Der Springer Heil liegt in der Niederlage

Analyse1. März 2013, 18:30
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Teambewerb am Samstag ist letzte Chance auf Gold für Österreichs Skispringer - Ein Sieg ist möglich, käme aber eher überraschend und würde offensichtlich notwendige Veränderung nur verzögern

Man kann Niederlagen nicht nur schönreden, man kann sie auch schönrechnen. So hätten Österreichs Skispringer am Donnerstag auf der Großschanze zu Predazzo unter Heranziehung der besten vier Ergebnisse Gold gewonnen, wenn es sich nicht dummerweise um eine Einzelkonkurrenz gehandelt hätte. Zugegeben, mit einem Zehntel Vorsprung auf Deutschland und sechs Zehntel auf Norwegen nur knapp.

Am bisherigen Saisonverlauf gemessen, wäre das eine Überraschung gewesen, gelang doch in den vergangenen vier Weltcupversuchen kein Mannschaftserfolg. Eine Nummer fünf am Samstag käme einer Zäsur gleich. Seit 2005 gingen sämtliche Mannschaftsspringen bei Olympische Spielen und nordischen Weltmeisterschaften an Österreich. Es mag für das Quartett Gregor Schlierenzauer, Thomas Morgenstern, Manuel Fettner und Wolfgang Loitzl ein schlechtes Omen sein, dass es diesbezüglich die bisher letzte Niederlage 2003 im Val di Fiemme setzte (Rang fünf).

Endet aber die Konkurrenz wie die acht davor bei Großereignissen, könnte es für die Skisprungnation dennoch eine Niederlage sein, verwischte dieses Gold doch Spuren der Erosion, die am unter maßgeblicher Beteiligung von Alexander Pointner errichteten Monument festzustellen sind.

Das Ende des Teamgeists

Der vom Chefcoach stets gepredigte Teamgeist ist augenscheinlich nur noch eine Schimäre. Allesamt gehen die Springer eigene Wege, mit eigenen Trainern, eigenen Verantwortlichen für Öffentlichkeitsarbeit, eigenen Managern. Pointner hat das geduldet und als Laufenlassen an der langen Leine verkauft. Mittlerweile wird aber immer öfter und auch öffentlich nach dem 42-Jährigen geschnappt, der wie seine Athleten auf leise Kritik dünnhäutig bis unwirsch reagiert. Mit dem Wechsel in der Sportdirektion von Anton Innauer zum zwar kompetenten und liebenswürdigen, aber nicht so charismatischen Ernst Vettori ging Rückhalt verloren.

Pointner flüchtet sich zunehmend in Worthülsen. Das "wer großartige Erfolge gefeiert hat, der muss auch verlieren können" nach dem medaillenlosen Großschanzenbewerb war ein gutes Beispiel. Ebenso die Aussage, wonach der verunsicherte Andreas Kofler, der in Predazzo nicht einen guten Sprung zusammengebracht und daher keine Einsatzchance mehr hatte, mit einem Lächeln im Gesicht abgereist sei.

Öffentlich wahrnehmbar von Pointners Wirken sind fast nur noch Bastelversuche an der Software. Das reicht von der von ihm extrem propagierten Methode der Audiovisuellen Wahrnehmungsförderung bis hin zu Besinnung im Beisein eines sich auffällig offensiv anbietenden Kaplans.

Pointer driftet ins Abseits

Um die Hardware scheinen sich nur noch die diversen Vertrauenstrainer zu kümmern. Dass Morgenstern nach mit Heinz Kuttin verbrachten Wochen wieder halbwegs in Form gekommen ist, passt ins Bild. Natürlich, Pointner ist der legendäre Mann mit der Fahne. Der hat aber bei der Anwendung der neuen Anlaufregel kein glückliches Händchen bewiesen. Zumindest wurde ihm das auch von Sportlerseite mehr oder weniger offen unterstellt.

Erfolgsverwöhnte bedürfen oftmals des Setzens neuer Reize, um obenauf zu bleiben. Auch Pointner hat das nicht selten betont. Vielleicht kann der erfolgreichste Skisprungcoach aller bisherigen Zeiten in dieser Hinsicht noch ein letztes Mal dienlich sein. (Sigi Lützow aus Predazzo, DER STANDARD, 2./3.3.2013)

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    Alexander Pointner ist gewiss ein legendärer Coach.

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    Da zieht er, der Schlieri.

     

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