Eu zen reloaded

Blog4. März 2013, 09:58
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Was ist das gute Leben? Nur ein offener Dialog in Firmen wird wirksame Ergebnisse erzielen

"When I was a boy of 14, my father was so ignorant, I could hardly stand to have the old man around. But when I got to be 21, I was astonished, at how much the old man had learned in seven years." (Mark Twain)

Vor eine Klasse an einer FH mit Wirtschaftsschwerpunkt stehend, laut Lehrauftrag möchte die Philosophenkollegin über Werte und Kriterienhierarchien zu den Studenten sprechen, stellt sie am Anfang der ersten Stunde zwei einfache Fragen: "Wer von Ihnen möchte im Beruf glücklich sein?" Wenige Hände heben sich nach einer spürbaren Bedenkzeit halbherzig in die Höhe. "Wer von Ihnen möchte reich werden?" Zack, sind fast alle Hände in der Höhe. Während sie mir dieses Erlebnis erzählt, entringt sich ihr ein kapitulierender Seufzer: "Weißt du, ich bin es langsam leid. Es kostet so viel Energie, ihnen nur die Grundbegriffe näher zubringen, damit sie überhaupt die Möglichkeit haben, durch Reflexion einen Perspektivenwechsel zu vollziehen. Um aus der eigenen Gefangenheit herauszukommen, müssten sie ihre übernommenen Glaubenssätze kritisch betrachten können."

Höhle

Mir kommt dazu als erste Assoziation das bekannte Bild der Gefesselten in der platonischen Höhle in den Sinn, die die Trugbilder an den Wänden für die Wirklichkeit halten. Die Kollegin ergänzt noch: "Sie wissen nicht, dass diese Weise Ihres Denkens nur eine, und nicht einmal eine sehr tiefgründige, sondern eine vereinfachende Auffassung, Perversion dessen ist, was man das gute Leben nannte."

Ich werde als Optimist hier nicht ins Jugend-Bashing und ein 'golden age syndrome' abgleiten. Wer seine innere Zufriedenheit nicht so findet, wird sie auch durch Anhäufung äußerer Mittel nicht erreichen können. Was diese Zufriedenheit ausmacht, können jene Studenten nur schwer ausdrücken, weil sie von den Versprechungen nach immer mehr, besser, höher, schneller und neuer wie durch einen Zauber verwunschen scheinen. Als Erklärungen hört man sozialdarwinistische Plattitüden von Scorseses Scarface (In this country, you gotta make the money first. Then when you get the money, you get the power. Then when you get the power, then you get the women.) bis zu Zuckerbergs 'american dream' (...but you got to be asleep to beliefe it! ©George Carlin).

Romantizismen

Notwendiges Wachstum als Prämisse ökonomischer Ideen und das utilitaristische Glück zum Wohl der größtmöglichen Zahl sind dabei immer wieder genannte Grundsätze, sie werden mit Überzeugung vorgebracht, man spürt förmlich, die meinen das offenbar ernst. Das ist das Ergebnis einer Mischung aus medialer ideologischer Indoktrination und jugendlicher Naivität. Auf der anderen Seite begegnet man Romantizismen bezüglich der Natur, der Tiere und möglicher Lösungsräume sozialer Fragen, die zwar gut gemeint sind, aber den Raum rationaler Argumente - weil nicht sein kann was nicht sein darf - leider oft zu schnell verlassen.

Aufklärung

"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung." Diese Passage aus Kants Schrift: "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" ging mir bei dem Gespräch auch wieder durch den Kopf. Also der Kant, der kann's. Das klingt doch richtig poppig, könnte auch von Tocotronic sein. Selbstdenken ist wohl eine der größten Anstrengungen, denen man sich stellen kann. Gut, wenn man auf diesem mühsamen Weg auch bei jenen nachliest, die das vorher bereits versucht haben, denn aus ihren Fehlern können wir lernen und für unsere aktuellen Herausforderung vieles mitnehmen, jedoch ohne Ansätze etwa aus der Antike einfach 1:1 zu übertragen. Das wird beiden Zeiten nicht gerecht und widerspricht den Grundlagen hermeneutischen Verstehens.

Mittel und Zweck

Ein Problem ist, dass wir heute Mittel und Zweck verwechseln. Das liegt auch an der Natur dieser Begriffe, die logisch so eng miteinander verwoben sind, dass das leicht zu Verwirrungen führt. "Das Mittel ist Zweck, weil es bezweckt wird; der Zweck ist Mittel, weil er einen anderen neuen Zweck vermittelt, der nicht in ihm selbst sondern außer ihm liegt. Diesseits des Mittels gibt es mithin nur Mittel, jenseits des Mittels gibt es nur Zwecke, die, sobald sie ausgeführt sind, unmittelbar in die Reihe der Mittel eintreten. Diese Reihe ist endlos ... ein nie erfülltes Postulat", schrieb Kuno Fischer in seiner Logik und Metaphysik. Um aus dieser Verzweckung der Mittel einen vermittelten Zweck zu erhalten, müssen wir den Bereich des scheinbar sicheren und allgültigen Ursache-Wirkung Verhältnisses verlassen und die Umstände, näher die Kontexte, in denen Mittel wie Zweck eingebunden sind final, vom Ende her betrachten.

