Experte kritisiert "Baumgartnerisierung" der Forschung

28. Februar 2013, 12:49
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Diskussion im Club Research: "Wie viel Risiko braucht Forschung, wie viel Risiko verträgt sie?"

Wien - In den letzten Jahren wurde der Ruf nach mehr Risiko in der Forschung immer lauter, aber nicht alle Proponenten der Szene wollen dem folgen: Der Präsident des Wissenschaftsfonds FWF, Christoph Kratky, erkannte darin Mittwochabend im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Club Research" in Wien vor allem einen "unglaublichen Hype", der zu Lasten sorgfältig geprüfter Anträge gehen könnte. "Der Hype, den wir erleben, ist eine 'Baumgartnerisierung' der Forschung", spielte der scheidende FWF-Präsident auf den "Stratos"-Sprung des Extremsportlers Felix Baumgartner im vergangenen Jahr an, der von den Medien große Aufmerksamkeit erhielt.

Das Risikokonzept komme weniger von den Wissenschaftern selbst, sondern "von Leuten wie mir, also jenen, die forschen lassen". Bei Vergabesitzungen plötzlich nur mehr dreiseitige, riskante Anträge zu bevorzugen, komme einer Lotterie und letztlich einem Missbrauch öffentlicher Gelder gleich. Daher kann Kratky auch mit dem Ruf leben, die Forschungsförderung agiere eher konservativ. Die Kriterien guter wissenschaftlicher Leistungen sind für ihn eher Ausdauer und gute Ideen als die Bereitschaft, ein Risiko einzugehen.

Karrierekompatible Projekte

Das Risiko spiele nicht nur in der Förderung einzelner Projekte, sondern auch für die persönlichen Karriereüberlegungen von Nachwuchswissenschaftern mittlerweile eine maßgebliche Rolle, meinte Stefan Hornbostel vom Berliner Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (IFQ). Strategische Überlegungen, wie karrierekompatibel ein Projekt sei oder wo man publizieren soll, würden zunehmend in den Vordergrund treten und zu einer Verunsicherung führen: "Das Risiko spielt sich im Kopf ab."

Für den Computerwissenschafter Herbert Edelsbrunner vom Institute of Science and Technology (IST) Austria ist Forschung ohne Risiko nicht denkbar. Die Gesellschaft sei oft nicht bereit für radikale Ideen, die dann in weiterer Folge viel Geld und Infrastruktur aufsaugen würden. Dahinter stehe auch die philosophische Frage, wie viel oder wenig wir wissen: "Fast alles ist unbekannt und es wird so bleiben, wenn wir uns nicht entscheiden, Umwege zu gehen."

Riskante Ausgrabungen

Auch in den Geisteswissenschaften ist der Risikofaktor nicht unerheblich. Insgesamt 14 anonymisierte Gutachten bescheinigten einem Ausgrabungsprojekt ("Sesshafte bis proto-urbane Gesellschaften in Westanatolien") von Barbara Horejs vom Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI) einen hohen Risikofaktor. Abgesehen vom Archäologie-immanenten Risiko - "Wir wissen vorher nicht, was wir ausgraben" -, seien die Gutachter etwa wegen möglicher Probleme mit den Grabungsgenehmigungen in der Türkei besorgt gewesen.

Generell müsste man vom Konzept des Risiko weg, hin zu "großen, kühnen Fragen", so Horejs, die 2010 den START-Preis des FWF und danach einen "Starting Grant" des Europäischen Forschungsrates (ERC) erhielt. Selbst wenn diese nicht gelöst würden, fielen immer wieder wertvolle "Nebenerkenntnisse" dabei ab. (APA/red, derStandard.at, 28.02.2013)

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    Felix Baumgartner springt in die Tiefe. FWF-Präsident Christoph Kratky wendet sich gegen eine "Baumgartnerisierung" der Forschung.

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