Aus Britanniens Unterbauch

1. März 2013, 02:39
2 Postings

Tipps fürs Wochenende: "The World Ten Times Over" und "Bronco Bullfrog" führen in Londons real düstere Ecken

Fremde haben oft einen analytischeren Blick auf das allgemeine Lebensgefühl in einer Stadt - und was für das Wien der unmittelbaren Nachkriegsjahre Carol Reeds "Der dritte Mann" ist, bedeutet für das "Swinging London" der Mitt-1960er Jahre Michelangelo Antonionis "Blow Up" (1966). Angelehnt an den Lifestyle des berühmten Vogue-Fotografen David Bailey (1965-72 übrigens mit Catherine Deneuve verheiratet) und mit einem beiläufigen Gig der Yardbirds versehen, ist er quasi das High-End-Produkt der aktuell im Österreichischen Filmmuseum laufenden Reihe "England's Dreaming" über die Filme eines Jahrzehnts des sozialen Umbruchs, der Sonntagsabend-Film (3.3., 20:30)

Für gewisse andere soziale Bereiche braucht es allerdings Insiderwissen. Und im letzten, dicht programmierten Wochenende der Filmschau finden sich zwei ebenso hochgelobte wie absolut selten zu sehene Filme über die wenig gesetzestreuen Ecken Londons. Der eine ist "The World Ten Times Over" (1963) von Wolf Rilla ("Village of the Damned") und erzählt vom professionellen Nachtleben im zentralen Soho, vom Schicksal zweier "Bardamen". Weil der Film die vorgegebenen Grenzen von Moral und Sittlichkeit nicht überschreiten durfte, muss eine Story über zeitgenössische Halbwelt natürlich in ein fürchterliches Drama münden. Sei's drum, was besticht, ist die Ausformulierung und Bebilderung, das lebenskluge Porträt der Protagonistinnen, die Streiflichter und Momentaufnahmen aus dem alten Vergnügungsviertel.

 

Der schon auch dank seiner Entstehung sehr spezielle zweite Film ist "Bronco Bullfrog" aus dem Jahr 1970. Die bekannte Theaterdirektorin Joan Littlewood betrieb in Londons damals stark verslumten East End ein engagiertes Haus, für das Stück "Everybody's an Actor, Shakespeare Said" engagierte sie die örtlichen vandalisiernden Jugendlichen. Als weiterer Akt einer Resozialisierung wurde an Regisseur Barney Platts-Mills die Idee herangetragen, die Jungen sollten einfach mal ihren Alltag nachspielen. Der sieht so aus, dass der Lehrling Del durch den aus der Besserungsanstalt geflohenen Local Hero Bronco Bulfrog (Typus Brad Pitt) den Vorschlag erhält, vom Zuckerlautomatenknacken zu einem höheren "Job"-Level aufzusteigen. Das Dilemma ergibt sich weniger durch die Polizei, als durch die Verliebtheit zu einer schlaksigen Schönheit aus dem Sozial-Plattenbau nebenan. Großartige Laien-Selbstdarsteller ohne Kino-typische "Ghetto"-Großmäuligkeit, vielmehr linkisch in ihrer Sprache wie in ihren vage Mod-artigen Anzügen - sehr prä-Skinhead, könnte man sagen. Mit stilisierten Schlägereien, die Erfahrungen in echten verraten, und einem feine Soundtrack der Band The Audience. Voll zu recht mit Untertitelung.

(hcl, derStandard.at, 1.3.2013)

  • Screenshot aus "The World Ten Times Over" (Sa., 2.3., 17:00)
    foto: österreichisches filmmuseum

    Screenshot aus "The World Ten Times Over" (Sa., 2.3., 17:00)

  • Catherine Deneuve als junge Französin in London, die Schritt für Schritt in eine Psychose abgleitet: "Repulsion" (1965) ist - mit zahlreichen surrealen Einstellungen wie den berühmt gewordenen Riss-Symbolismen - ein frühes Beispiel für Roman Polanskis brilliante Fähigkeit zu hochkonzentrierten Filmarbeiten (Sa, 2.3., 19:00)
    foto: österreichisches filmmuseum

    Catherine Deneuve als junge Französin in London, die Schritt für Schritt in eine Psychose abgleitet: "Repulsion" (1965) ist - mit zahlreichen surrealen Einstellungen wie den berühmt gewordenen Riss-Symbolismen - ein frühes Beispiel für Roman Polanskis brilliante Fähigkeit zu hochkonzentrierten Filmarbeiten (Sa, 2.3., 19:00)

  • "Bronco Bullfrog" - oder wenn Jung-Strizzis wortkarg anbandeln (Mo., 4.3., 18:30)
    foto: österreichisches filmmuseum

    "Bronco Bullfrog" - oder wenn Jung-Strizzis wortkarg anbandeln (Mo., 4.3., 18:30)

Share if you care.