Wohnen im Alter: Gemeinsam? Allein? Oder im Wald?

1. März 2013, 18:13
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Die aktuelle Ausstellung "Netzwerk Wohnen" im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt gibt Antworten darauf, wie wir leben wollen, wenn wir alt sind

"Damit das längere Leben lebenswerter wird." Mit solch hehren Worten setzen die Grundsätze der Vereinten Nationen für ältere Menschen ein, die 1991 verabschiedet wurden. Gefordert wurde damals, dass ältere Menschen "in einer Umgebung leben können sollen, die sowohl sicher ist als auch ihren persönlichen Präferenzen und ihren sich ändernden Fähigkeiten angepasst werden kann".

Dass diese Forderung immer dringlicher wird, zeigt schon der Auftakt der Ausstellung "Netzwerk Wohnen" im Deutschen Architektur Museum (DAM) in Frankfurt am Main. Da ist einer Statistik zu entnehmen, dass jeder dritte Deutsche, 34 Prozent der Gesamtbevölkerung also, im Jahr 2050 im Pensionsalter sein wird. Das demografische Szenario in Deutschland, Österreich und Europa ist, so scheint es, unumkehrbar. Noch größer ist das Dilemma in Japan.

Keine homogene Gruppe

All dies zieht Fragen nach sich, auf die die Architektur Antworten geben muss. Wie wollen wir leben, wenn wir alt sind? Gibt es Varianten zum solitären selbstständigen Wohnen in der eigenen Wohnung? Wie muss ein "Netzwerk" aussehen? Und was genau sind Zukunftsmodelle für altersgerechtes Wohnen?

Der Soziologe und Generationenforscher François Höpflinger aus Zürich meint dazu in unakademischer Deutlichkeit: "Die ältere Gruppe ist alles andere als eine homogene Gruppe mit einheitlichen Lebens- und Wohnvorstellungen. Dies gilt insbesondere für die Gruppe von Menschen, die lebenslang gelernt haben, ihre Individualität zu pflegen. Dementsprechend sind alle Lebens- und Wohnprojekte, die von einem einheitlichen Typ älterer Menschen ausgehen, von vornherein zum Scheitern verurteilt."

35 Projekte aus einem halben Dutzend Länder werden in der Frankfurter Ausstellung gezeigt. Einige davon sind historisch: Le Corbusiers Haus von 1924 am Genfer See, entworfen für seine Eltern; Philip Johnsons ikonisches Glass House, transparent, ebenerdig, 1949 für sich erbaut und von ihm bis zu seinem Tod 2005 bewohnt; Robert Venturis frühes postmodernes Haus mit steiler Stiege für seine Mutter in Chestnut Hill, Philadelphia; und so weiter.

Unterwegs mit dem Rollator

Die Kuratorinnen Annette Becker und die aus Bad Radkersburg stammende Claudia Haas sprechen von elementaren Bestandteilen "inklusiver Architektur". Und diese sind: barrierefreie Erreichbarkeit der Wohnung, schwellenfreie Fortbewegung, Zugang zu Balkon und Loggia, Bäder mit bodengleicher Dusche sowie etwa tiefe Fensterbrüstungen. Hinzu kommen Assistenzsysteme und intelligente Haustechnik, wie etwa Hausnotruf oder vernetzte Brandmelder.

Aber auch die Vernetzung im Außenraum spielt eine Rolle. Gefragt ist beispielsweise eine zentrale Anbindung an Infrastruktur sowie entsprechende Versorgungs-, Einkaufs- und Anliefermöglichkeiten. Grün wird aufgewertet. Parks und Erholungsanlagen müssen mit Kinderwagen, Rollstuhl und Rollator problemlos befahrbar sein. Mit einem Wort: In den nächsten Jahrzehnten wird sich das Gesicht der Städte radikal verändern.

"Erhaltung des Selbst"

Der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze fasst diese Leitkriterien mit den Stichworten "Schönheit, Ethos, Gespräch, Liebe, Kunst" zusammen. Der Heidelberger Altersforscher Andreas Kruse, der auch im wissenschaftlichen Beirat der Frankfurter Ausstellung saß, spricht von der "Erhaltung des Selbst als Aufgabe des Alters". Und der Berliner Städteplaner Albrecht Göschel ist davon überzeugt, dass die Geronto-Architektur den Wohnungsbau nachhaltig verändern werde. Im Vordergrund stünden "alltäglich im Nahraum praktizierte Kooperation und Solidarität".

