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"Die europäische Energiepolitik muss wirklich europäisch sein“

18. März 2013, 00:00
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Dass die derzeitige Energiepolitik nicht optimal läuft, sind sich die Experten einig. Die Einschätzungen der weiteren Entwicklung sind jedoch noch zu unterschiedlich für ein Übereinkommen.

Für die Generalsekretärin von Oesterreichs Energie, Barbara Schmidt, sind die Energiemärkte in ihrer derzeitigen Ausgestaltung "überfordert".  Dies untermauert sie mit treffenden Beispielen auf der Internationalen Energiewirtschaftstagung (IEWT) am 13. Februar in Wien. "In Deutschland erhielten die Ökostromerzeuger im vergangenen Jahr Subventionen von rund 20 Mrd. Euro dafür, dass sie Strom mit einem Marktwert von drei Mrd. Euro ins Netz einspeisten. Damit drängen sie nicht geförderten Strom aus dem Markt und zerstören das Marktgefüge. Je mehr geförderter Strom ins Netz eingespeist wird, desto stärker sinken die Marktpreise. Das wiederum macht höhere Förderungen notwendig, wodurch der Marktwert des Stroms weiter sinkt."

Schmidts zweites Beispiel ist der ebenfalls aus den Fugen geratene CO2-Markt. So kosten Emissionszertifikate über eine Tonne CO2, wie sie im EU-internen Emissionshandel (EU-ETS) verwendet werden, zurzeit rund vier Euro. Dazu kommt, dass der Preis für Kohle in den vergangenen Monaten von 120 auf 90 Euro pro Tonne sank.

Die Folge: Kohlekraftwerke können Strom um 25 bis 30 Euro pro MWh günstiger anbieten als die emissionsärmeren Gaskraftwerke, die sich aufgrund ihrer Flexibilität bestens für den Ausgleich der schwankenden Stromproduktion der Erneuerbaren eignen würden. Schmidt zufolge erwirtschaften moderne deutsche Gaskraftwerke zurzeit pro MWh rund neun Euro Verlust. Hierzulande sieht es nicht besser aus, weil Deutschland und Österreich faktisch einen Markt bilden. "Man kann mit Fug und Recht sagen, dass die Energiemärkte aus dem Gleis geraten sind."

Der Ausbau der Erneuerbaren wird in den kommenden Jahren weitergehen, ist Schmidt überzeugt. Für Österreich ist eine Steigerung der Produktion um 2,2 TWh pro Jahr bis 2015 und von 2,7 TWh pro Jahr im Zeitraum 2015 bis 2020 bis zu erwarten. Dieser behutsame Weg sei verkraftbar und sollte fortgesetzt werden. Österreich sei aber durch die Kopplung des heimischen Marktes an Deutschland auch von der dortigen Entwicklung betroffen.

Schmidt: "Durch die enorme Ausweitung der installierten Leistung in Deutschland infolge der massiven Förderung neuer erneuerbarer Energien über Einspeisetarife und den Vorrang für Ökostrom im Netz kommen dort die Konstruktionsfehler dieses grenzenlosen Fördermodells zum Vorschein. Wir leiden mit Deutschland mit, denn auch bei uns sind Gaskraftwerke nicht mehr wirtschaftlich und die Speicherprojekte müssen überdacht werden. Wenn Deutschland keine Lösung findet, kommt der gesamte Markt in Schieflage."

Notwendig seien neue Steuerungselemente für die Energiezukunft, die so angelegt sind, dass alle Erzeuger marktfähig und wettbewerbsfähig sind, dass es eine Abstimmung zwischen den Teilsystemen der Stromversorgung gibt und dass es faire Spielregeln für alle Beteiligten gibt.

