Razzia unterbricht Gerichtsshow zu Pussy Riot

3. März 2013, 14:48
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Einwanderungsbehörde will Dokumente von ausländischen Teilnehmern sehen - Schweizer Regisseur Milo Rau spricht von "absurden Vorwänden"

Moskau - Razzia bei Kulturspektakel in Moskau: Vier Uniformierte des russischen Migrationsdienstes unterbrechen kurz nach Mittag ein Theaterstück um die inhaftierte Punkband Pussy Riot. Ihr Ziel: der Schweizer Regisseur Milo Rau, bekannt für politisches Theater. Er ist zu Gast im Sacharow-Zentrum mit seiner Gerichtsshow "Die Moskauer Prozesse". Es ist die bisher aufwendigste kulturelle Aufarbeitung des Skandals um Pussy Riot sowie andere Prozesse gegen Künstler, die mit russisch-orthodoxen Gläubigen und mit dem Staat über Kreuz liegen.

Samuzewitsch verteidigt Protestaktion

Gerade hat Jekaterina Samuzewitsch, die auf Bewährung auf freien Fuß ist, ihren Auftritt hinter sich. Ihre ebenfalls vor einem Jahr festgenommenen beiden Mitstreiterinnen sitzen weiter eine zweijährige Haft in Straflagern ab - wegen "Rowdytums aus religiösem Hass".

Wie schon im Gerichtsprozess verteidigt Samuzewitsch vor echten Juristen und Kirchenanhängern ihren Protest gegen Kremlchef Wladimir Putin. Ihre berühmte Aktion mit den Strumpfmasken in der Moskauer Erlöserkathedrale 2012 sei eine "politische Kunstaktion" gewesen. Die Kritik habe sich auch gegen den Patriarchen Kirill gerichtet, weil der offen zur Wahl Putins zum Präsidenten aufgerufen hatte. Es sei aber nie darum gegangen, die Gefühle von Gläubigen zu verletzen.

Regisseur im Visier

Doch genau um das Verhältnis von Kunst und Religion in Russland geht es. Fast drei Stunden halten die Beamten des Migrationsdienstes die Show am Sonntag auf, am letzten Tag der seit Freitag laufenden "Prozesse". Wie sie ausgerechnet auf den Schweizer Milo Rau kommen, ist nicht klar. Aber immerhin werden sie fündig. Rau kann unter anderem die in Russland nach der Einreise vorgeschriebene Registrierung nicht vorweisen. Die Ausländerbehörde verwarnt ihn. Die Show geht weiter.

Milo Rau lässt Fronten aufeinanderprallen: Staatstreue Kräfte und russisch-orthodoxe Christen gegen liberale Künstler, Kräfte, die sonst kaum miteinander ins Gespräch kommen. In dem brisanten Spektakel, das auch als Doku-Drama verfilmt wird, geht es um Russlands Kulturkampf, um Zensur und darum, ob Kunst- und Meinungsfreiheit über den Interessen der Kirche stehen.

Die Performance ist Teil eines Großprojekts, das der Theatermacher im Herbst in Weimar begonnen hatte. Dort hatte die deutsch-türkische Schauspielerin Sascha O. Soydan in einem Kino die Rede verlesen, mit der der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik vor dem Osloer Gericht seine 77 Morde rechtfertigen wollte. Im Juni endet es in Bern, wo Rau 1977 geboren wurde, mit der Uraufführung des Dokumentarfilms. Das Sacharow-Zentrum hat er auch deshalb gewählt, weil hier russisch-orthodoxe Fundamentalisten 2003 die Ausstellung mit dem Titel "Vorsicht, Religion!" verwüsteten.

Weiterer Anstoß für Debatte

Die Anwältin Anna Stawizkaja, die Erfahrung in der Verteidigung der vom Staat verfolgten Kulturschaffenden hat, fragt, ob die Gefühle von Gläubigen höher zu bewerten seien als die von Künstlern. Nun muss Stawizkaja auch Regisseur Rau gegen die Ausländerbehörden verteidigen. Nach der Razzia meinen aber beide, dass der Zwischenfall die Verhältnisse in Russland widerspiegele. Und es sei auch eine Chance für Raus Projektziel, die Debatte um staatliche Einmischung in die Arbeit von Künstlern fortzusetzen.

Milo Rau, den das Goethe-Institut, die Kulturstiftung des Bundes und andere deutsche Stellen unterstützen, bietet vor allem jenen unbequemen Künstlern und unabhängigen Experten ein Forum, die vor Gericht kaum zu Wort kamen. Nach seiner Darstellung sind es diejenigen, die ins Visier eines Systems geraten seien, in dem Justiz, Geheimdienst und Staatsmedien eng zusammenarbeiten.

Kulturkampf

Künstler, die sich nicht mit einer "regimetreuen und russisch-orthodoxen Staatskunst" arrangieren wollen, kommen zu Wort - der angesehene Dmitri Gutow etwa. Gegen Pussy Riot und die liberale Kunst treten unter anderem der nationalistische Künstler Alexej Beljaew-Gintowt und der Religionsexperte Maksim Schewtschenko an, ein Star beim vom Kreml gesteuerten Fernsehsender Erster Kanal.

Die Kulturwissenschafterin Jelena Wolkowa, die ihren russisch-orthodoxen Glauben hervorhebt, zeigt sich auf Raus Bühne betroffen von den Zuständen in ihrem Land. "Früher habe ich für die Freiheit von uns Christen gegen die Kommunisten gekämpft, heute verteidige ich die Freiheit der Kunst gegen die Religion", sagt sie in einem emotionalen Appell. Auch sie hat gerade eine kurzzeitige Festnahme hinter sich - bei einer Solidaritätsaktion für Pussy Riot. (APA/red, derStandard.at, 3. 3. 2013)

  • Behördlicher Aufmarsch im Moskauer Sacharow-Zentrum.
    foto: apa/epa/ulf mauder

    Behördlicher Aufmarsch im Moskauer Sacharow-Zentrum.

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