Das breite Spektrum realisierter Bauten der letzten 15 Jahre, die im DAM zu sehen sind, reicht vom freistehenden Dreigenerationenhaus in Darmstadt, in dem unterschiedliche Sektionen jederzeit abgeschlossen oder geöffnet werden können, über luxuriöses Wohnen mit Hotelservice-Anschluss (Fontana-Parkvillen in Bad Tölz) bis hin zur Senioren-Wohngemeinschaft in Wien und zum wohlklingenden Senioren- und Pflegezentrum "Sinfonien" von Vilhelm Lauritzen Architects in Næstved, Dänemark. Durch die verschobene Anordnung der drei gebogenen Baukörper auf dem rund 9000 Quadratmeter großen Grundstück entstehen im Freien immer wieder kleine, verborgene Zonen. Zentraler Begegnungsraum in den "Sinfonien" ist die große Gemeinschaftsküche.

Café und Dach für alle

Anderes Beispiel: Die Zürcher Wohngemeinschaft ASIG ließ bei der Siedlung Steinacker nicht nur 73 variable Wohnungen von Hasler Schlatter Architekten bauen, untergebracht sind hier auch eine Pflegewohngruppe für Demenzkranke, zwei Kindergärten sowie 16 Atelier- und Bastelräume für Jung und Alt. Bei der Wohnfabrik Solinsieme in der Tschudistraße in St. Gallen wiederum handelt es sich um die Umnutzung einer alten Stickerei - ergänzt um Aufzug und "Hängende Gärten", die den Bewohnern als Treffpunkt dienen.

Die Stadt Stuttgart, die maßgeblich von der Rudolf Schmid und Hermann Schmid Stiftung unterstützt wird, ging bei dem 2001 fertiggestellten "Generationenhaus West" in Stuttgart (Kohlhoff & Kohlhoff Architekten) noch einen Schritt weiter. Das Haus, das unter anderem behindertengerechte Wohnungen für 20 Bewohner mit jeweils gemeinsamer Wohnküche enthält, ist zugleich ein Quartier- und Stadtteilzentrum - mitsamt Info- und Servicebüros für alle Generationen, mit Tagescafé und sogar mit einem öffentlich zugänglichen Dachgarten.

"Nicht eingeschlossen sein"

Und dann gibt es da noch die Geschichte der Erika Arn aus dem kleinen Dörfchen Küttigkofen im Schweizer Kanton Solothurn. Sie ist eine von 260 Einwohnerinnen. Mit Ende 50 entschied sie sich für ein autonomes Leben nahe der Familie und ließ von Dual Architekten einen 72 Quadratmeter großen Holz-Glas-Pavillon errichten, der gerade mal sechs Meter von ihrem früheren Wohnhaus entfernt steht. Dort wohnt heute ihr Sohn mit seiner Familie.

"Im Sommer wohne ich mitten im Wald, im Winter sehe ich die kahlen Äste, und der Schnee geht bis zum Glas", sagt sie im Gespräch mit dem STANDARD. "Ich wollte nicht eingeschlossen sein. Ich habe drei Jahre lang in einem Wohnblock gelebt. Das prägt. Hier bin ich entweder nah genug, um gelegentlich meine Enkel zu beaufsichtigen, oder aber fern genug, um mich eigenverantwortlich versorgen und pflegen zu lassen. Ich weiß, das ist nicht jedermanns Sache. Aber mir gefällt es."  (Alexander Kluy, DER STANDARD, 2/3.3.2013)

Hinweis

"Netzwerk Wohnen. Architektur für Generationen" im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main. Zu sehen bis 19. Mai. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen (Prestel). 41,10 Euro (36,00 Euro im Museum).

Link

dam-online.de

  • Die Geschichte der Erika Arn: Im Alter von knapp 60 ließ sich die Schweizerin diesen Wohnpavillon errichten. Das ist jetzt zehn Jahre her. Auch so lebt man im Alter.
    foto: ralph feiner

    Die Geschichte der Erika Arn: Im Alter von knapp 60 ließ sich die Schweizerin diesen Wohnpavillon errichten. Das ist jetzt zehn Jahre her. Auch so lebt man im Alter.

  • "Ich weiß, das ist nicht jedermanns Sache. Aber mir gefällt es." Erika Arns Wohnhaus ist ein Pavillon aus Holz und Glas und viel, viel Grün rundherum.
    foto: ralph feiner

    "Ich weiß, das ist nicht jedermanns Sache. Aber mir gefällt es." Erika Arns Wohnhaus ist ein Pavillon aus Holz und Glas und viel, viel Grün rundherum.

  • Ein Blick in die Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum. "Netzwerk Wohnen" ist dort noch bis Mitte Mai zu sehen.
    foto: uwe dettmar

    Ein Blick in die Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum. "Netzwerk Wohnen" ist dort noch bis Mitte Mai zu sehen.

  • Im freistehenden Dreigenerationenhaus in Darmstadt können die unterschiedlichen Sektionen jederzeit abgeschlossen oder geöffnet werden.
    foto: dirk altenkirch

    Im freistehenden Dreigenerationenhaus in Darmstadt können die unterschiedlichen Sektionen jederzeit abgeschlossen oder geöffnet werden.

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