Der Marathon eines Sprinters

Porträt3. März 2013, 16:57
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Andreas Berger hält seit 1988 den österreichischen Rekord über 100m. 1993 widerfuhr ihm Ungemach in Form einer positiven Dopingkontrolle. Dieses Binkerl trägt er immer noch durchs Leben

Wien - Zum Treffpunkt in einem Wiener Cafe kommt Andreas Berger von einem Geschäftstermin. Er ist Vertriebsleiter bei Abatec, Abteilung Inmotiotec, verkauft ein von der oberösterreichischen Firma weltweit patentiertes System zur Positionsmessung in Echtzeit. "Das ist Missionsarbeit", sagt er. Immerhin wurden Fußballklubs wie Bayern München oder Ajax Amsterdam missioniert, dazu findet das System im Eishockey oder Bahnradsport Verwendung, zuletzt war Berger in Hongkong, und der dortige Jockey Club hat auch zugeschlagen. Berger zeigt den Transponder her, ein kleines Plättchen, das an Mensch oder Tier befestigt wird, um die Position bis zu 1000-mal in der Sekunde zu senden, auf dass der Trainer Bescheid weiß über Laufwege, Beschleunigung und dergleichen.

Aus Berger, dem ehemaligen Sprinter, ist auch ein Veranstalter geworden. Seit Jahren betreibt er mit seiner Frau, mit der er noch länger, nämlich seit 30 Jahren, verheiratet ist, eine Event-Agentur. Das wichtigste Produkt ist das sogenannte Red Bull 400. Untertitel: der härteste 400-m-Lauf der Welt. Die Bergers sind einmal bei der Skiflugschanze am Kulm vorbeigefahren und auf die wahnwitzige Idee gekommen, den Sprunghügel hinaufzulaufen.

Sternstunde

Seit 2011 ist das Rennen institutionalisiert, im Vorjahr fand ein zweiter Bewerb in Planica, Slowenien, statt, heuer kommen noch Lahti in Finnland und Engelberg in der Schweiz dazu. Auf den Kulm wird am 19. Mai gelaufen. 500 Sportlerinnen und Sportler aus 14 Nationen haben gemeldet, für mehr ist nicht Platz. 50 qualifizieren sich in Vorläufen fürs Finale. In diesem geht's zunächst den bis zu 38 Grad steilen Hügel hinauf, ehe über ein Gerüst die Anlaufspur zu erklettern und ebendort weiterzumachen ist. Zu favorisieren sind Berg- oder Treppenläufer. Für den Sieger gibt's ein kleines Preisgeld und eine große Trophäe. Die Bestzeit liegt bei fünf Minuten.

Bergers Bestzeit über die flachen 100 Meter liegt bei 10,15 Sekunden, er lief sie am 15. August 1988 beim Linzer Gugl-Meeting. Den österreichischen Rekord über 60 Meter (6,56) hält er ebenfalls heute noch. In dieser Disziplin wurde er 1989 Europameister in der Halle.

Fehler

Recht bekannt im Land ist auch das Ende seiner Karriere. 1993 lieferten er und seine Sprintkollegen Gernot Kellermayr, Franz Ratzenberger und Thomas Renner in einer Trainingsphase eine positive A-Probe ab (Anabolika). Auf die B-Probe verzichteten sie, Berger legte im ORF ein Geständnis ab. Er wurde für vier Jahre gesperrt. Ein zivilrechtlicher Einspruch hatte Erfolg. Die Strafe wurde auf zwei Jahre reduziert, doch der Entscheid kam zu spät, um die Karriere fortzusetzen.

"Ich habe einen Fehler gemacht und eine massive Strafe bekommen. Den Stempel trage ich quasi immer noch auf der Stirn", sagt er, mit dem man gut über Leistungssport, Medizin und die fließende Grenze zum Doping philosophieren kann, der sich aber in aktuelle Diskussionen nicht einmischen will und nur meint, dass "viel geheuchelt wird". Und dann schaut man noch zurück zum Start, also zur Frage, weshalb aus Berger überhaupt ein Leichtathlet geworden ist.

