Armenier in Istanbul: Kataster des Unrechts

Blog28. Februar 2013, 20:59
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Die armenische Gemeinschaft in Istanbul hat mit Karten und Chronologie ihren Grundbesitz aufgelistet, den sie wiederhaben möchte: Politisches Manifest der Minderheit und eine Schatztruhe für Istanbul-Liebhaber.

Ein Buch, das jetzt doch schon mehrere (zehn) Wochen auf dem Tisch liegt, aufgrund seiner Größe eine vorzügliche Abstellfläche für wichtiges anderes ein- und ausgehendes Papierwerk und die Hausschlüssel geworden ist, aber einer eingehenderen Betrachtung harrt, ist die "2012 Erklärung des beschlagnahmten Grundbesitzes der armenischen Stiftungen in Istanbul" (2012 Beyannamesi. İstanbul Ermeni Vakiflarının El Konan Mülkleri). 479 Seiten, drei Kilo, wahnsinnig spannend.

Herausgegeben hat die Studie in türkischer und englischer Sprache die Hrant-Dink-Stiftung. Für "Istanbulologen" ist sie eine Schatztruhe, für die armenische Gemeinschaft und die türkische Öffentlichkeit insgesamt soll sie ein Mittel zur Beförderung des Bewusstseins sein, wie es in der Einleitung heißt:

"Die armenische Gemeinschaft ist zunehmend schweigend geworden und zögert, über die Probleme zu sprechen, der sie gegenüberstand. Dies rührt von den schmerzhaften Erfahrungen der Vergangenheit, diskriminierenden politischen Entscheidungen, von denen eine Reihe heute fortdauern, und von der Furcht, das Wenige zu verlieren, das sie festhalten konnte. Wir glauben, dass wir - indem wir das Ausmaß des Eigentumproblems darstellen, das die armenischen Stiftungen zu bewältigen haben... - nicht nur die Armenier in der Türkei ermuntern, ihre Probleme als Bürger zu diskutieren und ihre Rechte einzufordern; wir glauben auch, dass es eine Gelegenheit schafft, ein Bewusstsein in der öffentlichen Meinung zu entwickeln, der ein angemessenes Maß an Information zu diesem Thema fehlt."

Die 2012 Beyannamesi soll die bisher umfassendste Untersuchung und Darstellung des Inventars der 53 + 1 armenischen Stiftungen in der Stadt sein (die Stiftung im Stadtteil Kasımpaşa ist als "erloschen" erklärt worden). Erarbeitet hat sie im vergangenen Jahr ein vierköpfiges Team: Mehmet Polatel, Nora Mildanoglu, Özgür Leman Eren und Mehmet Atilgan. Es geht um Kirchen, Schulen, Krankenhäuser, Friedhöfe, Grundstücke - ein Vermögen in der Millionenstadt, die immer nur wächst.

Restitution und Rechtspersönlichkeit sind die zwei Fragen, die heute die Organisationen der Minderheiten in der Türkei beschäftigen. Seit dem Osmanischen Reich sind diese Gemeinschaften in "Stiftungen" zusammengefasst. Mit der Republik wurde alles anders: Eine Offenlegungspflicht im Jahr 1936 war die große Zäsur für den Grundbesitz der armenischen wie der anderen nicht-muslimischen Minderheiten; die türkische Republik eröffnete sich damit den Weg zur Beschlagnahmung oder zum Zwangsverkauf von Gebäuden und Grundstücken. Revisionen vor allem durch die derzeit regierende konservativ-muslimische AKP, zuletzt mit einem Dekret im August 2011, brachten einen "relativ progressiven Schritt zur Rückgabe von unrechtmäßig beschlagnahmten unbeweglichen Gütern oder zumindest zur Zahlung von Entschädigungen", wie es in der Einleitung zur Studie heißt.

1560 Anträge zur Restitution hatten die armenischen, griechischen, jüdischen, katholischen und andere Gemeinschaften bis zum Dezember 2012 an den Staat gestellt. Das staatliche Generaldirektorat der Stiftungen gab mittlerweile auch bekannt, dass die Organisationen der Minderheiten ihre finanziellen Unternehmungen ausweiten und an der Börse Geschäfte tätigen können. Jahrzehntelang war ihnen der Status einer rechtlichen Person abgesprochen worden.

Die "2012 Erklärung" der Armenier in Istanbul listet mit Stadtplänen und Chronologie die Geschichte des Grundbesitzes der Gemeinschaft auf. Istanbuls anarchischer und unaufhörlicher Baubetrieb ist dabei über vieles hinweggerollt, was das 20. Jahrhundert nach Massendeportation, Enteignungen und Pogrom an Bauwerken der armenischen - und ebenso anderer nicht-muslimischer Minderheiten - in der Stadt hinterlassen hat.

Wer in Karaköy zum Beispiel zu Fuß auf der breiten Kemeralti Caddesi, die den Charme eines Aufzugschachts hat, Richtung Tophane geht oder mit der Straßenbahn entlangfährt, der kommt rechter Hand, auf Bosporusseite, an einer zugebauten grauen Kirche ohne Eingang vorbei: Surp Krikor Lusavoriç. Es ist die älteste armenische Kirche in Istanbul, im 15. Jahrhundert gebaut, abgebrannt, im 18. Jahrhundert wieder erbaut, 1958 der Verbreiterung der heutigen Kemeralti Caddesi zum Opfer gefallen und danach noch einmal neu erbaut; ihr Eingang ist nun in einer Seitengasse.

Die Kirche gehört der gleichnamigen Galata Surp Krikor Lusavoriç Stiftung, doch zwei Drittel ihres Eigentums hat die Stiftung verloren - an das türkische Finanzministerium, die Stadt Istanbul oder an dritte Personen, an die sie im Lauf der Jahre verkaufen musste. Ein typischer Fall in der Stadt. (Markus Bernath, derStandard.at, 28.2.2013)

  • Drei Kilo schwer: "2012 Erklärung des beschlagnahmten Grundbesitzes der armenischen Stiftungen in Istanbul"
    foto: markus bey

    Drei Kilo schwer: "2012 Erklärung des beschlagnahmten Grundbesitzes der armenischen Stiftungen in Istanbul"

  • Ein Blick ins Buchinnere.
    foto: markus bey

    Ein Blick ins Buchinnere.

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