"Leviathan": Auf Tuchfühlung mit dem Ungeheuer

28. Februar 2013, 17:08
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Mit "Leviathan" definieren Véréna Paravel und Lucien Castaing-Taylor den Dokumentarfilm neu: Der auf der Viennale mit dem STANDARD-Leserpreis prämierte Film führt in rauen, körperlichen Bildern eine grimmige Totalität von Mensch, Meer und Maschine vor Augen

Wien - Es dauert, bis die prallgefüllten Netze aus den Tiefen des Atlantiks eingeholt sind. Der Prozess wird vom knarzendem Geräusch der Winde begleitet. Als sich der Fang schließlich über das Deck ergießt, ist eine wimmelnde Menge aus Muscheln, Krabben und Fischen zu sehen, denen es aufgrund des Druckunterschieds die Eingeweide aus dem Körper gerissen hat. Später, als die meisten Tiere bereits im Bauch des Kahns verstaut sind, gleiten nur ein paar Fischköpfe über den Boden, mit ungläubigem Ausdruck auf dem Gesicht. Ins Meer hingegen fließt ein Bach aus Blut.

Leviathan begleitet ein Fischerboot aus Massachusetts bei mehreren Fangzügen am Meer. Das Ergebnis ist ein Dokumentarfilm, wie man ihn noch nicht gesehen hat: Anstatt sich ihrem Thema aus Distanz anzunähern, im Rahmen des Regelwerks von Naturfilmen, wählen die Regisseure Véréna Paravel und Lucien Castaing-Taylor jene Bilder aus, die der physischen Erfahrung auf See am nächsten kommen.

Mit kleinen, wasserfesten Kameras, die an den Körpern der Fischer montiert, an Bojen im Meer befestigt oder auch in den Fang geworfen wurden, überwindet der Film verbürgte Wahrnehmungsmuster und erschafft Bilder, die fast abstrakt und zugleich ungemein haptisch sind.

"Wir wollen keine Bedeutungen vorgeben", sagt der Brite Castaing-Taylor, dessen Vater schon bei der Schifffahrt gearbeitet hat, im Gespräch mit dem STANDARD, "sondern das Menschsein an eine bestialische, animalische Natur zurückkoppeln." Der Film sollte der physischen und metaphysischen Gegenwart auf dem Schiff gerecht werden: "Es geht uns darum, den Film in einem natürlich-kulturellen Feld zu situieren, in dem wir Menschen nur einen sehr kleinen Teil besetzen."

Was wie ein Manifest für einen völlig neuartigen Dokumentarismus anmutet, hat wissenschaftlichen Hintergrund. Lucien Castaing-Taylor und die Französin Véréna Paravel sind Anthropologen, die schon am Sensory Ethnography Lab in Harvard zusammengearbeitet haben, wo an neuen Zielen des ethnografischen Films gearbeitet wird - mit Hervorhebung der sensorischen, also sinnlich-fühlbaren Komponente und künstlerischen Ambitionen.

Lebendes und Unbelebtes

Es geht um eine dokumentarische Anschauung der Welt, die sich etablierten Konventionen wie der informativen Aufbereitung eines Themas widersetzt. Rund ein Dutzend Akademiker und Künstler arbeiten in dem Lab mit unterschiedlichen audiovisuellen Medien - Ton, Film, Video, Fotografie und Hypermedien. Sie forschen an Zugängen, "die mit dem geschriebenen Wort nicht oder nur eingeschränkt möglich sind - ein Versuch, Bedeutung mit Sein, Leben mit Tod, Kultur mit Natur, das Lebende mit dem Unbelebten zusammenzuführen".

Leviathan, das erste gemeinsame Werk der beiden - sie haben unabhängig voneinander Filme über Schafhirten (Sweetgrass) und einen Schrottplatz in Queens (Foreign Parts) realisiert -, sollte zunächst von New Bedford handeln, der ehemaligen Walfangmetropole und mythischen Stadt von Moby Dick, auf den auch der Filmtitel verweist. Alsbald fühlten sich die beiden jedoch zum Meer und der Seefahrt hingezogen. Mehrmals fuhren sie mit den Fischern zur See, das Regieduo wurde seekrank, verlor Kameras. Die beiden Grünschnäbel an Bord, erzählt Castaing-Taylor, hätten den Fischern immerhin eine Erleichterung "von der alltäglichen Packerei und Erschöpfung" gebracht.

"Körper arbeiten immer noch", antworten die Filmemacher so auch auf die Frage nach dem Verschwinden der Arbeitsform, obwohl ihnen bewusst ist, dass sich diese im tertiären Sektor grundlegend gewandelt hat: In Leviathan ist der menschliche Eingriff in die Natur, das urtümliche Jagen und Sammeln genauso enthalten wie bereits die Ahnung eines Endes - einer der stillsten Momente zeigt den Kapitän, den das Schaukeln des Schiffes in den Schlaf wiegt. "Europäer kamen in die Neue Welt des Fisches wegen, nicht aufgrund von Religion, Demokratie oder Freiheit. Mit den technologischen Innovationen der vergangenen 150 Jahre haben wir das Ende der Linie erreicht: Fische und Fischer sind fast ausgestorben."

Doch solche inhaltlichen Aspekte sind nur ein Teil dieses ungeheuerlichen Films, in dessen Abspann auch all den Kreaturen gedankt wird, die darin umkommen. Seine Wirkung verdankt er einer Ästhetik, die Bilder und Töne als raue Texturen belässt, sie gleichsam zu Projektilen macht und damit anthropomorphe Blickweisen erschüttert - etwa durch Möwenschwärme, die hinter dem Schiff herfliegen und deren Flügelschlag man auf der Haut zu spüren meint.

"Wenn das Kino die Wahrnehmung nicht entmystifiziert und uns nicht moralisch und körperlich in die Welt einbezieht," sagt das Regieduo resolut, "dann hat es keinen Grund zu existieren. Bilder werden gefühlt, nehmen gemeinsam mit Empfindungen und Erinnerungen einen weit größeren Raum in Wahrnehmung und Bewusstsein ein als Sätze."    (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 1.3.2013)

  • Körper-Kino: Eine Blutfontäne stürzt aus dem Fischereischiff ...
    foto: gartenbaukino

    Körper-Kino: Eine Blutfontäne stürzt aus dem Fischereischiff ...

  • ... in Véréna Paravels und Lucien Castaing-Taylors gattungssprengendem Dokumentarfilm "Leviathan".
    foto: gartenbaukino / robert newald

    ... in Véréna Paravels und Lucien Castaing-Taylors gattungssprengendem Dokumentarfilm "Leviathan".

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