraft. Mit ihr und in ihr findet er sein Glück. In Böschs Unternehmung ist das Mundwerk bestenfalls eine liebe Draufgabe. Viel wichtiger als die Zersetzung unleidlicher Verhältnisse scheint dem Regisseur deren Verdoppelung durch den Scherz.

Salome steht am Dorfanger und begehrt, zum Kirtag ausgeführt zu werden. Schon schleppt ein bäuerlicher Halbstarker die Bierkiste auf die Bühne. Man stürzt den Gerstensaft die Kehle hinunter ("Ex oder Oaschloch!"), erzählt sich Witze über die Schamhaarfarbe. Mit dem Springermesser wird Salome eine rote Strähne vom Haupthaar abgeschnitten. Wo Nestroy über die Rohheit die Sprache sinnieren lässt, da wird Bösch handgemein.

Hunger auf Blumen

Wer glaubt, witziger sein zu müssen als der Autor, verschleudert dessen Kapital: den unergründlichen Sprachwitz, die aus dem Augenblick heraus geborene Lust am Räsonieren. Krisch wäre ein äußerst brauchbarer Titus. Er krächzt sich zynisch in die Herzen der Gärtnerin (Regina Fritsch) und der Kammerfrau (Maria Happel). Er salzt die Blume, die er sich anschickt anstelle von etwas Bekömmlichem zu verspeisen. Er trägt die verschiedenen Perücken wie Kirtagskronen. Krisch ist der Nestroy-Schauspieler als Kraftsportler; zugleich leidet er ganz fürchterlich am schleppenden Tempo der Aufführung.

Titus Feuerfuchs' Bemühen um ein leidliches Auskommen führt ihn in den Palast der Frau von Cypressenburg (Kirsten Dene). Hier herrschen unergründlicherweise hochadelige Verhältnisse. Wie allerdings unter Denes weißem Haargebirge der Schalk der lächerlichen Liebe hervorblitzt; wie sie ihr Salon-Französisch mit allerliebsten Versprechern aufputzt ("Piss off, äh, fi donc!"), während sie sich im Boudoir ein paar Schlückchen aus der Jägermeister-Flasche genehmigt: Dies alles wäre einer schärferen, beherzteren Talisman-Unternehmung würdig gewesen.

Bösch fand es wichtiger, jede Charge, jeden Stichwortgeber mit ein paar Albernheiten zu beschenken. Friseur Marquis (Dietmar König), der eben nur so heißt, wie er gerne wäre, gibt einen schlafkranken Aristokraten. Gärtnergehilfe Plutzerkern (André Meyer), ein Riese von Gestalt und lämmernen Gemüts, trägt schwer am Los des geistig Zurückgebliebenen. Frau Cypressenburgs Tochter (Liliane Amuat) wird Opfer einer Kreissägeattacke und bedenkt ihre Mitmenschen mit ihren Därmen.

Über diesem Talisman hängt, mit Nestroy gesprochen, ein Fluch der "Witzboldungen". Teile des Wiener Premierenpublikums fanden sich eher nicht bewitzboldet und bedachten Bösch mit einigen Buhs. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 4.3.2013)

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    Salome Pockerl (Sarah Viktoria Frick) und Titus Feuerfuchs (Johannes Krisch) in Nestroys "Talisman" am Akademietheater.

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