Eine Kuckucksuhr mit menschlichem Antlitz

1. März 2013, 17:21
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Julien Offray de La Mettries "Die Maschine Mensch"

Als Arzt und Naturforscher hat Julien Offray de La Mettrie (1709-1751) einiges Aufsehen gemacht. Seine bedeutendste Einsicht verdankte er aber einem Fieberanfall ("fièvre chaud"), den er als Feldarzt im österreichischen Erbfolgekrieg erlitt. Der Erhitzte konstatierte den Einfluss, den ein kranker Körper auf Geist und Gemüt ausübt.

Andere, weniger provokante Denker hätten sich wahrscheinlich mit der Feier ihrer Genesung begnügt. La Mettrie rechnete kurzerhand mit der abendländischen Metaphysik ab. Es schien ihm undenkbar, dass Körper und Seele getrennte Wesenheiten seien. Seine monistische Leib-Seele-Lehre macht keinen Unterschied mehr zwischen Geist und Physis.

Hatte Descartes in seiner Zweisubstanzenlehre noch streng zwischen Verstand und Gegenstand unterschieden, so leitete La Mettrie alle Beobachtungen aus dem nämlichen Prinzip ab. In L'homme machine (Die Maschine Mensch, 1747) vertritt der Gelehrte die These, dass der Mensch eine Maschine sei.

Schlimmer noch: Er stellt überhaupt in Abrede, dass es zwischen Natur und Mechanik einen Unterschied gibt.

Mit einem Mal streift der Mensch alle alten Bindungen von sich ab. La Mettrie unterstellt dem Homo sapiens nämlich ein autonomes Selbstbewegungsprinzip. Wir alle wären mithin Maschinen, die ihre Triebfedern selbst aufziehen. Das, was die Metaphysiker die Seele nennen, sei nichts anderes als unsere Vorstellungskraft. Deren Leistungsfähigkeit erweise sich durch ihr Urteilsvermögen.

La Mettrie verneint prinzipiell jede Unterscheidung zwischen Mensch und Tier: Warum solle ein Affe, wenn man ihn angemessen erzieht, nicht mit Geistesgaben glänzen? Lebewesen verfügen über Instinkte. Aus ihren natürlichen Anlagen kann Geist entstehen. La Mettrie stützt sich im Folgenden auf anatomische Kenntnisse seines Zeitalters.

Alles, was organisch ist, könne auch Empfindungsvermögen erlangen. Warum es also leugnen, dass alles Lebendige über die nämlichen Voraussetzungen verfügt?

Die Moral, sagt La Mettrie, ist eine ebenso schöne wie nützliche Erfindung. Für ihr Vorhandensein spreche die Zerknirschung, die sogar verstockte Übeltäter befällt. Für einen lieben Gott ist in diesem Programm eher kein Platz übrig. Fragen nach dem Ursprung der Welt begegnet der radikale Aufklärer mit einem Achselzucken: "Wer weiß übrigens, ob der Sinn der Existenz des Menschen nicht in seiner Existenz selbst liegt?"

La Mettrie wurde von den Zeitgenossen geächtet. Zwar schlüpfte er bei " Fridericus rex" in Potsdam unter. Dort wurde er zum Gegenspieler Voltaires. Aber auch König Friedrich fand die Behauptungen des Doktors unerhört. La Mettrie wurde "Hofnarr". Gestorben ist er am Genuss einer Trüffelpastete. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 2./3.3.2013)

Die Reihe mit Klassikern des Denkens wird unregelmäßig fortgesetzt.

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