Schmidt: "Wir dürfen auch die Verbraucher nicht überfordern. Es ist einem Mieter im Sozialbau schwer zu erklären warum er die Photovoltaikanlage des Villenbesitzers zahlen soll. Und ohne den Ausbau der Netze und den Ausbau der Speicher wird der weitere Umstieg auf Erneuerbare nicht zu machen sein." Subventionen für die erneuerbaren Energien könne es durchaus auch weiterhin geben. Statt der bisherigen Einspeisetarife empfehlen sich, Schmidt zufolge, allerdings eher Investitionsförderungen oder ein Quotensystem. "Auf dem Markt für die erzeugten kWh müssen wieder faire Bedingungen geschaffen werden", resümiert Schmidt.

Keine Kapazitätsmärkte nötig?

Der Vorstand der E-Control, Walter Boltz, hält eine grundlegende Änderung des Marktdesigns indessen nicht für notwendig. Er spricht sich auf der IEWT auch gegen die Einführung von Kapazitätsmärkten aus. Laut Boltz "haben wir in Europa eigentlich genügend Reservekraftwerke. Das Problem ist die mangelnde Integration der Märkte, gerade was die grenzüberschreitende Bereitstellung von Ausgleichsenergie betrifft." Notwendig ist ihm zufolge daher weniger der Bau neuer Kraftwerke, als vielmehr die Errichtung und Ertüchtigung der grenzüberschreitenden Leitungen.

Boltz geht allerdings davon aus, dass es "irgendeine Art von Kapazitätsmärkten" geben wird, nicht zuletzt, weil mehr oder weniger gelungene Ansätze dazu bereits in mehreren EU-Mitgliedstaaten bestehen. Allerdings sollten künftige Kapazitätsmärkte in der EU "nicht auf nationaler, sondern auf regionaler Ebene" organisiert werden und jeweils mehrere Mitgliedstaaten umfassen, fordert Boltz. Dies könne dazu beitragen, Ineffizienzen zu vermeiden.

Im Rahmen der IEWT spricht sich auch der TU-Professor und Energiewirtschaftler Reinhard Haas gegen Kapazitätsmärkte aus: "Kapazitätsmärkte würden zu einer Strom-Planwirtschaft führen, in der die Errichtung der gesamten Infrastruktur zentral gesteuert wird. Das eigentliche Problem, das wir derzeit haben, liegt bei den Netzen. Die müssen wir ausbauen."

Für eine umfassende Neugestaltung des Marktdesigns hatte sich im Dezember vergangenen Jahres der europäische Elektrizitätswirtschaftsverband Eurelectric ausgesprochen. In einer Studie mit dem Titel "Powering Investments: Challenges for the Liberalized Electricity Sector", konstatierte er, es bestehe ein inhärentes Spannungsverhältnis zwischen den drei Zielen der europäischen Energiepolitik, eine sichere, saubere und leistbare Energieversorgung zustande zu bringen.

Die subventionierte und nicht bedarfsgerechte Stromproduktion der Erneuerbaren reduziere die Zahl der Betriebsstunden konventioneller Kraftwerke, die Leistung gesichert bereitstellen können. Damit kommen diese Anlagen zunehmend unter wirtschaftlichen Druck, obwohl sie für die Versorgungssicherheit und als "Back-up" für die Erneuerbaren unverzichtbar sind.

Eurelectric fordert, in ihrer Studie, einen "holistischeren" Ansatz der europäischen Energiepolitik. Dieser müsse darauf ausgerichtet sein, das Gesamtsystem der Energieversorgung zu optimieren. Ein Fokussieren auf Einzelmaßnahmen wie das Fördern der erneuerbaren Energien – noch dazu mit unterschiedlichen Systemen in den EU-Mitgliedstaaten – bringe dagegen wenig. Und, so Eurelectric weiter: "Die europäische Energiepolitik muss wirklich europäisch sein." Es gelte, die verschiedenen "Energiepolitiken" der Mitgliedstaaten besser zu koordinieren und auf das gemeinsame Ziel der Vollendung des Binnenmarktes auszurichten. Diese ist bereits für 2014 geplant.

  • Artikelbild
    foto: oesterreichs energie/christian fischer
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