"It's All About Love": Der eisgekühlte Weltschmerz

23. Juli 2004, 10:33
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Der dänische Regisseur Thomas Vinterberg unternimmt in "It's All About Love" eine ästhetische Neuorientierung

Wien - In der Sciencefiction kündigen sich weit reichende Veränderungen oft zuerst durch kleine Störungen an: Ein Toter am Ende einer Rolltreppe, über den Passanten achtlos hinwegsteigen, ist in Thomas Vinterbergs It's All About Love ein solches Indiz.

Und tatsächlich steht es mit der Welt darin nicht zum Besten: Fernsehbilder vermitteln Eindrücke einer sich anbahnenden ökologischen Katastrophe - in Afrika beginnen Menschen zu schweben, und in New York, dem Schauplatz des Films, wird es ständig kälter, obwohl Sommer herrscht. In diesem frostigen Setting der Auflösung platziert Vinterberg eine Liebesgeschichte, die schon zu Ende ist:

Tödliche Einsamkeit

Denn John (Joaquin Phoenix), seit längerem von seiner Frau Elena (Claire Danes) getrennt, reist eigentlich an, um die Scheidung zu besiegeln. Er wird länger bleiben als geplant. Nicht nur, weil man in diesen Zeiten an Einsamkeit sterben kann; vor allem, weil sich um Elena, eine herzschwache Eiskunstläuferin, ein mysteriöses Komplott abzeichnet: Ihre Manager planen, sie durch drei Klone zu ersetzen, um derart weiter den Umsatz zu sichern. Womit It's All About Love eine Wendung zum paranoiden Thriller vollzieht, ohne sich im weiteren Verlauf schlüssig auf eine Richtung festlegen zu können.

Vinterberg, gemeinsam mit Lars von Trier Mitbegründer des dänischen "Dogma 95", hat 1998 mit Das Fest den vielleicht archetypischsten Film dieser Bewegung gedreht. Dessen Erfolg hat ihm die Tür zu Hollywood geöffnet, nichtsdestotrotz unternimmt er nun ästhetisch die größtmögliche Neuorientierung:

Anstatt erneut auf improvisatorischen Elan zu setzen, bedient Vinterberg jetzt genauso eisern die illusionistischen Mittel des Kinos. Beinahe jede Einstellung will ein erlesenes Cinemascope-Tableau sein - die Ausstattung besorgte Peter Greenaways Produktionsdesigner Ben van Os -, Choräle des Kieslowski-Komponisten Zbiegniew Preisner laden den schon inhaltlich überfrachteten Film noch zusätzlich mit schicksalhafter Schwere auf. Die Kamera schwebt wiederum genauso unmotiviert durch Hotelflure oder über den Central Park wie die überflüssigste Figur des Films im Flugzeug über der Welt:

Johns Bruder Marciello, verkörpert von einem ratlos wirkenden Sean Penn, kommentiert das Weltgeschehen per Handy von oben: "There is so much love in the world. And there is death." Das Schlimmste an seinen banalen Einsichten zum Ende des authentischen Empfindens ist, dass niemand mehr widerspricht.
(DER STANDARD, Printausgabe, 16.7.2003)

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