Ganz bei den Burmesen

28. Februar 2013, 16:57
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Das neue Burma-Buch von Bettina Flitner und Alice Schwarzer erscheint bereits in der zweiten Auflage

"Ich schreibe diesen Text im Mai 2012 und aktualisiere ihn im Januar 2013", steht in Alice Schwarzers jüngstem Buch. Hat sie zu oft sich vertippt? Nein, man darf aber davon ausgehen, dass es pressiert, und wird sich nur über die Art der Publikation wundern: Die Zeilen ergänzen Reiseaufnahmen der Fotografin Bettina Flitner, die unter anderem mit den Porträtserien Frauen mit Visionen und Frauen, die forschen bekannt wurde.

Bloß: Aufwändig produzierte Reisebücher gehen normalerweise nicht im Halbjahrestakt wegen eines neuen Vorworts in die nächste Auflage. Und schon gar nicht verlangen Fotografien, die eher Bestand als Veränderung dokumentieren, in der Regel rasch nach neuen Unterschriften. Schwarzer tippte allerdings auch nicht Banales unter Bilder vom Ballermann, sondern sie riskierte mit dem Buch Reisen in Burma erneut eigene Botschaften.

Weil die Emma-Herausgeberin nach insgesamt sechs Aufenthalten seit 2000 in diesem Land - ähnlich einer Korrespondentin, nur empathischer gefärbt - immer "von dort" berichten wollte, streicht sie heraus: "Mein Burma-Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von 2008 ist damals ausschließlich von Deutschen kritisiert worden, die Burma nicht oder kaum kannten. Gleichzeitig habe ich viele Reaktionen bekommen von Kennern oder Menschen, die dort leben. Tenor: 'Endlich schreibt mal jemand die Wahrheit, jenseits aller Ideologien.'"

Jenseits von Gut und Böse - was die journalistische Redlichkeit betrifft - verortete hingegen Matthias Matussek damals den FAZ-Artikel von Schwarzer per offenen Antwortbrief im Spiegel: "Er mischt Vorurteile, Schlampigkeit und kitschige Reisebilder zu einem wahrhaft abstoßenden ideologischen Gebräu."

Sind es also Sätze aus Reisen in Burma wie "Wir haben die Tausend-Pagoden-Felder von Bagan durchwandert und unter dem mächtigen Eulen-Baum am Ayerwaddy lauwarmes Myanmar-Bier getrunken", die den Daheimgebliebenen auch heute wieder sauer bei einem kalten Pils aufstoßen könnten? Wahrscheinlich, aber Schwarzer ging immer - und geht auch heute noch - einen Schritt der Angreifbarkeit weiter: "Ja, die lange Isolation hatte nicht nur Nachteile, sondern auch Vorteile", sagte sie dem STANDARD auf die Frage, was Reisende denn dort hinzieht, und weiter: "Eben die Bewahrung der spezifischen Kultur und Eigenheiten. Die (post)sozialistischen Generäle haben eben nicht - wie etwa in China - versucht, etwas "ganz Neues" zu schaffen und die Geschichte auszuradieren, sondern die buddhistische Tradition respektiert." Was soll man darauf antworten? Dass sie damit wohl kaum die protestierenden Mönche der "Safran-Revolution" im Jahr 2007 meinen kann, deren Aufstand blutig niedergeschlagen wurde.

Gleichzeitig lässt Schwarzer nie Zweifel daran - nicht im neuen Vorwort zu Reisen in Burma und schon gar nicht auf Nachfrage -, wie sie zum burmesischen Regime steht und stand: " Nein, an meiner Einschätzung hat sich nichts geändert, im Gegenteil: Ich sehe mich durch die jüngste Entwicklung bestätigt. Der lange Boykott des Westens war falsch, er hat das Land nur noch stärker in die Arme Chinas getrieben und der Bevölkerung geschadet, nicht dem korrupten Regime."

Ob es unterdrückten Menschen in Diktaturen nützt oder schadet, wenn man solche Länder bereist, damit beschäftigen sich freilich nicht nur Journalisten. Cordula Wohlmuther etwa, die an der Uni Klagenfurt das Forschungsprojekt "Tourismus und Frieden" für die Welttourismusorganisation der Uno (UNWTO) leitet, sagt über Burma: "Es ist noch zu früh, um wissenschaftlich zu beurteilen, ob Tourismus dort eine demokratisierende Wirkung haben kann. Die burmesische Regierung hat der UNWTO nun erstmals zu erkennen gegeben, dass sie Unterstützung bei der Entwicklung des Tourismus benötigt. Das kann ich zunächst einmal nur als gutes Zeichen werten."

So oder so haften diese Subtexte wie ein Grauschleier über den Porträts und Panoramen von Flitner (siehe Seiten 34 und 35) und als Glosse neben Schwarzers Gedanken. Die Frage ist aber wohl auch: Was tun mit solchen Reisesouvenirs? Schwarzer hat sie jedenfalls als angreifbare Diskussionsgrundlage in einen Bildband gepackt und ist nicht beim lauwarmen Bier geblieben. (Sascha Aumüller, DER STANDARD, Rondo, 1.3.2013)

Am 8. Mai wird die Ausstellung "Reisen in Burma" in der Hauptbücherei Wien durch die Autorin und die Fotografin eröffnet.

  • Bettina Flitner / Alice Schwarzer"Reisen in Burma". DuMont, Köln 2013, 2. Auflage, 36 Euro
    foto: dumont

    Bettina Flitner / Alice Schwarzer
    "Reisen in Burma".
    DuMont
    , Köln 2013, 2. Auflage, 36 Euro

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