Tagtraum in der U6

Glosse28. Februar 2013, 16:01
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Am Ende eines anstrengenden Tages, wenn nichts mehr eilig ist, döse ich oft in der U6, und meine Tagträume vermischen sich mit dem Zischen der Türen und Wortfetzen

Was Wien betrifft, ist die U-Bahn-Linie U6 der Schmelztiegel der Nationen dieser Stadt, nur geformt wie ein Schlauch. Für mich ist die U6 aber auch ein fliegender Teppich und jede Station ein Hafen auf Sindbads abenteuerlicher Reise. Gesichter, Kleider und Sprachen aus mindestens drei Kontinenten spülen hinein und hinaus.

Am Ende eines anstrengenden Tages, wenn nichts mehr eilig ist, döse ich oft in der U6, und meine Tagträume vermischen sich mit dem Zischen der Türen und Wortfetzen aus dem Gerede Fremder. Manchmal ergibt das eine Vision, eine Art kleinen Film, der mich kurz in eine andere, noch weiter entfernte Welt bringt. So wie neulich ...

Das Wüstendrama

Es war nur ein schläfriger Lidschlag. Vorher war der Mann noch nicht da, jetzt stand er genau neben mir, hielt sich an der Stange über unseren Köpfen fest, und neben ihm stand ein kleiner Bub, der schwitzte. Vater und Sohn an einem heißen Sommertag in der U6. Wieder ein Lidschlag. Der Vater schien mit einem anderen Passagier ein Gespräch fortzusetzen, das wohl anfing, bevor sie zwischen zwei meiner Lidschläge in der U-Bahn erschienen sind.

"... und mitten in der Wüste gibt der Land Rover seinen Geist auf! Undichte Ölwanne! Alles Öl pfutsch! Selbst schuld! Ich hätt die Kraxn schon auf dem Parkplatz bei der Autovermietung von unten anschauen sollen! Nur Faulheit, ich sag's Ihnen!"

Beim Sprechen hielt der Vater seinen Sohn so fest an der Hand, das die Knöchel des schwitzenden Kindes bläuliche Farbe angenommen hatten. Aber offenbar konnte nur ich das sehen. Der Vater setzte seine Schilderung einer beschissenen Lage im Wüsten-Erlebnis-Package seines letzten Urlaubs ungerührt fort.

"Angst? Nicht sofort! Ich bin ja ein Tourist! Die gehen öfter mal in der Wüste verloren, und da gibt es so einen Suchdienst mit Hubschraubern. Aber dann dachte ich an den Schrott, den sie den Touristen als Wüstenfahrzeug vermieten! Wenn diese Hubschrauber auch ... Na ja! Was soll's! Ich bin Optimist, wissen Sie! Immer schon gewesen!"

Die Stimme des Herrn

Jetzt wollte auch ich wissen, wie der Vater aus dem Wüstendrama errettet wurde. Aber in den Augen des kleinen Buben erkannte ich etwas, das meinen Blick auf seinem Gesicht festnagelte. Es war Angst. Irgendetwas oder irgendjemand in unserer unmittelbaren Umgebung ließ ihn vor Angst zittern. Und schwitzen. Ich wollte ihn fragen, was los sei, aber mein Mund war wie zugewachsen. Die Rede seines Vaters wurde nun zu einer salbungsvollen Rezitation.

"Und dann hörte ich die Stimme! Sie kam von überall gleichzeitig! Aus meinem Kopf und von außerhalb, aus der Wüste, aus dem Wind und aus dem Himmel!"

Das Stimmengewirr im Waggon verstummte. Niemand von den Passagieren plauderte und tratschte mehr, alle richteten ihren Blick auf den Vater und lauschten seinen Worten. Das Licht im Waggon war plötzlich gedimmt, außer einem Spotlight, gerichtet auf das Gesicht des Vaters.

"... ja, auch vom Himmel! Denn es war die Stimme des Herrn, unseres Gottes, der da unsichtbar zu mir sprach!"