"Ich war zierlich, zerbrechlich, kränklich", sagt er. Andreas Berger litt unter einer Drüsentuberkulose. Als Sechs- und Siebenjähriger verbrachte er die meiste Zeit im Krankenhaus, wurde siebenmal operiert. " Später haben mir meine Eltern erzählt, dass ich schon mehr drüben war", erinnert er sich. Er blieb hüben, besuchte Volks- und Hauptschule, absolvierte eine Kochlehre.

Durch Zufall auf die Tartanbahn

Eigentlich wollte er kicken, schaffte es immerhin bis in die Reserve des SV Gmunden, doch selbst in dieser kam er über die Reservistenrolle nicht hinaus. "Ich war völlig unbegabt, hab nicht oft mitspielen dürfen."

Weil im Leben oft Zufälle entscheiden, lernt er später im Zug Hochspringerin Sigrid Kirchmann kennen. Die empfahl ihm, dem Gmundner, sein sportliches Glück doch beim Leichtathletikklub Union Ebensee am anderen Ende des Traunsees zu suchen. Der nächste Zufall wollte, dass Kirchmann den ausgemachten Treffpunkt verschwitzte und Berger 1981 beim Leichtathletikklub in Vöcklabruck vorstellig wurde. Dort begann gerade Heimo Tiefenthaler, der Bergers langjähriger Trainer werden sollte, zu werken und entdeckte sein Talent. "Mit 20", erzählt Berger, "bin ich zum ersten Mal auf einer Tartanbahn gelaufen." Wenig später lief er 100 Meter mit geborgten Spikes binnen 10,81 Sekunden, womit er der Viertschnellste in Österreich war. 1985 knackte er binnen 10,41 Sekunden erstmals den österreichischen Rekord, der seither keinem anderen gehört.

Gern denkt Berger an 1989, an ein Meeting in Neu-Delhi, wo er über 100 Meter den großen Carl Lewis schlug. "Damit haben sie nicht gerechnet. Alles war schon vorbereitet, der Pokal für Lewis, der aus einer Statue von ihm selbst bestand. Sie haben aber schnell reagiert, machten eine Siegerehrung für uns zwei, Lewis hat seinen Pokal bekommen und ich einen ganz großen."

Die Zeit nach dem Ende

Weniger gern denkt Berger an die Zeit nach dem Ende. Ein Jahr nach der Dopinggeschichte lud ihn der ORF Oberösterreich ein, den Fachkommentator beim Gugl-Meeting zu geben. "Doch nach Interventionen des Veranstalters kam die Absage", sagt er. "Zwei Jahre später war ich wieder willkommen." Als Sponsorvertreter eines großen Sportartikelhändlers "durfte ich sogar dem 100-m-Sieger die Medaille umhängen".

Die erste Zeit nach dem Desaster verdingte sich Berger als Versicherungsvertreter und fliegender Händler von Uhren. "Zum Glück habe ich in meiner Karriere gut verdient, das hat mir Zeit gegeben." Abgesehen davon ist aus dem Sprinter, "der alles über 400 Meter mit dem Auto fährt", ein Langstreckenläufer geworden. Im November 2012 wollte er den Marathon in New York laufen. Wirbelsturm Sandy war dagegen. "New York war auch ohne Marathon interessant." Am 21. April will er beim Linz-Marathon die einschlägige Premiere geben. "Ich laufe einmal die Woche 20 bis 30 Kilometer. Das ist die Höchststrafe für einen Sprinter." Vier Stunden hat Berger veranschlagt. (Benno Zelsacher, DER STANDARD, 04.03.2013)

  • Andreas Berger läuft demnächst einen Marathon.
    foto: privat

    Andreas Berger läuft demnächst einen Marathon.

  • Andreas Bergers Rekord 1988.

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