Italien: Ein Erklärungsversuch

Gastkommentar28. Februar 2013, 17:32
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Nicht alles, was derzeit in Italien passiert, ist schlecht, meint ein Südtiroler

Fragt man die Italiener nach Pier Luigi Bersani, dem Gesicht des Mitte-links-Bündnisses, heißt es, er habe Charisma, er sei sympathisch. Wahlen mit eindeutigen Mehrheiten gewinnt man damit keine, trotz bester Voraussetzungen. Bei den Vorwahlen des Partito Democratico war der Jungpolitiker Matteo Renzi, Bürgermeister von Florenz, gegen das Urgestein Bersani angetreten, doch der aufmüpfige Renzi, den man in den eigenen Reihen schon öfter als Nestbeschmutzer schimpfte, weil er zu wenig links ist, wie man hinter vorgehaltener Hand sagt, verlor die Wahl, man entschied sich für Bersani. Nun lag es am Polit-Dinosaurier, die Veränderung zu verkörpern, den Neuanfang. Aufgegangen ist die Rechnung wohl nicht.

Monti tut sich schwer

Mario Montis Ruf in Italien ist viel schlechter, als Europa es gerne hätte. Er wurde nicht von uns gewählt, schimpfen viele über den Techniker Monti, der sich auf ein gefährliches Spiel eingelassen hat, ein Spiel, das andere viel besser beherrschen. Dieses Spiel heißt politischer Wahlkampf. Täuschungen, Versprechen und der Kampf um jede Sendeminute im Fernsehen. Wo sich andere wohlfühlen, tut Monti sich schwer. Er hätte tun sollen, was er mehrmals beteuert hatte, nämlich nicht zu kandidieren. Vielleicht wäre er dadurch wieder ins Spiel gekommen, nach der Wahl.

Mittlerweile verkörpert Monti für die Italiener eine Einmischung von außen, man glaubt, Europa könne durch ihn auf die italienische Verwaltung Einfluss nehmen, davor fürchtet man sich, diese Angst wurde nicht zuletzt im Wahlkampf stark geschürt. Der einst als Retter Angesehene wurde plötzlich zum Sündenbock, jetzt verkörpert er all das, was in Italien schiefgelaufen ist in letzter Zeit. Dass das kollektive Gedächtnis nur ein Jahr zurückreicht und der Rest wie gelöscht scheint, ändert daran nichts.

Die Auferstehung des Berlusconi

Berlusconi. Der Totgesagte ist auferstanden, schreiben die Zeitungen. Doch wer die Vergangenheit kennt, hätte es besser wissen müssen. Waren es wirklich die Medien, die seine erneute Auferstehung möglich machten? Wohl auch die Medien, seine Medien, das alleine aber war nicht ausschlaggebend. Um zu verstehen, muss man die Italiener verstehen, die Fußballfans, die Autonarren, jene, die in der Polizei eine böse Macht sehen und wie selbstverständlich Steuern hinterziehen, weil sie glauben, dass es ihnen zusteht, weil der Staat kein Recht auf diese Gelder hat.

Und Berlusconi denkt genauso, nennt Richter linke Banditen und beschimpft bei jeder Gelegenheit die Staatsanwaltschaft. Der Rest ist freier Markt und Trickserei. Sein Ansehen leidet darunter nicht, auch nicht unter den vielen Skandalen, denn ein nicht unbedeutender Teil der italienischen Männer bewundert jene, die ihre Frauen hintergehen, sogar der Umgang mit Prostitution ist nicht so verpönt wie anderswo, schließlich ist Italien das Land der Liebe, der Schönheit, in nachmittäglichen Familiensendungen zieren spärlich bekleidete Frauen in sexy Pose das Bild, das prägt.

"Wieso denn nicht, ich würde mich auch darüber freuen, schöne Mädchen auszuführen, das steht ihm doch zu, ihr seid doch alle bloß neidisch", lautet eine Antwort von vielen vor den Cafés auf der Piazza. Italien ist Fußball, Italien verbindet man mit schnellen Autos, mit Mode, aber auch mit Mafia und Korruption, Italien ist ein Land voller Gegensätze, schön und hässlich zugleich, mit weißen Stränden und prächtigen Yachten, einstürzenden Denkmälern und kulturhistorischen Bauten, die dem Verfall überlassen sind. Kirchen werden nicht restauriert, sondern zugesperrt, weil sie einzustürzen drohen. Es ist das Land der Zeitungen, der Gewerkschaften und der Streiks, ein sonnenverwöhntes Land, ein Land und doch zwei Welten, Süden und Norden, illegale Mülldeponien und Naturschutzgebiete in unmittelbarer Nähe.

Land der Grillini

Und jetzt ist es auch das Land der Grillini, denn annähernd jeder Fünfte hat die Protestbewegung des Komikers Beppe Grillo gewählt, sie nennen sich "movimento cinque stelle". Grillo leiht der Bewegung sein Gesicht, er ist Markenzeichen und Zugpferd, derjenige, der die Plätze füllt. Bei der letzten Kundgebung in Rom waren über 800.000 Menschen gekommen, aus allen Schichten und jeden Alters, um ihn schreien zu hören, gegen die Mächtigen, gegen die Parteien, gegen das politische System.

Die Personen hinter dem "Clown", wie ihn die politische Konkurrenz abschätzig nennt, sind junge, meist gebildete Menschen, unerfahren, aber auch unverbraucht. Dort, wo sie als Politiker Einzug gefunden haben, sorgen sie für Unmut, weil sie Sitze halbieren, Gehälter kürzen, und es ist bis heute die einzige Bewegung, die vom Staat erhaltene Gelder für die Wahlfinanzierung rückerstattet hat, über 1,4 Millionen Euro allein in Sizilien. In Parma, wo Grillos Bewegung den Bürgermeister stellt, wurden illegale Machenschaften der Vorgänger öffentlich angeklagt.

Anlaufstelle für junge Menschen

Ob sie fähig sein werden, Politik zu machen, die aus mehr besteht als nur aus dem Protest, aus dem Kürzen von Geldern und Beiträgen, bleibt abzuwarten. Dass es eine Bewegung ist, in der sich viele Italiener wiederfinden, ist eine Tatsache, besonders für die jungen Menschen ist sie Anlaufstelle. Man kann sie als neue Aus- und Einfahrt bezeichnen auf der endlosen Schnellstraße namens Politik, wo es bisher selten eine neue Auffahrt, nie aber eine Ausfahrt gegeben hat. Einige der alten Politiker sind schon gegangen, ausgefahren sozusagen, weil sie nicht wiedergewählt wurden. Nicht alles ist schlecht, was derzeit passiert in Italien. (Horst Moser, derStandard.at, 28.2.2013)

Horst Moser lebt als freier Autor und Unternehmer in Südtirol. Er schreibt Romane, verfasst Artikel und bloggt.

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