120 Jahre Postschiffe der Hurtigruten

4. März 2013, 16:53
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Vor 120 Jahren stellten Schiffe der Hurtigruten Briefe zu. Heute werden Sehnsüchte nach dem hohen Norden befördert

Wo die Umrisse Europas aussehen, als würden die Magnetkräfte des Pols Insel um Insel auseinanderziehen, liegt Nordnorwegen - das Ende Europas, der Anfang der Arktis. Dazwischen schaukelt auf den Wellen von Nordmeer und Barentssee seit langem ein Versprechen: "Hier ist die Welt fern. Hier vergesst ihr das Grau der Arbeitsämter, das schlechte Fernsehprogramm und das mürrische Gesicht der Supermarktkassiererin."

Postschiffe der Hurtigruten versuchen dieses Versprechen nunmehr seit 120 Jahren einzulösen. 1893 richtete der norwegische Kapitän Richard With den regelmäßigen Liniendienst von Süd- nach Nordnorwegen ein. Weil aber die kostbare Fracht längst nicht mehr Güter und Post sind, sondern die Hoffnungen und Reiseträume ihrer Passagiere, haben sich die Schiffe vom bloßen Transportmittel zu wahrhaften Feen aus Stahl entwickelt. Rund 2500 Seemeilen, also mehr als 4500 Kilometer, haben sie Zeit, Wünsche zu erfüllen. So weit ist die Strecke entlang der zerrissenen Nordküste von Bergen nach Kirkenes und zurück, die Reisende seit einigen Jahren auch in den tiefsten nordischen Winter bringt.

Wilma ter Haar, seit neun Jahren im Dienst der Hurtigruten, weiß, dass eine Fahrt mit dem Postschiff bei vielen ihrer Gäste schon seit Jahrzehnten auf der "Einmal-im-Leben-Liste" steht. "Von unseren Passagieren möchte niemand ein Souvenir, das in einer Vitrine Staub fängt und an nichts als an sich selbst erinnert", meint sie. "Manchmal vergessen sie sogar das Fotografieren."

Das Blaue von Himmel gelogen

Vorbei an schneebedeckten Felsformationen und vorgelagerten Schären zwängt sich die MS Lofoten durch Fjorde und enge Passagen. Vom Land grüßen Puppenstubenstädtchen mit Holzhäusern in Ochsenblutrot, Cremeweiß und Ockerfarben. Und zwischen Land und Schiff liegt das Aquarell des Meeres: Eisblau, Kobaltblau, Saphir, Türkis und Kleckse von Tintenblau - als hätte sich die See alles Blaue vom Himmel heruntergelogen. Weit weg von der Zivilisation ist auf diesem lügenblauen Meer noch Platz für Pioniergeist und das Gefühl, auf Entdeckungsreise zu sein. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, um Mundorgellieder zu singen. Aber die Menschen an der Reling sind ganz still.

Hurtigruten-Reisende sind kein schwimmendes Spiegelbild der Gesellschaft. Hier reist keine elitäre Kreuzfahrtclique, niemand sorgt sich um die angemessene Abendkleidung und das Animationsprogramm. Alle eint der Wunsch, weit weg zu sein, an einen Ort zu reisen, wo Abendessen Middag heißt, Wellen zur Trainingsstätte für den Seemannsgang werden, wo es zu allen Mahlzeiten Fisch gibt: frischen, gefrorenen, geräucherten, getrockneten, gesalzenen, panierten oder marinierten und Kaviar aus Tuben, und wo am Horizont viel Platz für Tagträume ist.

Verführung weit unter null

Nach sieben Tagen Fahrt ist der Wendepunkt der Träume erreicht: Kirkenes, ein kleiner Bergbauort in der nordöstlichsten Ecke von Nordnorwegen. Hier endet die Europastraße E6, hier trifft Norwegen auf Russland, und hier kehren seit 1908 die Schiffe der Hurtigrute um, weiter nach Osten geht es für sie nicht. Die Zauberin Kirke fällt beim Namen dieser Stadt ein, bekannt aus der griechischen Mythologie für Verführungskünste. Kirkenes zeigt sich so anziehend, wie Schneeköniginnen nun einmal sein können. Minus 52 Grad wurden hier schon gemessen.

