Paris restituiert sechs Werke der Sammlung Neumann

1. März 2013, 17:37
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Sophie Lillie gelang Beweisführung - Umfangreichste Rückstellung aus französischen Museen seit 1999

Paris/Wien - Die Commission pour l'indemnisation des victimes de spoliations (CIVS), eine dem französischen Premierminister unterstehende Kommission zur Entschädigung von NS-Opfern, empfahl kürzlich die Restitution von sechs Kunstgegenständen an Thomas Selldorff, den Enkel des Wiener Industriellen Richard Neumann. Es handelt sich dabei um die umfangreichste Rückstellung aus französischen Museen seit der Gründung der CIVS im Jahr 1999.

Diese Restitution - die offizielle Übergabe erfolgt voraussichtlich am 19. März - stellt einen großen Erfolg für die Provenienzforscherin Sophie Lillie und den Anwalt Alfred Noll dar. Sie betreuen den Fall Neumann seit mittlerweile elf Jahren. 2002 ersuchte Noll die Stadt Krems um die Rückgabe zweier Ölgemälde von Johann Martin Schmidt, die Neumann gehört hatten. Doch die Sache wurde in die Länge gezogen: Erst 2007, nachdem sich die Grünen über das Verhalten des damaligen Bürgermeisters empört hatten, wurden die beiden Bilder des "Kremser Schmidt" restituiert.

Daraufhin lenkte auch der Bund ein: Im Juni 2010 erhielt Thomas Selldorff zwei Altarflügel mit Stiftern von Maerten van Heenskerck und vier weitere Objekte aus dem Kunsthistorischen Museum zurück. Im KHM war der Fall bereits seit 1998 bekannt; die Erwerbung in der NS-Zeit hatte Archivar Herbert Haupt in seiner "Sachverhaltsdarstellung" fälschlicherweise als "unbedenklich" eingestuft.

Richard Neumann, 1879 in Wien geboren, entstammte einer alten Textilfamilie. 1938 wurde seine Villa in der Hasenauerstraße 30 von Daisy Prinzessin Fürstenberg "arisiert", Neumann und seine Frau Alice flüchteten mit ihrer Tochter, der Mutter von Selldorff, nach Paris. Die NS-Behörden stellten einen Teil der Kunstsammlung sicher, den Rest gab man für die Ausfuhr frei.

Nach der Besetzung Frankreichs war Neumann gezwungen, mehrere Bilder zu verkaufen, um die weitere Flucht zu finanzieren. Diese führte Ende 1942 über Spanien, Portugal nach Kuba.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs übergaben die Alliierten sichergestellte Neumann-Objekte unter der Bezeichnung "Musées Nationaux Récupération" in die Verwahrung verschiedener französischer Museen. Drei Gemälde kamen in den Louvre, weitere drei Objekte gingen an Museen in Agen, Saint-Etienne und Tours.

Die Veröffentlichung von MNR-Beständen im Internet ermöglichte es der Kunsthistorikerin Sophie Lillie, diese sechs Kunstwerke als Neumanns Eigentum zu identifizieren. Ausschlaggebend war u. a. ein Etikett mit der Aufschrift "Alice Neumann", das sich sowohl auf einem der restituierten Objekte aus dem KHM als auch auf einem der Objekte in Frankreich befand.

Thomas Selldorff (85), ein pensionierter Techniker, der heute in Boston lebt, konnte daraufhin über Noll die Restitution beantragen. Er erhält u. a. Das Wunder des Hl. Eligius von Gaetano Gandolfi, Abraham und die drei Engeln von Sebastiano Ricci und das Porträt des Hl. Franz von Paola in einer Nische stehend von Salvador Francesco Fontebasso zurück. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 2./3.3.2013)

  • "Eigentum Alice Neumann": Paris restituiert aufgrund dieses Etiketts, das sich auch an sechs Kunstwerken in französischen Museen befindet, an Thomas Selldorff.
    foto: sophie lillie

    "Eigentum Alice Neumann": Paris restituiert aufgrund dieses Etiketts, das sich auch an sechs Kunstwerken in französischen Museen befindet, an Thomas Selldorff.

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