Meinungsforscher: "Wir sind gebrannte Kinder"

Interview28. Februar 2013, 18:38
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Nicht nur Parteien fiebern dem Wahltag entgegen: Die Meinungsforscher versuchen aus ihrem Umfragedebakel bei der letzten Kärntenwahl zu lernen. Doch mit Frank Stronach ist eine neue Unbekannte aufgetaucht

Wien - Eigentlich scheint alles klar. In sämtlichen veröffentlichten Umfragen liegt die Kärntner SPÖ weit voran. Dennoch verkneifen sich die Demoskopen konsequent, das Rennen zwei Tage vor der Wahl am 3. März für entschieden zu erklären. Er hüte sich vor einer Prognose, sagt etwa der Meinungsforscher Peter Hajek: "Wir sind gebrannte Kinder."

In den Knochen steckt den Auguren die letzte Landtagswahl vom März 2009, die für die Branche ein "jenseitiges Ergebnis" (Hajek) brachte. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen hatten die Meinungsforscher prophezeit - und wurden von der Realität in den Verdacht der Scharlatanerie gerückt. Tatsächlich siegte das BZÖ überlegen. Der angeblich hauchdünne Abstand zur zweitplatzierten SPÖ entpuppte sich als Kluft von nicht weniger als 16 Prozent.

Was die FPÖ und ihre Mutation BZÖ so unberechenbar macht(e): Viele Leute wählen zwar Rechtsparteien, geben das aber nicht zu, weil sie sich dafür genieren. Antworten auf Umfragen orientierten sich auch an dem, was als sozial erwünscht gelte, erläutert Hajek: Jeder gebe gerne zu Protokoll, sich dreimal täglich die Zähne zu putzen, kaum jemand, seine Kinder zu schlagen - auch wenn die Realität ganz anders aussieht. Meinungsforscher versuchen, solche Effekte herauszurechnen. Doch ein Patentrezept dafür gibt es nicht.

"Verheimlichung der Wählerschaft" nennt Werner Beutelmeyer vom Linzer Market-Institut dieses Verhalten. Vor allem früher - bei der Haider-FPÖ - habe man nicht bekannt, diese Partei zu wählen. "Man lernt aber durch Erfahrungswerte ständig dazu, wie das zu bewerten und einzuschätzen ist" , meint Beutelmeyer.

"Inszenierte Kondolenz"

Bei den Kärntenwahlen vor vier Jahren habe überdies ein ganz spezielles Phänomen seiner Zunft das Leben schwer gemacht, sagt Christoph Hofinger, dessen Sora-Institut wie alle anderen daneben gelegen war. Als " inszenierte Kondolenz" für den verstorbenen Landeshauptmann Jörg Haider hat der ORF-Hochrechner den Wahltag in Erinnerung. Die aufgeputschte Trauerstimmung hat wohl nicht nur viele Wähler in letzter Minute zu einem Beileidsvotum für das BZÖ verleitet, sondern auch zu kollektiven Verdrängungsprozessen in den Umfragen geführt: Haider-Sympathisanten, die in der Wahl davor SPÖ gewählt hatten, hätten das nicht zugegeben, glaubt Hofinger: "Man gesteht am Rand eines Grabes keinen Seitensprung." Dies habe zu einer Verzerrung in den Umfrageergebnissen geführt, die ja nicht auf rohen, sondern kompliziert gewichteten Daten basieren.

Ein "schwieriges Pflaster" (Hofinger) ist Kärnten auch diesmal. Der Landeshauptmann wechselte vom BZÖ zum FPK, SPÖ und ÖVP haben neue Frontfiguren, erstmals kandidiert Stronach - viel Verwirrung, die Demoskopen ebenso herausfordert wie die vermutlich große Zahl an Spätentschlossenen. Und dann ist da noch die immer größer werdende Gruppe an Wechselwählern. Market-Chef Beutelmeyer erinnert sich: "Ich habe in den 1980er-Jahren in diesem Bereich zu arbeiten begonnen. Damals war es noch so, dass 80 Prozent gesagt haben, dass sie prinzipiell schwarz wählen oder rot - egal bei welcher Wahl. Das war die Welt der Treue, die Welt der exakten Meinungsforschung." Heute stelle sich das völlig anders dar: "Es ist ein völliger Nonsens, zu glauben, Phänomene messen zu können, die derart volatil geworden sind."

Die Vorsicht der Demoskopen zeigt sich auch in Niederösterreich. "Kein Bundesland ist vor Überraschungen gefeit", sagt Beutelmeyer. Wie in Kärnten heißt einer der Unsicherheitsfaktoren Frank Stronach. Beutelmeyer: "Ein Problem bei Hochrechnungen ist, dass sie auch auf Rückerinnerungen fußen." Eine neue Partei biete aber keinerlei Daten. Eine Prognose traut sich Market aber schon zu: Nur in Kärnten kann das Team Stronach auf ein zweistelliges Ergebnis hoffen - in Niederösterreich muss es sich wohl mit dem einstelligen Bereich begnügen. (Gerald John, Peter Mayr, DER STANDARD, 1.2.2013)

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