Solche Extremkälte ist die Ausnahme, eisig ist es aber in jedem Winter. Erst Anfang April taut das Land langsam auf. Noch tragen die Menschen ihre Wintergesichter, die Bäume stehen bis zur Hüfte im Schnee, und Elche schlenkern über das Eis, als seien nicht alle Schrauben angezogen. Überall sind Tret-Schlitten im Einsatz, Älteren ist er ein Rollator-Ersatz, Hausfrauen schieben damit sicher ihre Einkäufe nach Hause, und Kinder schlittern zur Schule. Nur an Kirkenes Friedhof fahren alle vorbei. Längere Besuche wären zurzeit auch vergeblich, denn die Chance, die richtige Ruhestätte zu finden, ist gering. Bis zur obersten Kante sind Grabsteine und Kreuze im Schnee versunken. Im Winter verirren sich nur Touristen hierher, die von der Anlegestelle der Hurtigruten heraufgekommen sind, um die Sicht über die blitzblaue Barentssee zu genießen.

Einer der samischen Einwohner von Kirkenes kennt einen noch schöneren Aussichtspunkt, den Prestefjellet. Dort führt der Mann mit der Fuchspelzmütze und dem blauroten Cape seine Gäste hin. Nach jahrzehntelanger Unterdrückung der norwegischen Urbevölkerung gilt das Samischsein heute als schick, auch weil Folklore und Tradition sich bei Touristen gut verkaufen lassen. Aber echte Samen gibt es in Kirkenes nur noch wenige. Keine dreißig sollen es mehr sein, und jeder von ihnen hat einen eigenen Joik. Der Joik ist ein musikalisches Ritual, mit dem die Samen Plätze, Landschaften, Tiere und Personen lautmalerisch beschreiben. "Der Fluss hat einen Joik, der Seeadler und Obelix natürlich auch", erklärt uns der Mann mit der Pelzmütze während eines kurzen Schneeschuhspaziergangs und stimmt den gutturalen Obertongesang an.

Elf Monate ist der Welpe Obelix erst alt, sieht mit seinem massigen Körper aber aus, als sei er tatsächlich in einen Zaubertrank gefallen. Er ist der stärkste im Husky-Schlittengespann. Auch seine Kollegen - alle wolfsähnlich und ein wenig furchteinflößend - sind verspielt und freundlich und lieben es zu laufen. In Kirkenes ist der Anteil ausländischer Hundeschlittenführer auffallend hoch: Martin aus Karlsruhe, Nikolas aus Brüssel und Gregor aus Bratislava - auch für sie war Kirkenes ein Wendepunkt, ein Ort, um mit ihren Träumen von einem ganz anderen Leben zu ankern.

Auf Licht und Leben

Träumen lässt es sich auch in Kirkenes-Eishotel. Zum Service gehören vorgewärmte Expeditionsschlafsäcke, heißer Kaffee am Morgen danach und der Nordlicht-Weckservice. Für die Samen verkörpern die wabernden Bögen und Schleier die Seelen ihrer Vorfahren, deshalb haben sie das Nordlicht auch immer besonders verehrt, erklärt man uns hier. An diesem Abend zeigen sich die Ahnen jedoch nicht am Himmel, dafür leuchtet Nordlichtersatz in den Gläsern: ein goldgelber, wärmender Schnaps, der wegen seiner vitalen Wirkung "aqua vitae", Lebenswasser, genannt wurde.

Der Linie-Aquavit, der heute eingeschenkt wird, ist der Globetrotter unter den norwegischen Schnäpsen. In ehemaligen Sherryfässern aus Eichenholz gelagert, reift er mehrere Wochen lang auf Schiffen, die den Äquator - die "Linie" - kreuzen. Seeluft, Temperaturschwankungen und beständiges Schaukeln der Fässer lassen diesen Aquavit von seiner langen Seereise angeblich mit feinerem und milderem Geschmack zurückkehren.

Ob es wohl auch einen Joik für Aquavit gibt? Fünf Tage haben die Hurtigruten-Gäste Zeit, diese Frage während ihrer Rückfahrt nach Bergen zu klären. Fünf Tage, in denen Seeluft, beständiges Schaukeln und die kühle Klarheit Norwegens sie verändert zurückkehren lassen. (Nicole Quint, DER STANDARD, Album, 2.3.2013)

Informationen: www.hurtigruten.de

  • Erster Lichtblick in Bergen: Die kühle Klarheit Norwegens wird auch den eigenen Kurs bestimmen.
    foto: hurtigruten

    Erster Lichtblick in Bergen: Die kühle Klarheit Norwegens wird auch den eigenen Kurs bestimmen.

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