Die Nichteuropäer wollen es dieses Mal wissen

28. Februar 2013, 17:53
83 Postings

Noch nie waren die Möglichkeiten so groß, dass ein Nichteuropäer zum Papst gewählt wird. Aber auch die Italiener wollen nach mehr als 30 Jahren wieder einen der Ihren auf den Thron hieven. Hier die Fakten und Spekulationen rund um das Konklave

Rom/Wien - Wird es wieder ein Europäer? Das wäre dann wohl ein "Programm Ratzinger 2.0", schreibt der Politikwissenschafter und Rom-Kenner Otto Kallscheuer in der Neuen Zürcher Zeitung. Selbst die 28 Italiener unter den 115 Kardinälen, die zur Papstwahl in die Sixtinische Kapelle einziehen werden, sind nahezu alle von Benedikt XVI. ernannt worden. Nach mehr als dreißig Jahren wollen sie wieder einen der ihren auf dem Heiligen Stuhl sehen - weshalb sie sich bereits im Vorfeld auf einen Kandidaten einigen müssen. Vatikanisten glauben, dass dies der 71-jährige Mailänder Erzbischof Angelo Scola sein wird.

Spekuliert wird massiv, dass die Chancen für einen nichteuropäischen Kandidaten noch nie so groß gewesen sind wie diesmal. Bereits 2005 war der heute 76-jährige Erzbischof von Buenos Aires, der Jesuit Jorge Mario Bergoglio, im dritten Wahlgang auf 40 Stimmen gekommen, bevor sich Joseph Ratzinger durchsetzte. Aus anderen Gründen ein Glück für das Papsttum: Inzwischen wurden enge Beziehungen Bergoglios zur ehemaligen Militärjunta in Argentinien nachgewiesen.

Internationalist Ouellet

Als "amerikanischer Kandidat" am häufigsten genannt wird diesmal ein Kanadier, der im Vatikan für Bischofsernennungen zuständige Marc Ouellet (68). Er ist gleichzeitig ein Internationalist. So wie der honduranische Kardinal Óscar Rodríguez Maradiaga hat er in Innsbruck studiert, war fünf Jahre lang Leiter eines Priesterseminars in Kolumbien und von 2002 bis 2010 Erzbischof von Québec.

Ouellet, der sechs Sprachen fließend spricht, ist wie viele Bischöfe, darunter der Grazer Egon Kapellari, ein Anhänger der Theologie des Schweizers Hans Urs von Balthasar. Er ist zwar klar auf Rom-Linie, also gegen die Pille, gegen die Homo-Ehe, gilt aber als nicht so militant wie etwa der zweite nordamerikanische Kandidat, der populistische New Yorker Erzbischof Timothy Dolan (63).

Südamerikaner mit Chancen sind der dem Opus Dei nahestehende Erzbischof von São Paulo, Odilo Scherer (63) und der aus Argentinien gebürtige Vatikan-Diplomat Leonardo Sandri (69).

Ratzingers "Nachbar" Schönborn

Der unter den Europäern außerhalb Italiens am öftesten genannte " papabile" ist der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn (68). Nicht erst seit seinem New York Times-Artikel "Finding Design in Nature" (Juli 2005) hat er gute Verbindungen zum amerikanischen Episkopat. Gleichzeitig erwähnt er selbst immer wieder seine Maßnahmen für Missbrauchsopfer. Dass er ein "Nachbar" Ratzingers - ehemaliger Erzbischof von München - ist, gilt freilich als schwerer Nachteil.

Wie immer, aber diesmal mit etwas mehr Wahrscheinlichkeit, werden Kandidaten anderer Kontinente genannt, etwa der populäre Philippiner Luis Tagle (55) aus Manila oder der Ghanaer Peter Turkson (64), ein Kurienkardinal. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 1.3.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Diesmal im Vordergrund der Papst-Spekulationen: der Kanadier Marc Ouellet.

Share if you care.