Hier hilft uns der früher bekannte Bereich der teleologischen Herangehensweise, wo die Differenz der causa finalis und causa efficiens noch wichtig war. Wie aus weiter Ferne leuchtet das heute in Bemerkungen auf, wenn etwa der Managementtheoretiker Peter Drucker fordert, nicht nur die Dinge richtig, sondern vielmehr die richtigen Dinge zu tun. Da trifft uns die Frage nach dem Sinn.

Praktische Klugheit

Es reicht nicht, jungen Menschen nur die richtigen also besseren neueren Mittel qua technische Gadgets in die Hand zu geben, sie werden schon selbst die "guten Ziele" finden, kann sein, muss aber nicht. Sie sollten auch unterstützt werden das zu entwickeln, was Aristoteles "phronesis" - praktische Klugheit nannte. Diese kann man heute mit situativem Handeln im Hinblick auf das gute Leben übersetzen, worin auch noch Platons Tugend der Tapferkeit nachklingt (zu wissen was zu tun und zu lassen ist), und dessen Parameter nicht nur diskursiv vom Katheter oder aus Büchern, sondern wesentlich durch Erfahrungen erlebbar und damit wirksam werden. Dass die Jungen den Willen dazu haben ist sehr oft spürbar. Sonst wären wir ja wieder beim Katzenjammer der Alten angelangt. Es ist gut und wichtig, dass es zu Neuanfängen und ständigem Hinterfragen von vermeintlich Gewohntem kommt, alles andere hieße Stillstand. Die Jugend muss die Freiheit haben "Nein!" zu unserem Weltentwurf zu sagen, es wäre schlimm, wenn sie sich einfach fügte.

Der Witz an der Sache

Zu bedenken bleibt jedoch auch, was Kant an seiner reflektierenden Urteilskraft feststellt, von der er sagt, dass sie nicht erlernt werden könne - man erkenne den Witz an einer Sache oder nicht. Was bedeutet das für uns? Wer Informationen nicht von Daten unterscheidet (Informationen sind nach dem Kybernetiker Bateson bekanntlich jene Daten, die bezüglich eines Kontexts, der von außen bestimmt wird, also vom Betrachter, später einen Unterschied ausmachen) wird auch als "Digital Native" kein wirkliches Wissen generieren, sondern nur Informationen sammeln können. Deshalb bleibt, obwohl das paradox klingt, Schulung in philosophischem Denkens wichtig, um den Sinn, das geistige Band, das die Informationsfülle im Hinblick auf ein erfülltes und gutes Leben zusammenwirkt, begreifbar zu machen.

Das gute Leben

Was aber ist das gute Leben? Mag es auch in Unternehmen immer mehr zum guten Ton gehören, über die gemeinsamen Werte zu sprechen, dagegen ist auch nichts zu sagen, wird aber nur wirksame Ergebnisse zeigen, wenn ein partizipativer, offener Dialog geführt wird und der Ton from the Top mit dessen eigenen Handlungen übereinstimmt, so stoßen wir beim Begriff und den damit verbundenen Herausforderungen des eu zen (gr. das gute Leben) im Rahmen der Wirtschaft an eine unbedingte Grenze, weil die Antwort auf diese Frage nur von jedem einzelnen Menschen in dessen individuellem Lebensvollzug als gelungene Lebensführung in umfassender Weise gegeben werden kann. Das Streben nach Eudaimonie (Glückseligkeit als sinnerfüllend tätiges Sein) kann auch nicht auf den propagierten Pursuit of Happiness reduziert werden.

Im übrigen fließt das Unvermögen unserer Welt und ihre schwache Selbsteinschätzung bezüglich ihrer Veränderungskraft zum Teil aus den vermeintlichen Sicherheiten des (Mittel)-Schulwissens, auf das die Ausbildungslehrgänge der sogenannten Hochschulen aufbauen, ohne jene unbedacht übernommenen Voraussetzungen aufzulösen. Weil das sind ja nur philosophische Spielereien. (Leo Hemetsberger, derStandard.at, 4.3.2013)

Leo Hemetsberger ist Philosoph und Unternehmensberater, lehrt unter anderem Ethik an der Militärakademie und leitet den Universitätslehrgang Kultur & Organisation an der Universität Wien. Als EPU berät er Unternehmen zu Ethik und Compliance, ist Executive Coach und als Trainer in der PE in Unternehmen und Verwaltung tätig.

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Philosophische Praxis von Leo Hemetsberger

  • Leo Hemetsberger, Philosoph und Unternehmensberater.
    foto: fallnhauser

    Leo Hemetsberger, Philosoph und Unternehmensberater.

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