Der Vater musste an dieser Stelle Luft holen, und in der dramatischen Pause seiner Erzählung konnte ich den Chor der Passagiere hören.

"Was sprach der Herr, unser Gott, zu dir?"

Haut und Popcorn

Es schien niemanden zu irritieren, dass ein Waggon der U6, irgendwo zwischen Thaliastraße und Philadelphiabrücke, zum Ort einer professionell ausgeleuchteten religiösen Szene geworden war - niemanden außer mir und dem kleinen Buben, der zitterte und angstvoll zu seinem Vater blickte.

"Gott, der unser Herr ist, trug mir auf, erneut in die Wüste zu fahren und genau an jener Stelle,wo es sich begab, dass mein Land Rover krepierte, ein Opfer zu bringen! Dann wies er mir den Weg aus der Wüste, und wahrlich, ich sage euch, nach einer Stunde Fußmarsch erreichte ich eine Oase, labte mich am Wasser, aß süße Datteln, wohernach mich ein Taxi in mein Hotel brachte!"

In diesem Augenblick riss der Vater den Buben an dessen dürrem Arm empor, so mühelos und plötzlich, dass mir schien, der Bub sei nur Haut, die mit Popcorn gefüllt ist! Aber der Bub war ein echtes Kind! Er winselte vor Schmerz und Angst!

"Und der Herr, unser Gott, trug mir auf, diesen meinen Sohn dort zu Opfern! Ihn zu schlachten wie ein Lamm und ihn zu Asche zu verbrennen, die wir sind! Hallelujaaaaaaaaah!"

Nun war auf jedes Gesicht im Waggon ein Spotlight gerichtet, und der Chor der Passagiere setzte wieder ein.

"Supeeeeeeeeeer! Erzähl uns meeeeehr!"

Ersatzverkehr

Der Vater senkte sein Kind abrupt ab, und es plumpste zu meinen Füßen auf den Boden des Waggons. Nun sah der Bub tatsächlich wie ein Sack Popcorn aus. Sein Vater aber kam an den dramaturgischen Höhepunkt seiner Erzählung.

"Und wahrlich, ich sage euch! Dieses Mal, Gott sei mein Zeuge, dieses Mal werde ich meinen Rücken beugen, mich in Demut hinknien und mein gemietetes Wüstenfahrzeug auch von unten anschauen!"

Dann geschah etwas für mich erschütternd Unglaubliches: Auch ich hörte nun eine Stimme, die aus meinem Kopf und von außerhalb, aus der Wüste, aus dem Wind und aus dem Himmel zu kommen schien. Konnte es denn sein, so dachte ich in diesem Augenblick, dass nun Gott der Herr auch zu mir sprach? Aus lauter Panik, die dieses unerwartete Phänomen in mir auslöste, verstand ich nichts. Doch glücklicherweise wiederholte Gott seine Worte. Sie lauteten:

"Ich widerhole: Aufgrund eines technischen Defektes wird dieser Zug nur bis Philadelphiabrücke geführt. Ein Schienenersatzverkehr mit Autobussen wird eingerichtet. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit."

Dann bremste der Zug, und ich wachte endgültig aus meinem kleinen U6-Albtraum auf. Zu meinen Füßen lag eine halbvolle Tüte mit Popcorn, und ein Mann zerrte verärgert seinen Sohn, der wegen des fallen gelassenen Popcorns lautstark protestierte, zu den Türen. Auch ich verließ nun den Zug, warf einen letzten Blick auf das verstreute Popcorn und zückte mein Notizbuch, in das ich auf altmodische Weise Begebenheiten und Ideen zu notieren pflege. Ich schrieb, leise murmelnd das Geschriebene mitlesend:

"Notiz an meinen Sohn: Wenn du einen Mann sagen hörst, er wolle sein Kind Opfern, ruf sofort die Polizei an!" Schon wollte ich das Notizbuch einstecken, schlug es aber wieder auf und schrieb:

"Notiz an mich: Graskonsum reduzieren!" (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 28.2.2013) 

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    foto: derstandard.at/lichtl
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