Erwin Pröll und seine Günstler

Kommentar der anderen1. März 2013, 19:34
157 Postings

Warum soll die Kunst nicht "Partei" ergreifen. - Aber: Warum tun sie's bloß? Abwägende Anmerkungen zu einem blau-gelben Phänomen.

Normalerweise stehen Künstler und Wissenschafter außerhalb der breiten öffentlichen Wahrnehmung, sie sind weder boulevardtauglich noch mehrheitsfähig, stimmt ihre Meinung doch selten mit der des Durchschnittsbürgers überein. Und doch scheint die Politik, seit Bruno Kreisky die Künstler für sich entdeckt hatte, auf sie nicht verzichten zu können. Das hat jüngst sogar zu einer seltsamen Kontroverse geführt: Robert Lugar vom Team Stronach hat in einer parlamentarischen Rede unterstellt, die ÖVP in Niederösterreich würde Druck auf Künstler ausüben, in einem Personenkomitee für Erwin Pröll zu werben, was die angesprochenen Künstler ihrerseits veranlasst hat, dem Team Stronach umgehend "Kunstfeindlichkeit" vorzuwerfen.

Das ist deswegen seltsam, weil weder das eine noch das andere wirklich zutrifft: Weder Erwin Steinhauer noch Erika Pluhar, weder Peter Turrini noch Erwin Wurm wurden mit Nachteilen bedroht. Und umgekehrt ist es nicht kunstfeindlich, wenn man auf das Abhängigkeitsverhältnis der Künstler von der Politik verweist, die schließlich Aufträge und Fördermittel verteilt. Vielleicht wäre der Aufschrei ausgeblieben, hätte der Vorwurf gelautet, die betreffenden Künstler haben sich nur überzeugen lassen, dass es für sie vorteilhaft wäre, sich offen für Erwin Pröll und die ÖVP zu deklarieren.

Jedenfalls sind Künstler nun in den Fokus politischer Kommentare gerückt, in manchen Internetforen wird nachgerade hitzig debattiert. Von Künstlern ist die Rede, die ihre sozialistische Gesinnung wie einen Mantel abstreifen, wenn sie die Landesgrenze zu Niederösterreich überschreiten. "Es ist eine Schande" und "Pfui Teufel", postet etwa ein " linzfranz" am 26. Februar auf profil.at.

Künstlern wird einerseits vorgeworfen, unpolitisch zu sein, auf der anderen Seite verlieren sie an Ansehen, wenn sie im wörtlichen Sinn " Partei" ergreifen. Parteigänger in der einen oder anderen Form waren Künstler immer schon - und abhängig von der Gunst der jeweils Herrschenden. "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing" ist eine uralte Weisheit. Es ist aber schon ein Unterschied: Wenn etwa Günter Grass einst in Gedichtform dazu aufgerufen hat, SPD zu wählen, dann geschah das nicht, weil ihm die SPD dafür Geld gezahlt hat. Auch die österreichischen Künstler der 1970er-Jahre, die bereit waren, das von Kreisky propagierte "Stück Weges" mitzugehen, haben das wohl in erster Linie aus Überzeugung getan, schließlich hat Kreisky das Land gehörig entstaubt und gerade Künstlern völlig neue Möglichkeiten eröffnet, die im Gesellschaftsmodell der ÖVP nicht einmal denkfähig waren.

Man braucht nicht groß darüber streiten: ÖVP und kritische Gegenwartskunst, das hat irgendwie nie zusammengepasst. Heute müsste die politische Schnittmenge mit den Grünen wohl am größten sein - trotzdem wird man in Österreich wohl keinen linken Künstler finden, der offen einbekennt: "Ich wähle Grün!" Oder dass ein niederösterreichischer Künstler sagte: "Ich stimme für Madeleine Petrovic!"

Ich fürchte, das hat damit zu tun, dass die Grünen den Künstlern nichts bieten können: keinen Auftrag, keinen Kunstpreis, nicht einmal ein kleines Stipendium. Nein, das kann in Niederösterreich nur die ÖVP. Und die Künstler wissen das.

Nun fragt sich, wie ein Künstler, ob prominent oder nicht, mit dieser Erkenntnis umgeht. Und auf der anderen Seite: Wie schafft das der Erwin Pröll, selbst linke oder vermeintlich linke Künstler dazu zu bewegen, für ihn die Werbetrommel zu rühren?

Zum Beispiel Franzobel, aus Oberösterreich gebürtig, in Wien lebend: " Erwin Pröll ist ein Landesvater im besten Sinne ..." Oder Felix Mitterer, für den Erwin Pröll "ein wahrer und aufrichtiger Freund der Künstler ist". Demnach wird auch er am 3. März seine Stimme der ÖVP geben, so wie Marianne Mendt, Roland Neuwirth, Ulrich Seidl oder Jazz Gitti ("Danke Erwin!"). Erwin Pröll wählen heißt nämlich in NÖ, ÖVP wählen, weil jede Vorzugsstimme für den Landeshauptmann automatisch eine Stimme für die ÖVP ist, selbst dann, wenn als Partei zum Beispiel die Grünen oder die SPÖ angekreuzt sind. Also deklarieren sich die Künstler, die jetzt in Wahlkampfbroschüren mit ihrem Konterfei für Pröll werben, gewollt oder ungewollt als Parteigänger der ÖVP. Darunter nicht wenige, die in den 1970er-Jahren noch offen für Kreisky votiert haben oder die umgekehrt bei Landtagswahlen in Wien im Personenkomitee für Michael Häupl vertreten sind ... Doppelt hält besser.

Natürlich versteht es Erwin Pröll wie kaum ein anderer, auf Künstler zuzugehen, sie wahrzunehmen und zu belohnen. Und die Künstler bedanken sich dafür, obwohl Dankbarkeit, wie wir gerade von Politikern zu hören bekommen, keine politische Kategorie sei. Warum wird sie dann trotzdem erwartet? Und offenbar in Niederösterreich um so viel mehr als anderswo?

Sagen wir es so: Der Landeshauptmann Pröll ist ein sehr geschickter Politiker, er hat erkannt, dass sich mit den Stimmen der ÖVP-Kernschicht nicht einmal mehr eine relative Mehrheit erzielen lässt. Er weiß, man muss über den Tellerrand hinausblicken, das politische Spektrum auch für Bereiche öffnen, die in der eigenen politischen Überzeugung eigentlich gar keinen Platz haben.

Das kann man Weitblick, Großzügigkeit oder politische Raffinesse nennen. Und man kann ihm gewiss nicht zum Vorwurf machen, dass er als erfolgsorientierter Politiker so handelt. Dass aber die Künstler so bereitwillig darauf eingehen, ist wohl weniger eine moralische sondern vor allem eine Systemfrage: In Oberösterreich Salzburg oder etwa Tirol passiert Ähnliches jedenfalls nicht. Aber auf initiative-noe.at wird ja unumwunden gesagt: "In Niederösterreich ist vieles anders". (Gerhard Zeillinger, DER STANDARD, 2.3.2013)

Share if you care.